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Kategorie: Buchkultur

#ReisegruppeSonnenschein: Verlagebesuchen

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels verschenkte zum Welttag des Buches, stets der 23. April eines Jahres, Bücher. Es folgten Blogger mit dem Häshtag #BloggerschenkenLesefreude und nun steigen auch die Verlage mit ein. Denn zum ersten Mal öffnen solche in ganz Deutschland am Wochenende vom 21. bis 23. April ihre Türen, laden zu Werkstattgesprächen, Lesungen, Erkundungen und Kennenlernen ein. Was sonst nur Blogger dürfen, soll nun auch der kleine Mann können: lauschen und Schnittchen essen. Der Kompetenz- und Serviceblog 54books hat für das Wochenende eine Reiseroute durch Berlin abgesteckt (Stichwort „Spaß“: Bollerwagen; Stichwort „Service“: Google Maps zum Ausdrucken).

#ReisegruppeSonnenschein

Die Übersicht über sämtliche Verlage und Orte gibt es hier.

Matthes & Seitz: Werkstattgespräch

22. April 2017 // 11:00-13:00 // Berlin

Göhrener Str. 4
Berlin, 10437

Anmeldung unter: info@matthes-seitz-berlin.de

In den 13 Jahren seines Bestehens hat der Verlag Matthes & Seitz sich mit kontinuierlich guter, nicht selten herausragender, Arbeit in den Olymp der Indies verdient. Der Morgen eurer Tour beginnt also mit Verleger Andreas Rötzer, der einen Einblick in die Verlagsgeschichte geben und von der Entstehungsgeschichte einiger Bücher, insbesondere aus der Reihe »Naturkunden«, berichten wird. Darauf einen ersten Feigling!

Secession Verlag für Literatur: Hier haben wir eine Sammlung indiskreter Bilder.

22. April 2017// 14:00-16:00// Berlin

Secession Verlag c/o Galerie p98a
Potsdamer Straße 98a
Berlin, 10785

Anmeldung unter: weidel@secession-verlag.com

Neben der obligatorischen Einführung in die Arbeit eines Verlags, die traditionell mit einem Aquavit begleitet wird, wird 54stories-Autorin Maren Kames lesen. Anschließend dürfen Dilettanten selbst Hand an eine Bleisatzmaschine legen, „um wenigstens einmal im Leben Druck auszuüben“, preist Secession an und stellt eine (die hoffentlich zweite) Goodie-Bag des Tages in Aussicht.

Eden Books: Der Name ist Programm

21. April 2017 //16:00-18:00// Berlin

Rosa-Luxemburg-Straße 14
Berlin, 10178

Anmeldung unter: hallo@edenbooks.de

Der Weg von der Postdamer Straße in die Rosa-Luxemburg-Straße sollte nicht länger als eine juristische Sekunde dauern. Denn dort begrüßen Jennifer Kroll und ihr Team die Reisegruppe mit einem Highball aus Ambrosia und Absinth (60:40). Frau Kroll, die möglicherweise ihre Wort von der Leipziger Autorenrunde, auf der ich sie traf, recyclen wird, behauptet, vor Ort gäbe es „etwas zum Lachen“ und „Nähkästchen“. Dass das Ganze unterhaltsam wird, habe ich bei eben dieser Autorenrunde überprüft.

AvivA Verlag: Wir holen die zwanziger Jahre nach Moabit

21. April 2017 // 18:00-20:00 // Berlin

Emdener Str. 33
Berlin, 10551

Anmeldung unter: info@aviva-verlag.de

Auch hier dürfte der Übergang knapp werden, aber beim AvivA spricht die Verlegerin Britta Jürgs über ihre Schwäche für Literatur der zwanziger Jahre, die sie mit dem Reiseleiter teilt, darüber wie aus Ideen Bücher werden und was einen unabhängigen Verlag ausmacht. Nach Angabe der Verlegerin freut man sich darauf ins Gespräch zu kommen, was im Klartext wohl heißen dürfte, dass Kaltgetränke gereicht werden.

 

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Felix Jud: Die schönste Buchhandlung Hamburgs

Die heutigen Rufe der schlechten Zeiten der Branche klingen wie Hohn, bedenkt man, dass ein 24 Jähriger im November 1923 in Hamburg eine Buchhandlung eröffnet. Es ist kurz nach dem Hitlerputsch, Deutschland ist von politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten gebeutelt, als Felix Jud Einladungen in seine „Bücherstube“ verschickt:

Allen Verhältnissen zum Trotz – im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum – haben wir uns entschlossen, eine neue Buchhandlung zu eröffnen.

Chuzpe ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit, definiert man bei Wikipedia. Das Bild Juds würde, sprichwörtlich, gut daneben passen. Er fuhr in der Einladung fort, seine Bücherstube solle eine Pflegestätte sein für das gute und schöne Buch, für Publikationen über alte und moderne Kunst und für Bücher über Philosophie.

Felix Jud verkaufte vertrauenswürdigen Kunden regimekritische Literatur und unterhielt Kontakte zum Hamburger Zweig der „Weißen Rose“. Am 18. Dezember 1943 verhaftete ihn daher die Gestapo. Bis April 1945 saß er im Gefängnis in Fuhlsbüttel und im KZ Neuengamme bei Hamburg, der Volksgerichtshof verurteilte ihn noch zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren, der aber die Befreiung durch die Alliierten zuvorkam. 1985 starb Jud und übergab die Geschäfte seinem Nachfolger Wilfried Weber. Dieser arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre bei ihm.

„Cher Ami“ faxt Karl Lagerfeld

Mit Wilfried Weber treffe ich mich Mitte Mai am Neuen Wall 13, unweit der U-Bahn Haltestelle Jungfernstieg. Jeder Hamburg Reiseführer nennt diese Adresse, beschreibt die hohen Fenster, die immer einfallsreich gestaltet werden. Ich bin – natürlich – bereits Kunde, aber wir haben uns für ein Gespräch verabredet. „Was wollen die Kunden, was können wir bieten und wie müssen wir uns weiterentwickeln?“, fragt der wie stets elegant gekleidete Buchhändler, „denn nur über Weiterentwicklung können wir bestehen.“ Daher interessieren sich Weber und seine Mitarbeiter auch dafür wie Literatur im Internet präsentiert und besprochen wird. Dass dies nicht nur leere Phrase ist, belegen nicht nur die zweieinhalb Stunden, die Weber sich für mich Zeit nimmt, sondern die Vielzahl seiner Aktivitäten rund um (Buch-)Kultur.

Weber, der vom Leiter des Hamburger Literaturhauses Prof. Moritz als „Grandseigneur der Hamburger Literaturszene“ bezeichnet wird, saß in unzähligen Jurys, engagiert sich in der und für die Kunsthalle, ist gern gesehener Gesprächs- und Interviewpartner, sowie Gründer der 5plus-Buchhandlungen. Zuletzt etablierte man bei Felix Jud eine Reihe für jüngere Literatur, so kommt die äußerst treue Stammkundschaft neuerdings in den Genuss von Jan Wagner, Leif Randt oder Saša Stanišić stets moderiert von Ulrich Greiner, dem ehemaligen Feuilletonchef der ZEIT, der ebenso Stammkunde ist, wie sein Vorgänger Raddatz es war, der wiederum seine letzte Lesung hier veranstaltete. Siegfried Unseld („Don Siegfried“) rief in Hamburg an, als er „aus Versehen“ selbst eine Buchhandlung in Frankfurt erwarb. Und solch Kundenstamm und Beziehungen führen nicht selten zu Synergieeffekten mit beeindruckender Reichweite. Karl Lagerfeld ist Kunde Webers, ein beachtlicher Stoß handschriftlicher Bestellungen in der ausladenden Handschrift Lagerfelds liegt vor uns dem Schreibtisch. Als die Kunsthalle ein modernes Pendant zu der Kunst Anselm Feuerbachs sucht, vermittelt Weber ihr KL.

Der Grandseigneur stieß die Gründung des Literaturhauses in Hamburg an. Mit den Werken des langjährigen Stammkunden Horst Janssen wurde der Grundstein für den Kunsthandel gelegt, der heute ebenso selbstverständlich in die Buch- und Kunsthandlung gehört wie das Antiquariat. Max Liebermann, Marc Chagall, Joan Miró, Alberto Giacometti die Namen der hier vertretenen Künstler liest sich klangvoll wie die der Schriftsteller, die hier lesen und lasen.

Es war mein „Stadt-Tag“, also ging ich zum Herrn Weber in die Bücherstube Felix Jud […].
Fritz J. Raddatz – Tagebücher, 9. März 2011

Doch diese Geschichte und die imposanten Räumlichkeiten sind nicht nur Grund zu Freude. „Wir sind ein offenes Haus, aber inzwischen betrachten uns viele als eintrittsfreies Museum“, sagt Weber, der auch als Kaufmann denken muss. Dem verstorbenen Eigentümer der Buchhandlung zum Wetzstein, Thomas Bader, ging es ähnlich: „Mir geht diese Musealisierung auf den Wecker. Die Leute kommen rein, wollen sich mit mir unterhalten und sagen im besten Fall schönen Dank, kaufen aber nichts.“ Enttäuschen muss Weber auch viele Leute, die ihm spontan ein antiquarisches Buch zum Kauf andienen, schon der beschränkte Platz in den drei Vitrinen macht eine gründliche Auswahl nötig. „Wenn ich ein barockes Werk in den Händen halte und darin blättere, es riecht gut, das 18. Jahrhundert kommt einem entgegen, dann entsteht natürlich erst einmal Achtung – aber dann entsteht Unsicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es sich um etwas bedeutendes handelt.“ Die meisten der verliebten Laien, mit vermeintlichem Schatz unter dem Arm, muss er aber enttäuschen.

„Wir sind sehr eigenartig, wir sind besessen“

Vom Schreibtisch begeben wir uns ein halbes Stockwerk tiefer zu den Vitrinen des Antiquariats. Schwerpunkte sind Hamburger Stadtgeschichte, Aby Warburg, Künstlerbücher, historische Reiseberichte und illustrierte Märchenbücher, aber selbstverständlich auch bedeutende Erstausgaben deutscher Literatur. „Die Attraktivität dieser Firma macht auch das Zusammenspiel von Buchhandlung, Antiquariat und Kunsthandel aus“, sagt Weber. „Wenn ein Kunde hereinkommt und nach Thomas Mann fragt, dann haben wir nicht nur im Parterre fast alles lieferbare, einschließlich der Werkeausgaben, sondern haben immer auch signierte Erstausgaben. Unabhängig natürlich davon, ob dann der Kunde, der harmlos fragend hier reinkommt, hinterher sich versteigt zu einer tollen Ausgabe, man kann ihm was erzählen, so kommt man ins Gespräch und das ist genauso auf die Kunst übertragbar.“

„Wer zu uns kommt, sucht den Dialog, möchte Rat, lässt sich inspirieren. Das Bedürfnis nach solchen Räumen, wo man Besonderes findet, scheint nicht erloschen zu sein.“
Marina Krauth im Hamburger Abendblatt

Die Bücher des Antiquariats sind bei Felix Jud hinter Glas verschlossen. Nicht auszudenken was grapschende Laufkundschaft nach der Currywurst des Mö-Grills hier für Schäden anrichten könnte. Mein Blick fiel bereits vorhin auf eine Nietzsche Ausgabe, die Henry van de Velde gestaltet hat. Wilfried Weber löst die Schlösser und nimmt den Band heraus. Laie, der ich bin, erstarre ich leicht, als der Antiquar zu blättern beginnt. Es ist kein zaghaftes Seiten umlegen, sondern Blättern im Wortsinn. „Aber es ist doch ein Gebrauchsgegenstand – zwar einer von Rang – aber es bleibt doch ein Gebrauchsgegenstand“, stellt er fest und fügt an, dass er es sich konsequenterweise auch vorstellen könnte mit diesem Buch abends auf dem Sofa zu sitzen. „Außerdem ist es ja gar nicht so bedeutend und kostet nur 380 Euro.“ Anders sähe das bei einer Zarathustra Ausgabe aus, die momentan gehandelt würde. Es gibt nur zwei Exemplare der Vorzugsausgabe, auf Japanpapier und in rotes Maroquin gebunden, ebenfalls komplett gestaltet von Henry van de Velde, die Schätzung beläuft sich auf 75.000 Euro, wenn Weber diese hätte, sagt er, säße er mit ihr nicht auf dem Sofa, sondern am Schreibtisch.

ecce homo friedrich nietzsche henry van de velde
Das Titelblatt der von Henry van de Velde gestaltete „Ecce Homo“ Ausgabe

Weber zeigt mir viele verschiedene Stücke, die die ganze Bandbreite seines Antiquariats widerspiegeln: Eine Ausgabe des Theuerdanks, ein Druck von 1517 mit 118 kolorierten Holzschnitten, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximilian I., Künstlerbücher von Max Ernst oder Picasso, Della vera tranquillità dell’animo von Isabella Sforza, das bei seinem letzten Besuch Umberto Eco fast erwarb, illustrierte Märchenbücher, bedeutende Ausgaben moderner deutscher Literatur. Zu jedem weiß Weber eine Geschichte, kennt die Provenienz, jedes Stück begeistert ihn auf andere Weise.

„Man muss anhaltend neugierig sein“

Als ich von seiner besonderen Karriere als Buchhändler spreche, winkt Weber ab. Man könne doch nicht von einer Karriere sprechen, es handele sich vielmehr um besondere Arbeitsumstände, von denen er profitiert habe und die, da stimmt er mir zu, so heute nicht mehr vorhanden seien.

„Die Gefahr von Halbintellektuellen, zu denen ich uns zähle, ist immer sich selbst zu ernst zu nehmen. Wir sind Vermittler und müssen dazu natürlich einiges wissen und einiges leisten, aber das ist es dann auch.“ Daher spricht Weber, der im zweieinhalbstündigen Gespräch nie müde wird interessante Geschichten zu erzählen, Wissen und Erfahrungen zu teilen, während er Kunst, Bücher und Kultur erklärt, mehrmals davon, wie wichtig ihm die Fähigkeit der Selbstironie ist. Wichtiger als diese ist aber wohl die Leidenschaft, die Passion für Literatur. „Wir alle hier sind besessen“, sagt er. Dazu ist jeder der Mitarbeiter Spezialist auf verschiedenen Gebieten. Klaus Lameier gestaltet nicht nur die Schaufenster (einige Beispiele gibt es hier), sondern ist ein Fachmann für Genealogie und Kunst. Marina Krauth, die bei Felix Jud selbst gelernt hat, studierte später Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete beim Kunstbuchverlag Prestel und beim Verlag George Braziller in New York, bevor sie 1993 wieder bei Felix Jud einstieg und seitdem mit Wilfried Weber die Geschäftsführung bildet. Auch Sandra Hiemer ist Kunsthistorikerin, betreute als Herausgeberin ebenso die Veröffentlichung der Briefe Hans Henny Jahnns wie heute die Vorbereitung der Chronik der Buchhandlung. Annegret Schult ist die erste Ansprechpartnerin im Haus, wenn es um aktuelle Belletristik geht. Völlig unabhängig von Trends wählt sie aus was auf dem Tisch direkt gegenüber der Eingangstür ausliegen darf. „Annegret hilft tüchtig mit, dass der Elfenbein Verlag, ein Ein-Mann-Unternehmen, bestehen bleibt“, lacht Weber, denn Frau Schult hat momentan Anthony Powells zwölfbändiger Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ zu ihrer liebsten Empfehlung gekürt. Wilfried Weber wiederum weiß wieder sofort wo sich das dem Zyklus den Namen gebende Bild von Nicolas Poussin gerade befindet (in der Wallace Collection in London, deren Leiter Christoph Martin Vogtherr, im Oktober in die Kunsthalle wechselt). Was andere betriebswirtschaftlich betrachtet vielleicht als Synergien bezeichnen würden, gehört hier zum Konzept: Die Mitarbeiter ergänzen sich.

Das Vorhaben Felix Juds bei Gründung seiner Bücherstube eine Pflegestätte für das gute und schöne Buch zu etablieren, ist gelungen. Wie jeder Reiseführer kann auch ich nur empfehlen Felix Jud zu besuchen. Man braucht dort nicht, wie in die anderen Geschäfte der „Luxuswüste Neuer Wall“ (Weber), verschüchtert einzutreten, sondern ist willkommen und wird von Fachleuten für Literatur, Büchern und Kunst äußerst kompetent beraten werden. „Empfehlungen? Da sind wir ja hemmungslos!“, lacht Wilfried Weber am Ende unseres Gesprächs.

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Friedrich Forssman – Wie ich Bücher gestalte – Ästhetik des Buches

Friedrich Forssman wie ich bücher gestalte ästhetik des buches wallstein göttingenSchon in der Überschrift dieses Artikel ist ein schwerer gestalterischer Fehler, der sich komplett durch den gesamten Artikel zieht. Zwar sind Schriftart und Größe gut lesbar und (in meinen Augen) einigermaßen hübsch gewählt, doch sind das Bindestriche oder Gedankenstriche? Anders als Word, und auch dort gelingt es nicht immer, werden hier nicht automatisch Strichlängen angepasst, denn es gibt – (Bindestriche) und – (Gedankenstriche). Man kann nur hoffen, dass Friedrich Forssman diesen Blog nicht liest! 1

Denn bei Friedrich Forssman, dem Internetmenschen durch seinen eBook-Rant bekannt, ging ich achtzig Seiten in die Lehre. Wie ich Bücher gestalte heißt der Werkstattbericht des Buchgestalters und Typographen, der beim Göttinger Wallstein Verlag in der Reihe Ästhetik des Buches erschienen ist. In dieser widmen sich Autoren aus verschiedenen Disziplinen den einzigartigen ästhetischen, kulurellen und wahrnehmungspsychologischen Qualitäten des gedruckten Buches.

Forssman schreibt auch für Laien anschaulich über die Grundlagen der Buchgestaltung, die Gestaltung als Handwerk und (hier liegt ein bedeutender Unterschied!) Kunsthandwerk. In vier Teilen – Das Allgemeine, das Besondere, Das Innere, Das Äußere – gibt er nicht nur Einblick in die Tätigkeit selbst, sondern vermittelt auch seine Vorstellungen eines gelungen gestalteten Buchs. Ein fester Bestand ist für ihn hierbei etwa das Gestalten von Innen nach Außen, um im Anschluss einen Überblick über Vorteile verschiedener Schriftarten zu geben und wie diese zu setzen sind. Die Fachsprache des Setzers liest man nicht ohne Schmunzel: Geringe x-Höhe, recht glatt und vernünftigt, etwas spitz und scharf, in der Anwendung nicht sehr gutmütig.

Natürlich ist Lesbarkeit wichtig, sie ist aber nicht alles. Gestalten heißt auch, dem Benutzer gewisse Unbequemlichkeiten zuzumuten und ihm zuzutrauen, daß er Entscheidungen nachvollziehen kann und billigt, die zuungunsten des vordergründigen Funktionierens getroffen wurden, dafür zugunsten eines größeren Behagens, einer – etwas pathetisch gesagt – „höheren Richtigkeit“.

Kein altes Medium

Und, übrigens: Ich möchte nie, nie wieder auf ein Podium geladen werden – als amüsantes Buch-Fossil, als Kontrastprogramm zu den Zukunftsvisionären in Form von Google-Oligarchen, Börsenvereins-Geldverbrennern und analphabetischen Digitalhipstern mit ADHS im Vollbild – und mir noch ein weiteres Mal anhören müssen, »daß ja noch nie ein neues Medium ein altes Medium verdrängt habe«.

Friedrich Forssman

Die Erfüllung dieses Wunsches liegt nicht in meinen Händen, und der Streit ausgekaut. Wie man aber das alte Medium so gestaltet, dass es eine Kunst ist, erfährt man unterhaltsam und lehrreich von Forssman. Wie kunstvoll dann ein von Forssman gestalteter Text, wie wunderschön er ist, ein Blick in die Leseprobe der Kritische Gesamtausgabe von Walter Benjamin genügt, um dies zu erkennen. Um die Kunst wirklich wertschätzen zu können, sollte man aber Wie ich Bücher gestalte lesen, erst dann kann man wirklich ermessen wie viel Hirnschmalz und gestalterische Kreativität in stimmiger Buchgestaltung steckt.

Zu den vielen guten Eigenschaften von Büchern gehört, daß sie alt werden – wenn sie gut hergestellt sind, halten sie sogar ewig; wenn sie gut gestaltet sind, sind die Abnutzungsspuren vorgesehen und eingeplant.

Beitragsbild: The British Museum (CC BY-NC-SA 4.0)
Nachweis der Grafik zur Typographie

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#einfachWeiterlesen – Nr. 1

Bücher sind nicht das ideale Medium für sämtliche ideellen Inhalte. Dies war immer so, aber jetzt ist es augenfällig geworden. Es wird einem zukünftig unangemessen erscheinen, in gedruckter Form Titel zu kaufen, von denen abzusehen ist, dass man sie nur einmal liest, möglicherweise sogar widerwillig, weil man es aus professionellen Gründen oder um mitreden zu können muss. Außerdem gibt es neue ästhetische Formen […], die im Print gar nicht denkbar sind.

Christiane Frohmann: Einfach Weiterlesen

Nicht selten habe ich postuliert niemals ein „eBook“ zu lesen. Die alte Diskussion um Haptik, Geruch und deren Freunde hat inzwischen einen Bart wie Blogger vs. Feuilleton. Es gibt Titel, die im Druck nicht zu finanzieren sind, weil nur fünfzig Leute sie kaufen würden, weil sie zu kurz sind und Heftchen nur verkaufbar sind, wenn sich darin eine Krankenschwester in einen Arzt verliebt, oder Druck und dessen Vorlauf schlicht zu lange dauern würden, die Titel aber heute relevant sind.

Niemand verlangt, dass Du die Kölner Ausgabe von Böll auf dem Handy liest, man darf aber voraussetzen, dass Dir, wenn Du Literatur konsumieren willst, die Darreichungsform egal ist.

Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.

Louis Sullivan – „The tall office building artistically considered“

Drei Beispiele für die Möglichkeiten, die elektronische Titel bieten.

Arthur Cravan: König der verkrachten Existenzen

cover-arthur-cravan-koenig-der-verkrachten-existenzen-mikrotext-2016-400pxMan schämte sich der Homosexualität seines in ärmlichsten Verhältnissen gestorbenen Onkels, deswegen erfuhr Fabian Avenarius Lloyd erst zwei Jahre nach dessen Tod von seiner Verwandtschaft1 mit Oscar Wilde. Die eigentlichen Karrierepläne wurden aufgegeben, sich selbst stattdessen das Pseudonym Arthur Cravan. In Paris publizierte er in der Zeitung Maintenant, die er selbst gegründet hatte und verlegte, er veranstaltete absurde Veranstaltungen, bevor es Dada gab, und verbreitete Gerüchte über den verblichenen Onkel2. Als der erste Weltkrieg ausbrach desertierte er, ließ sich verabredungsgemäß sechs Runden vom ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Jack Johnsohn3 verhauen, traf Leo Trotzki und ertrank bei einem missglückten Bootsausflug im Pazifik.

Die Kunst, die Kunst, ich scheiße auf die Kunst, schreibt Cravan und schafft in seinen bei Nautilus und in Auswahl Mikrotext erschienen Texten ebensolche. Er ätzt und spuckt Galle, streunt durch Paris, verspottet die etablierte Literaturszene, die ihm den Eintritt verwehrt. Der Nouveaubeton Paris‘ – vor hundert Jahren.

Cravan trifft André Gide und schreibt darüber ein Portrait, das zugleich Karikatur und Spiegelbild ist. Der berühmte Text über sein Treffen mit Oscar Wilde war so detailliert und passend, dass nicht Wenige Cravan glaubten der Meister sei noch am Leben4

Emmanuel Bove: Gesamtausgabe

Man wird sich fragen, warum Bove so lange vergessen blieb. In den Literaturgeschichten taucht sein Name so gut wie nicht auf; von einigen kurzen Rehabiloitationsversuchen abgesehen, waren die mesiten der rund dreißig Bücher, die er geschrieben hat, lange Zeit unauffingbar. Gewiss war die außerordentliche Diskretion des Menschen, bis zum völligen Rückzug, einer der Gründe für seine Vergessenheit.

bovelesebuchbildaSo schreibt Jean-Luc Bitton in seinem Essay Haben Sie Emmanuel Bove gelesen?, der dem kostenlosen Bove-Lesebuch voransteht, der bei der Edition diá erhältlich ist.

Die Frage jedoch: Wie konnte man diesen Schriftsteller vergessen?, kann auch der Biograph Bitton nicht erklären. Rilke und Beckett verehrten ihn, die Kritik hat ihn gefeiert und die Antwort soll natürlich sein: er wurde nicht vergessen und soll wiederentdeckt werden. Eine erste Renaissance gab es bereits als Peter Handke begann Bove neu zu übersetzen. Meine Freunde, Armand und Bécon-les-Bruyères. Eine Vorstadt sind Anfang der 80er bei Suhrkamp erschienen. Danach wurde es wieder ruhiger. Mit Auslaufen des Urheberrechts macht die Edition diá nun das Gesamtwerk Boves wieder zugänglich. Wieso sich dieses zu Entdecken lohnt, weiß wieder Bitton.

Boves Stärke ist es, dass er seine Figuren nie verachtet oder verurteilt, er schaut ihnen, wie ein Laborant durch das Mikroskop, beim Leben zu. Und er beschreibt uns schlicht, was er sieht, was er gehört hat und was wir nicht mehr sehen oder ausdrücken können, mit einer fast besessenen Sorge ums Detail.

Zum Einstieg in das Werk Boves lohnt das umfangreiche, kostenlose Bove Lesebuch, das man bei der Edition diá herunterladen kann.

Weitere Informationen zu Leben und Werk findet man auf der eigens eingerichteten Homepage für emmanuelbove.de.

Rowohlt Rotation

978-3-644-05371-7Kurz vor der Leipziger Buchmesse startete Rowohlt sein neues Digital-Imprint Rowohlt Rotation, erkennbar an rororo, Rowohlts Rotationsromane, angelehnt, das Format das Rowohlt im Nachkriegsdeutschland zu neuer Berühmtheit verhalf. Man konnte günstig und damit für den Leser erschwinglich Taschenbücher, die zu Beginn nur 1 DM kosteten, mittels Rotationsdruck herstellen und so die neue Bundesrepublik mit Literatur versorgen. Bereits die ersten drei Titel – G.K. Chestertons Das fliegende Wirtshaus, William Faulkners Licht im August und Graham Greenes Die Kraft und die Herrlichkeit – spiegeln deutlich wider, was früher unter Unterhaltung verstand, die man günstig unters Volk bringen konnte, aber auch den neuen Anspruch des Digital-Imprints, denn dort kann man als Äquivalent zu Nobelpreisträger Faulkner heute Texte von Vladimir Nabokov, Jonathan Franzen oder Kurt Tucholsky kaufen, statt Graham Green gibt es Joachim Fest über Hannah Arendt oder Stewart O’Nan und anstelle von Father Brown immerhin noch Simon Beckett oder, denn das ist Unterhaltung heute, Jojo Moyes.

Lest doch einfach weiter.

Was eBooks leisten können, das Wiederzugänglichmachen von fast verlorenen oder vergessenen Texten, zeigen alle diese drei Beispiele. Wer nicht bei Nautilus die große Cravan Ausgabe kaufen möchte, kauft bei Mikrotext für Handy oder eReader, Bove wird im Ganzen wieder verfügbar, ein Lesebuch, das gratis erhältlich ist, kann und soll Geschmack machen oder vor Fehlkäufen bewahren und Rowohlt kann aus dem Archiv eines Jahrhunderts Verlagsgeschichte Texte heraussuchen und verfügbar halten, die möglicherweise sonst in dessen Untiefen verschwinden würden. Den Tucholskytext Seifenblasen gibt es bisher nur in Band 16 der Gesamtausgabe versteckt, Uwe Naumanns Mon Oncle – Lieber Klaus wäre zu kurz für den Druck, zu interessant und einzigartig5 um im Wust der Neuerscheinungen zu erscheinen und verloren zu gehen.

To be continued.

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Am Samstag ist Indiebookday 2016

indiebookday 2016
indiebookday 2016

Es gibt viele kleine tolle Verlage, die mit viel Herzblut und Leidenschaft schöne Bücher machen. Aber nicht immer finden die Bücher ihren Weg zu den Lesern. Der Indiebookday kann da für ein bisschen Aufmerksamkeit sorgen.

Geht am 26.03.2016 in einen Buchladen Eurer Wahl und kauft Euch ein Buch. Irgendeines, das Ihr sowieso gerade haben möchtet. Wichtig ist nur: Es sollte aus einem unabhängigen/kleinen/Indie-Verlag stammen. Danach postet Ihr ein Foto des Covers, des Buches, oder Euch mit dem Buch (oder wie Ihr möchtet) in einem sozialen Netzwerk (Facebook, Twitter, Google+) oder einem Blog Eurer Wahl mit „#Indiebookday“. Wenn Ihr die Aktion gut findet, erzählt davon.

franz overbeck friedrich nietzsche Franz Overbeck

Erinnerungen an Friedrich Nietzsche

Franz Overbeck war Friedrich Nietzsches bester Freund. Er blieb es über dessen geistigen Zusammenbruch im Januar 1889 hinaus, weil er nie zum Apostel des Philosophen wurde. Den Freund betrachtet er in diesen Erinnerungen nicht als Genie, sondern als sensiblen, vielfach gebrochenen Menschen. Nietzsche erscheint hier nicht als Ausnahmemensch, sondern als Zeitgenosse, weniger seiner Zeit voraus als vielmehr ganz und gar ein Teil von ihr. Neben den Erinnerungen stehen die Briefe, die Overbeck noch unter dem Eindruck von Nietzsches Zusammenbruch an dessen ergebenen Jünger Heinrich Köselitz (Peter Gast) schrieb. Sie erscheinen hier, ebenso wie die Erinnerungen, zum ersten Mal als Buch, mit einem Essay von Heinrich Detering: »Beschreibung eines Kampfes«.

9783864060625-cover-lMichail Bulgakow

Das hündische Herz

Ich habe bekanntlich ein gespaltenes Verhältnis zur Büchergilde, aber dieses Buch ist großartig! Bitte weiter so!

Der geniale Chirurg Filipp Filippowitsch pflanzt dem Straßenköter Lumpi die Hirnanhangsdrüse und die Hoden eines schmierigen Kleinkriminellen ein und kreiert aus ihm den „neuen Menschen“. Doch der zum kommunistischen Genossen mutierte Tiermensch erweist sich bald nicht nur als echter Halunke: Gewissen- und verantwortungslos wie er ist, wird er zur Gefahr für alle. Er bleibt Tier, freilich in Menschengestalt, und erst die gewaltsame Umkehrung der Operation kann die Gesellschaft retten.

Das hündische Herz vereint faustische Motive mit Frankensteins Monster, parodiert die Neumensch-Ideen und persifliert den Fortschrittsglauben. Die Erzählung ist dramatisch, urkomisch und gruselig zugleich. Die detaillierten und durch starke Ornamentik geprägten Collagen von Christian Gralingen tragen Züge technischer Konstruktionszeichnungen und erinnern an russische Avantgardisten der frühen 20er Jahre. In Kombination mit der grandiosen Neuübersetzung von Alexander Nitzberg ist ein eindrucksvolles Sprach- und Bildkunstwerk entstanden.

Band_22_Anthologie_U1_360x540Edition 5 (Hrsg.)

Ein Haus mit vielen Zimmern

Ich schreibe, also bin ich Schriftstellerin: Wenn es so einfach wäre, gäbe es die Geschichten in dieser Sammlung nicht. Ist Dichten das große Glück, ein großer Kraftakt – oder beides? Wie entstehen Ideen, aus welchen Situationen und Begegnungen schöpfen Autorinnen ihre Inspiration? Wie finden sie ihre Form? Und wie ergeht es Schriftstellerinnen im Literaturbetrieb?

In den Erzählungen, Essays und Gedichten dieses Bandes lassen sich die Autorinnen beim Schreiben über die Schulter gucken. Sie entwerfen Geschichten zu dem Thema, beschreiben die Beziehung zu ihren Figuren, besingen ihre Arbeit mit der Sprache, denken über die Wirkung von Worten und Geschichten nach und plaudern aus der Werkstatt der Büchermacherin. Sie äußern sich über den Beruf, mit dem sie sich ihren Lebensunterhalt und bisweilen auch Ruhm verdienen, und über die Hürden, die zu überwinden sind, wenn sie sich als Frauen, die schreiben, treu bleiben wollen. Humorvoll, selbstkritisch und geistreich und immer unterhaltsam gewähren sie Einblicke in die Arbeit von Autorinnen und das Verhältnis von Schreiben und Leben.

Mit Beiträgen u.a. von: Tania Blixen, Nora Gomringer, Siri Hustvedt, Sylvia Plath, Anna Seghers, Virginia Woolf

julia wolfJulia Wolf

Alles ist jetzt

Sätze wie Atemzüge, gestoßen aus einem Körper, der dem Druck nicht mehr standhält. Eine Sprache im Einklang mit der inneren Bewegung der Protagonistin, die an ihren Gedanken entlanggleitet, die Glasglocke abtastend, in der sie eingeschlossen ist. Eine physische Sprache, die sich am körperlichen Empfinden der Heldin orientiert, an ihrer Taubheit, an ihrer Entfremdung von sich selbst.

Julia Wolf erzählt mit außerordentlicher stilistischer Begabung von einer jungen Frau, die sich ihren Dämonen stellt. Vor vielen Jahren, als Ingrid die Welt nicht mehr aushielt, nahm sie ihre Sachen und verschwand. Raus aus dem kleinen, erdrückenden Vorort und dem Haus mit ihrer kranken Mutter, weg von dem Gedanken an Moritz, der nicht zu ihr stand. Doch jetzt ist sie schon Jahre in der Großstadt, und die Luft wird immer dünner. Ihr Bruder vertickt Drogen und ihre Kollegin in der Live-Sex-Bar liefert sie ans Messer. Als alle sie verraten haben, wird ihr klar: Wohin sie auch geht, ihre Erinnerungen nimmt sie mit. Und die Überzeugung, nichts wert zu sein. Um das zum Verschwinden zu bringen, muss Ingrid endlich handeln. Am Silvesterabend fliegt sie nach New York.

KLM_161B_LAY_Ueding.inddGert Ueding

Wo noch niemand war

Ich bin. Wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine Faust und seine Ziele werden.

Ernst Block – Geist der Utopie

Ein faszinierendes, packendes – und sehr persönliches – Porträt Ernst Blochs, des großen Leipziger und Tübinger Philosophen.  Ein gutes Stück deutsch-deutscher Wissenschafts- und Zeitgeschichte der sechziger und siebziger Jahre. Erinnert und geschrieben von seinem Assistenten und Schüler: Eine Hommage an den eindringlichen Erzähler, Redner, Vor- und Weiterdenker.

mensch schiesst-225x380Sling (Paul Schlesinger)

Der Mensch, der schiesst

Warum hat die Gräfin Bothmer all diese kleinen Diebstähle begangen? Ist der Archivdieb Dr. Hauck ein Dokumentenfetischist? Hat Sanitätsrat Boehme alle seine Ehefrauen umgebracht? Und durfte Frau Huhn Frau Knill eine Ohrfeige geben wegen der Behauptung, sie habe etwas mit ihrem Gatten Herrn Knill? Von der Verleumdungsklage unter Nachbarn, dem Erbschaftsstreit im Hochadel, über Glücksspielbetrug, Meineidsverfahren, aufgedeckte Korruption sowie geniale Fälschungen bis hin zum Verdacht auf Gattinnenmord, zu erschossenen Söhnen, tödlichen Eifersuchtsdramen und müden Richtern: Die Gerichtsreportagen von Sling führen mitten hinein in das Leben, wie es sich vor den Schranken der Gerichte sammelt, mitten hinein in die Welt der zwanziger Jahre. Das Kürzel „Sling“ stand dabei für eine neuartige Berichterstattung, die geprägt war von einem menschenfreundlichen Humor und ihren Urheber zu einem der berühmtesten Journalisten der Weimarer Republik und zum Vorbild für viele nach ihm machte. Hans Holzhaider, als Gerichtsreporter der Süddeutschen Zeitung ein „Nachfahre“ Slings, trägt das Nachwort bei.

das reich gottes carrereEmmanuel Carrère

Das Reich Gottes

Welches Verhältnis unterhält das Abendland zu seiner eigenen Religion? Emmanuel Carrère stellt sich die Gretchenfrage. Er vertieft sich in die Anfänge des Christentums fragt nach der Kraft, mit der es gelingt, an Dinge zu glauben, gegen die der Verstand rebelliert, und eine revolutionäre Ethik zu vertreten, die den Schwachen zum Starken erklärt. Mal ironisch, mal mit dringlichem Ernst zeichnet Carrère das Fresko einer antiken Welt, die in vielen Zügen unserer heutigen ähnelt. Zwei Lebenskrisen stellen Emmanuel Carrère vor die Frage, wie Menschen an Dinge glauben können, die dem Verstand entgegenstehen. Er begibt sich auf die Fährte des Revolutionärs Paulus und des Intellektuellen Lukas, zwei prägenden Gestalten des Christentums. Carrère zeichnet das Bild einer Welt, die vom Pragmatismus des Römischen Reiches beherrscht ist und doch durchdrungen vom Wunsch nach tieferem Sinn und Gemeinschaft. Immer wieder zieht er Parallelen zum 21. Jahrhundert, gleicht damalige (Un-)Glaubenspraxis mit heutiger ab und füllt sein historisches Gerüst mit einem Nachdenken darüber, worin uns das Christentum mit seiner ungeheuren Umwertung der Werte (die Letzten werden die Ersten sein, Geben ist seliger denn Nehmen.) noch heute berühren kann, ob wir gläubig sind, oder nicht. Emmanuel Carrère verfolgt einen literarischen Weg, der sich über gängige Genredefinitionen hinwegsetzt. Mit seinen so dokumentarischen wie fiktionalen Texten gewinnt er eine zutiefst menschliche Perspektive auf seine Protagonisten und ihre Welt, verwebt seine eigene Lebensgeschichte mit der historischen Darstellung und konfrontiert den Leser mit den unendlichen Facetten des Glaubens und Nichtglaubens. Ob ablehnend oder bejahend: An den Fragen nach den christlichen Werten, die dieser Roman auf wirft, kommt heute niemand vorbei.

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Amazon Affiliate Programm auf Literaturblogs

Momentan erschüttert erneut die unendliche Geschichte der Vor- und Nachteile des Kaufens bei Amazon die Bloggerszene. Hierbei geht es nicht nur, darum ob man als Leser seine Bücher beim ewig beschworenen Internetriesen kauft, tatäschliche oder vorgegaukelte Bequemlichkeit, Auswahl, Service etc, sondern auch um die Frage, ob Blogger ihre Seele und/oder Glaubwürdigkeit verkaufen, wenn sie Amazon über das Affiliate Programm verlinken (Wikipedia: internetgestützte Vertriebsarten, bei denen in der Regel ein kommerzieller Anbieter seine Vertriebspartner durch Provisionen vergütet. Der Produktanbieter stellt hierbei Werbemittel zur Verfügung, die der Affiliate auf seinen Webseiten verwendet oder über andere Kanäle wie Keyword-Advertising oder E-Mail-Marketing einsetzen kann) und damit an der Zerstörung der Buchhandlungskultur mitverdienen (so die Kritiker) oder sich nur ihren Teil vom Kuchen für das unbezahlte Bloggen nehmen (die Befürworter).

Der bequeme Leser kann schnell abstimmen, der Rabauke und Konstruktive mit Zeit (abstimmen und) seine Meinung in die Kommentare posten.

Nutzt Du auf Deinem Blog das Affiliate Programm von Amazon?

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Hast Du schon einmal Buchempfehlungen von Blogs über einen dort verlinkten Shop gekauft?

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S – Das Schiff des Theseus

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Was macht gute Buchgestaltung aus?

Bereits vor circa fünf Jahren versuchte mich ein Freund für die Büchergilde Gutenberg zu werben. „Du kaufst sowieso mehr als ein Buch pro Quartal. Mit einer Mitgliedschaft erhälst Du dazu exklusiv Bücher in bibliophiler Ausstattung, viele Klassiker werden neu aufgelegt, illustriert etc. pp.“

Ich war zunächst skeptisch, denn viele der mir präsentierten Bücher fand ich nicht besonders ansprechend. Den Ausschlag für meine Mitgliedschaft gab dann aber die Tatsache, dass Tod im Paradies von Alberto Dines über die letzte Lebenszeit Stefan Zweigs in Brasilien quasi nur noch über die Gilde zu beziehen war. Nun aber über zwei Jahre und etliche Büchergilde-Bücher später habe ich meine Mitgliedschaft, hauptsächlich aus zwei Gründen, überdacht. Weiterlesen Was macht gute Buchgestaltung aus?

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Bloggerpate

Ich hatte zu dieser Buchmesse in Leipzig die Freude – die war es! – Bloggerpate zu sein. Ob es eine Ehre war, weiß ich (noch) nicht. Evaluieren wir:

Ausgangssituation
Als ich vor fast drei Jahren 54books startete, war es bereits kein Problem mehr für die Buchmesse in Frankfurt oder Leipzig ein Akkreditierung zu erhalten. Der Presseausweis erlaubte den freien Eintritt an allen Messetagen, die Nutzung von speziellen Räumen, Parkplätzen etc. pp. In dieser Welt waren die Blogger nicht akzeptiert, aber zumindest geduldet.

In diesem Jahr wollte die Leipziger Buchmesse vieles anders und sollte auch vieles richtig machen. Jeder Nominierte für den Preis der Messe erhielt einen Blogger als Pate. Die Blogger hatten sich hierfür mit Hilfe eines einfachen Fragebogens zu bewerben und aus knapp 80 Bewerbungen wurden 15 ausgewählt. Die Paten erhielten das zugeteilte Werk in zweifacher Ausführung, eine Einladung zur Eröffnung im Gewandhaus mit anschließendem Empfang und eine Pressekarte für die Preisverleihung selbst. Auf der Messe selbst gab es, nicht nur für die Paten, einen eigenen Bereich, die Bloggerlounge, mit freiem W-Lan und Kaffee, günstigeren Snacks als auf dem Rest der Messe, Arbeitsplatz und Ruhe. Leipzig war hier ein Vorreiter und dies ist schon zu loben.

Trotzdem gab es bereits im Vorfeld Kritik. Bei Facebook wurde unter Paten und Außenstehenden diskutiert, warum sich Blogger für diese verhältnismäßig geringe Gegenleistung vor den Werbekarren der Messe spannen lassen. Wäre es nicht adäquat den Paten für den Zeitraum der Messe oder zumindest der Eröffnung und Preisverleihung auch eine Aufwandsentschädigung zu zahlen, wie viel Gratiskaffee muss man konsumieren, um Hotel- und Reisekosten wieder einzuspielen?

Für mich und, wie ich in persönlichen Gesprächen erfahren habe, wohl die meisten Paten stand bereits vor der Ernennung der Messebesuch fest, ein Zuschuss im Sinne von einigen wenigen Vergünstigungen nahm man gerne mit, mehr zu verlangen, ist in dieser Gratisbranche nicht üblich. Die Frage, ob man nun Geld für eine Rezension zu einem bestimmten, nicht selbstgewähltem Buch und die Eröffnung von Reichweite für Werbung hätte fordern können, sollen, müssen, kann ich hier ebensowenig beantworten, wie die Diskussionen im Facebook und vis à vis dies konnten. Stattdessen möchte ich lieber einige andere Aspekte der Messe und Patenschaft beleuchten.

Begegnung mit Verlagen
Zu Beginn dieser Seite bin ich auf Verlage zugegangen, fast immer netter Kontakt, die Aufnahme in etliche Presseverteiler und die Möglichkeit Rezensionsexemplare zu bestellen, die Folge. Inzwischen, und das fiel mir bei dieser Messe besonders positiv auf, wenden sich Verlage an Blogger. Mehrere Termine waren nicht auf meine Initiative, sondern auf die der Verlage zurückzuführen. Man sitzt beisammen und hier ist die Augenhöhe, die einem von der klassischen Presse verwehrt wird. Bei Manesse und der DVA nehmen sich Verleger, Pressechefin und Lektorat die Zeit mit knapp zehn Bloggern in Austausch zu treten. Während die eine Hälfte zum letzten Termin des Tages aufbricht, lädt Manesse Verleger Dr. Horst Lauinger zum Sekttrinken, der auch Peer Steinbrück, auf meine dreiste Einladung hin, folgt.

Foto: Jochen Kienbaum
Foto: Jochen Kienbaum

Der Suhrkamp Verlag, der ungebrochen viel Aufmerksamkeit im klassischen Radio- und Zeitungsfeuilleton erhält, lädt Blogger zum Kennenlernen einzeln an den Stand, denkt wie Kiepenheuer & Witsch, DuMont oder Hanser darüber nach mehr Aktionen speziell für Blogger zu organisieren, aktiv auf diese zuzugehen. Dies tun sie nicht nur, wie Argwöhner sofort bemängeln werden, um günstige Werbung abzugreifen – die bekommen sie in der klassischen Presse auch – sondern weil der Einfluss dieser ab- und der der Blogger zunimmt.

Begegnung der Paten
Ganz anders und am Anfang sehr ernüchternd verläuft dagegen das Aufeinandertreffen der Nominierten und Paten in der Bloggerlounge. Obwohl eine erfreulich große Anzahl von Autoren und Übersetzern, inklusive der drei Preisträger, erscheinen und sich den Fragen der Mitorganisatorin und Moderatorin Vera Lejsek stellen, geben fast alle sehr offen zu, dass sie von der Patenaktion erst sehr spät – wenn überhaupt – von ihren Verlagen gehört haben und Literaturblogs ihnen zumeist fremd sind. Aber nicht etwa, weil sie hieran kein Interesse hätten, nein vielmehr weil sie über diese gar nicht informiert werden.

Im Gespräch nähert man sich indes immer weiter an, auch weil das Treffen, trotz Podium, ohne jeden Zwang und offen abläuft. Übersetzungs-Preisträgerin Mirjam Pressler ist völlig begeistert von der Aktion und einer Nische der Literaturkritik, die sich ihr bisher entzogen hat. Die Nominierten und Preisträger haben am Ende viel mehr Fragen an die Blogger als umgekehrt. Vor allem Fragen nach der Zeitintensität und wie diese zu bewältigen ist, nach der Motivation ohne pekuniäre Gegenleistung zu schreiben und nach Rezensionsstilen beschäftigen Autoren und Übersetzer gleichermaßen.

IMAG4221Tolle Beispiele für das Potenzial des Modells Bloggerpaten gibt es bereits im ersten Jahr. Tobias Nazemi von Buchrevier hatte im Vorfeld der Messe Kontakt mit Jan Wagner, dem sehr sympathischen Preisträger im Bereich Belletristik, ein Interview kam per Telefon zustande und Tobias hat sich so für Jan gefreut, als sei er selbst ausgezeichnet worden. Nach dem offiziellen Teil stehen sie gemeinsam in einer Ecke und plaudern. Glänzendes Beispiel für den Austausch ist ebenso der Älteste der Nominierten Moshe Kahn. Fast freundschaftlich winken Mara und er sich zu, als er kommt. Sie hatten mehrfach Kontakt, Moshe Kahn hat sogar im Blog kommentiert, ihr von den Schwierigkeiten der Übersetzung und dem Lesen des 1500 Seiten starken, arg verschachtelten Roman Horcynus Orca, erzählt. Besser geht es nicht!

Die Autoren und Übersetzer wussten also leider fast nichts von den Patenschaften und sind umso begeisterter. Was wäre möglich gewesen, wäre im Vorfeld anders kommuniziert worden? Daher muss diese Aktion wiederholt werden, nur unter anderen Vorzeichen! Die Autoren wollen – zum Großteil – sogar einbezogen werden, sind neugierig und haben Spaß daran mit uns zu arbeiten.

[Warum nun gerade die Verlage, die ich oben ausdrücklich für Transparenz und Einbeziehung gelobt habe, eine deutlich größere Aktion als normale Besprechungen nicht anders kommuniziert haben, ist mir ein Rätsel.]

Der Unterschied
Blogger begreifen ihr Tun als Spaß, als Hobby und arbeiten daher mit der intrinsischen Motivation nicht für Geld zu schreiben (schreiben zu müssen), sondern aus Freude an und Liebe zur Literatur. Bei einigen Buchbloggern führt das zu kindlichem und jugendlichem Überschwang, der sich nicht selten in völlig inhaltslosen „Klappentext + Ich habe das Buch verschlungen“-Rezensionen niederschlägt, bei den ernstzunehmenden Literaturbloggern zu Leidenschaft und fundierten Besprechungen.

Eins ist klar: allein der wirtschaftliche Unterbau und die Vermarktung trennt Blogger und klassische Presse weiterhin und bis auf weiteres. Warum unsere Besprechungen aber per se von minderer Qualität sein sollen, legt niemand schlüssig dar. Diese These, die viele Journalisten als Monstranz vor sich her tragen, wird leider viel zu selten in den klassischen Medien mit Leistung gerechtfertigt. Die Blogger – und das zeigt diese Messe eindrucksvoll – sind nicht nur auf Augenhöhe mit den Journalisten klassischer Medien, sondern ihre Arbeit ist teilweise sogar besser, man sehe sich nur diese Beiträge an.

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