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Kategorie: (Auto-)Biographisches

„Der Schatten des Unsichtbaren“ von Torsten Seifert für Blogbuster

Im letzten Jahr startete erstmalig der Blogbuster Preis, bei dem sich Autoren ohne Verlagsvertrag bei drei der teilnehmenden Blogger bewerben konnten, auf dass diese deren Exposé und Manuskript auf Tauglichkeit prüfen durften. Nach Phase 1 schicke ich Torsten Seifert mit Der Schatten des Unsichtbaren ins Rennen um einen der drei Shortlist Plätze, natürlich in der Hoffnung, dass mein Autor auch den Preis gewinnt. Darüber entscheidet nun eine Fachjury, u.a. mit Elisabeth Ruge und Denis Scheck. Der Preisträger Titel erscheint bei Klett-Cotta. Erste Details zum Inhalt des Romans.

Der Roman

Leon Borenstein ist einer der erfolgreichsten Promireporter im Nachkriegs-Los Angeles der 40er. Um in diese Riege aufzusteigen, musste er mit den richtigen Leuten trinken, die richtigen Leute bestechen und schnell sein, auch als es darum ging einem talentierten Boxer die Nase zu brechen. Der neuste Coup von Borenstein ist es, der Erste am Tatort zu sein, als die eigentlich Nummer 1 der Skandalreporter erschossen im Auto gefunden wird. Doch statt einer Gehaltserhöhung und der Erlangung des Platzes des Toten, erhält er von seinem Boss einen kruden Auftrag. Er soll in den mexikanischen Dschungel zu den Dreharbeiten von John Huston an The Treasure of the Sierra Madre reisen. Dort dreht auch Humphrey Bogart das erste Mal außerhalb der USA, doch das Interview mit dem schwierigen Bogart soll nur ein Vorwand sein, um Leon mit gutem Grund ans Set schicken zu können. Sein eigentliches Ziel ist den Urheber des zu verfilmenden Buchs zu finden: B. Traven.

Traven wurde bereits während der Weimarer Republik weltberühmt. Seine Werke, so schätzt man heute, erreichten eine Gesamtauflage von über 30 Millionen und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Seine Romane sind fast alle „proletarische Abenteuerromane“ (Volker Weidermann), die in Mexiko spielen und von der Gesinnung des Autors – irgendwo zwischen Sozialismus, Kommunismus und Anarchie – bestimmt werden; der einfache Arbeiter, die Revolution, das Hoffen auf und Eintreten für eine bessere Welt. Wer dieser Traven ist, weiß aber 1947 niemand so richtig. Borensteins Chef übergibt ihm vor dem Aufbruch nur eine Liste mit absurden Theorien und einen vagen Plan. Leon soll sich an den angeblichen Assistenten Hal Croves hängen, um so eventuell an den Chef zu gelangen. Doch in Mexiko sind inzwischen viele weitere Reporter auf den Spuren von Traven, ein Kopfgeld wird auf die Enttarnung ausgelobt und zuletzt beginnt die enigmatische Maria Leon den Kopf zu verdrehen. Als die Dreharbeiten sich zum Ende neigen, hat Leon immer noch keinen Zugang zu Hal Croves gefunden und als dieser verschwindet, steht Leon fast mit leeren Händen da.

Aus dem Reporter, der nur auf der Suche nach der nächsten Sensation und dem neusten Klatsch, ist zwischenzeitlich ein begeisterter Leser, ein Fan von Travens Büchern und ein unermüdlicher Sucher nach dem Phantom geworden.

Das Phantom

Traven bleibt bis heute in vielerlei Hinsicht ein Rätsel, das sogar der berühmte Hitler Tagebücher-Reporter Gerd Heidemann zu lösen versuchte. Er traf Ende der 60er sogar die Person, von der man heute annimmt Traven gewesen zu sein, in ihrer Wohnung, der „sichere Beweis“ für Heidemann den Richtigen gefunden zu haben, war damals allerdings nur das Schweigen auf die Begrüßung. Was Volker Weidermann eines der schönsten, abenteuerlichsten, wunderlichsten Rätsel in der Geschichte der Weltliteratur nennt, könnte man auch als Vorstufe weiterer moderner Autoren-Phantome – Salinger, Pynchon, Süskind – lesen. Seifert lässt Leon Borenstein auf eine Suche gehen, die von einer guten Geschichte um den Autor und die guten Geschichten seiner Romane befeuert wird. Ihm gelingt es die spannende Geschichte Travens in eine plausible Rahmenhandlung mit sympathischem Protagonisten zu fügen. Dass sich die momentan allseits beliebte Montage von realen Biographien mit fiktionalen Element bei Traven besonders anbietet, erlaubt ihm dabei nicht nur besonders frei zu arbeiten, sondern dem Roman auch etwas Rätselhaftes zu geben, das vielen Büchern dieses Genres fehlt. Für ein Buch im Urzustand – geht man davon aus, dass z.B. kein umfassendes Lektorat erfolgt ist – ist Der Schatten des Unsichtbaren eine erstaunlich ausgereifte Arbeit, die mich in großen Teilen überzeugt hat. Zwar vermag Seifert die Chandler Stimmung zu Beginn nicht zu halten, hat für seinen Roman aber einen stimmigen Ton gefunden.

Über Travens Geschichte schreibt Rainer Schmidt, die Spurensuche nach Traven liefere selbst Stoff für einen abenteuerlichen Roman – Torsten Seifert hat ihn mit Der Schatten des Unsichtbaren geschrieben.

In den nächsten Wochen werden Torsten Seifert, Der Schatten des Unsichtbaren und B. Traven auf 54books eingehend weiter vorgestellt.

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Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien „Es geht doch nicht um die Enten!“.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau „hin“, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

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Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder „Muss ich den lesen?“ oder „Sollte ich wohl auch mal lesen“.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Philippe Muray über Louis-Ferndinand Céline

MSB Muray Celine Umschlag Druck.inddWer war Louis-Ferndinand Céline? Dieser sagenumwobene Schriftsteller, der Antisemit, der nach dem zweiten Weltkrieg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Beihilfe zum Mord Angeklagte, dieser Autor von dessen Reise ans Ende der Nacht, von dem Charles Bukowski sagte es sei das beste Buch, das in den letzten zweitausend Jahren geschrieben worden sei? Dies ist die Geschichte eines Mannes und eines Schriftstellers, die in dieser Form nur im 20. Jahrhundert möglich gewesen sein dürfte.

Philippe Muray geht in einem grandiosen „Langessay“ den Fragen nach, die bis heute Louis-Ferndinand Céline umgeben: Was bedeutet die ungebrochene Begeisterung für seinen revolutionären Stil sowie für das Verbot, mit dem das finstere Hauptkapitel seines Lebens belegt ist? Wie kommt es, dass wir in seinem Antisemitismus nur ein kurzes Intermezzo sehen möchten, das uns freistellt, seine „vorher“ und „nachher“ entstandenen Werke ebenso unbefleckt wie unschuldig zu lesen? Denn eines steht fest, man kann Céline hassen oder lieben, aber seine beiden Hauptwerke Reise ans Ende der Nacht und Tod auf Kredit sind bahnbrechende Werke der Literatur, denn Céline hat mit literarischen Mitteln beispielhaft vorgeführt, wozu die Entfesselung der befreiten Negativität führte, deren albtraumartige politische Konsequenz wir zu Genüge kennen.

Muray schreibt auf sehr hohem Niveau, jeder Satz zitierenswert, wie man unschwer erkennen kann. Bereits auf den ersten dreizig Seiten steckt soviel Wissen und Weisheit über Leben und Werk Célines, dass man immer wieder Pausen einlegen muss, am besten parallel die beiden Romane liest. Ohne Vorwissen dürfte dieser Muray nicht lesbar sein. Hat man aber den Atem und die Geduld ist dies so ungefähr die detaillierteste und tiefste Möglichkeit sich diesem Scheusal und Genie zu nähern. Sollte ich demnächst Céline verschenken, dann nur in einem Paket mit Muray – großartig!

Alles Interessante ereignet sich im Dunkeln, ganz ohne Zweifel. Die wirkliche Geschichte der Menschen ist nicht bekannt.

Aus: Louis-Ferdinand Céline – Reise ans Ende der Nacht

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Dann schaue ich in meinen Kalender: Genau an dem Tag bin ich tot.

Vielleicht hilft mir, meiner steigenden Unruhe (Angst) das Schreiben in einer Kladde. Die Unruhe betrifft etwas sehr Wichtiges und etwas Läppisches.

Finis stand am Schluss des zweiten Bandes der Tagebücher und auch in Interviews hatte Fritz Joachim Raddatz immer wieder betont, dass dieser Abschnitt seines Lebens, der als Tagebuchschreiber, nun ende. Die Sammlung erschien Anfang 2014 knapp ein Jahr vor seinem Tod. Im Herbst desselben Jahres verabschiedete er sich in der Welt vom Journalismus und nimmt im Geheimen das Tagebuchschreiben wieder auf. Denn Fritz J. Raddatz hatte einen Plan. Die Tagebuchnotate, nicht nur die, die nach seinem Tod in der ZEIT erschienen, sondern bereits denen, die bis Ende 2012 reichen, sind ein bekümmertes Abschiednehmen und zugleich ein Hoch auf die Schönheiten des Lebens.

Ich bin leergelebt. Nur noch eine Hülse.

Der zweite Band der Tagebücher (2002-2012) wurde ebenso kontrovers aufgenommen wie der erste (1982-2001). Ein wehmütiger alter Mann kreise um sich selbst – als täten das nicht alle Tagebuchschreiber, als ginge es um etwas anderes als das Insichhineinhorchen – liefe und weine dem eigenen, vergangenen Ruhm hinterher. Aber es ist doch vielmehr die Chronik eines Abschieds. Immer wieder hatte Raddatz nicht nur in den persönlichen Aufzeichnungen, sondern auch öffentlich von und über Sterbehilfe gesprochen. Wer sollte es einem Menschen, einem so eitlem wie FJR noch dazu, verdenken, dass er erhobenen Hauptes aus dem Leben treten will. In den Tagebüchern hat er sein Sterben dokumentiert, das soviel mehr ist und länger dauert als nur final eine bemessene Dosis Gift zu sich zu nehmen.

Tief bewegt liest man dann – und kennt bereits das Ende – welche Qualen es dem eigentlich so Entschlossenen trotz allem bereitet. Eine gräßliche Vorstellung sich bei klarem Bewusstsein von Partner und Freunden zu verabschieden, die meist, unwissend weiter Pläne schmieden, Urlaube buchen, Einkäufe erledigen. Selbst der Lebensgefährte wurde so lange wie möglich im Unklaren gelassen. Absurd: Dinge, seien sie noch so profan, ein letztes Mal zu tun. Obwohl es doch immer ein Zurück gäbe, zumindest seinen braunen Saft nicht auszutrinken, stattdessen auf die natürliche Frist zu warten.

Am 26. Februar 2015 stirbt Fritz J. Raddatz in der Schweiz, einem lange vorher gefassten Plan folgend. Am nächsten Tag, posthum, perfekte Regie, erscheint sein neues Buch: Jahre mit Ledig, eine Liebeserklärung an einen seiner großen Förderer Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Viele Anekdoten kennt der Tagebuch- und Unruhestifter-Leser bereits, aber nicht minder unterhaltsam als in den Vorwerken werden sie hier in einem wunderschönen, grünen Leinenbuch präsentiert. Blumig rauschend, elegisch schildert Raddatz wie eh und je, lobt sich und andere und nimmt mit in eine ferne Zeit im Nachkriegsdeutschland als das Büchermachen noch ein Abenteuer und Verleger noch Halunken und Schlitzohre waren.

Einer der Nachfolger Heinrich Maria Ledig-Rowohlts, ein später enger Freund, des Autors erhielt die oben zitierten Tagebucheintragungen und einen Abschiedsbrief und veröffentlichte sie kurz nach dem Tod. Immer wieder hatte Alexander Fest Raddatz gebeten erhalten zu bleiben, er könne kein Nachlassen der Kraft erkennen, körperlich nicht, geistig nicht. Schon richtig, sagte Raddatz, aber für den Schritt, den er tun müsse, brauche man ja auch Kraft. Große sogar.

fritz j raddatz jahre mit ledigFritz J. Raddatz
Jahre mit Ledig: Eine Erinnerung
Rowohlt
Leinen, 160 Seiten
978-3498057985

fritz j raddatz tagebücher 2002 2012

Fritz J. Raddatz
Tagebücher 2002-2012
Rowohlt
gebunden, 720 Seiten
978-3498057978

Kurz vor seinem Tod habe ich Fritz J. Raddatz einen Brief geschrieben, dieser ist hier abrufbar.

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Irmgard Keun – Kind aller Länder

Hier ist ein Talent. Wenn die noch arbeitet, reist, eine große Liebe hinter sich und eine mittlere bei sich hat: aus dieser Frau kann einmal etwas werden.
Kurt Tucholsky in seiner Rezension zu Keuns Debüt „Gilgi – Eine von uns“

irmgard keun kind aller länderIrmgard Keun schickte sich tatsächlich an eine der bedeutensten Schriftstellerin Deutschlands zu werden. Nicht nur Tucho war Fan, sondern auch Alfred Döblin und, nicht unerheblich für ein junges Talent, die deutschen Käufer des Jahres 1931. Noch besser als ihr Debüt Gilgi – Eine von uns ging im folgenden Jahr Das kunstseidene Mädchen über den Ladentisch. Der Aufstieg wurde jäh gestoppt als die Nationalsozialisten Keuns Bücher als solche der schmeichelhaften Kategorie Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz verboten und beschlagnahmten.

Irmgard Keun versuchte wohl sich irgendwie zu arrangieren, doch als 1936 endgültig ihr Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer abgelehnt wurde, ging sie, wie viele andere vor ihr, ins Exil nach Ostende in Belgien und in die Niederlande. Ihre Freunde wurden unter anderem die Mitexilanten Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Ernst Toller und Stefan Zweig. Eine wilde Affäre verband sie mit Joseph Roth. Ihre Bücher erschienen jetzt bei dem Exilverlag Querido. Doch die Beziehung zu Roth zerbrach 1938 und 1940 ging sie, nachdem die Nazis die Niederlande besetzt hatten, zurück nach Deutschland und lebte dort im Untergrund.

Die Schriftstellerin Keun gab es nun fast nicht mehr. Zehn Jahre dauerte es nach ihrer Rückkehr bis wieder ein Roman von ihr erschien, der kaum beachtet wurde. Keun verlor sich im Alkohol und lebte in erbärmlichen Verhältnissen, wurde entmündigt und eingewiesen. (Fast) vergessen starb sie 1982 in Köln.

Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz

Das Potential, das Tucholsky sah und zweifelsohne vorhanden war, wurde nie völlig entfaltet. Damit diese Autorin aber ein bisschen der Vergessenheit entrissen wird, erscheinen inzwischen immer mal wieder neue Ausgaben der alten Werke. So auch vor kurzem Kind aller Länder. Dieser stark autobiographisch gefärbte Roman erzählt aus der Sicht des nie gezeugten Kindes von Keun und Roth das Leben im Exil, primär die Jagd des Vaters nach Geld und die Reisen in immer neue heilversprechende Orte oder solche erhofften Friedens.

Doch trotz der nicht uninteressanten Möglichkeit über die autobiographischen Bezüge in Leben und Werk der Autorin einzusteigen, eignet sich Kind aller Länder denkbar schlecht dafür sich dieser zu nähern, denn dieses ist schlicht kein besonders gutes Buch. Die Erzählstimme des Kindes Kully ist auf Dauer ermüdend (was ich nur schreibe, um nicht langweilig sagen zu müssen). Joseph Roth als fiktiver Vater wird nur „von hinten“, nämlich auf der ständigen Jagd nach Geld, gesehen und geistert über die ersten hundert Seiten mehr als stets abwesendes Phantom durch den Roman. Kully wiederum ist ständig auf der Suche nach Zuneigung, Aufmerksamkeit und Zerstreuung. Die kindlichen Reflexionen über die Mühsal des Exils mögen in ihrer Darstellung einer Zehnjährigen entsprechend und somit realistisch sein, dies führt allerdings damit auch zu einer Gedankenhöhe die über dieses Niveau nicht hinausgeht.

Kind aller Länder ist ein Zeitzeugnis und ein Puzzelstück im traurigen Leben der Autorin Irmgard Keun, aber losgelöst von diesem Faktum handelt es sich dabei nicht um lohnenswerte Lektüre. Eine denkbar schlechte Wahl für den Start einer Neuauflage wider das Vergessen dieser wichtigen Autorin und gerade deswegen ist zu hoffen, dass Kiepenheuer und Witsch die Reihe fortsetzt, um die wahren Schätze dieses Werkes zu heben.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
ISBN: 978-3-462-04897-1
Erschienen am: 18.02.2016
224 Seiten, gebunden

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Harry Graf Kessler, Tagebuch eines Weltmannes – Ulrich Ott (Hrsg.)

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Knapp zehn Jahre ist es her, dass man sich Leben und Werk Harry Graf Kesslers kaum fundiert nähern konnte. Die schwer zu transkribierenden Tagebücher, weil wohl in winziger Krakelschrift, nur in einer Auswahl erhältlich, keine seriöse Biographie auf dem Markt, überall waren nur Schnipsel dieses großen, übervollen curriculum vitaes* zu erhaschen. Die beste Einführung gab bis vor einer Dekade der von Ulrich Ott herausgegebene Katalog zur Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum in Marbach von 1988. Am heutigen Tag gibt es zwei ernstzunehmende Biographien, eine bei Klett-Cotta erschienen (inzwischen aber auch wieder vergriffen und nur antiquarisch zu bekommen), eine im Siedler Verlag (im Ergebnis umstritten, aber von FJR gelobt) und die grandiose auf neun Bände angelegte Edition seiner Tagebücher, in denen, wie man sagt, circa 40.000** Zeitgenossen auftauchen. Scheut man aber deren 7000-seitige Lektüre oder die einer umfassenden Biographie, so bleibt der Marbach-Katalog ein wunderbar bebilderter Einstieg.

Die damalige Ausstellung, so der Herausgeber, gehört nur scheinbar zu jenen, deren Thema durch das Leben und Werk einer einzelnen Person umschrieben ist. Wohl bildet dieser Mann den Mittelpunkt, den Schnittpunkt aller Linien, doch in Wirklichkeit wird durch ihn eine europäische Epoche sichtbar, fast Tag für Tag dokumentiert in den Aufzeichnungen seines Lebens, das in einem eigenen Sinne an den Knotenpunkten stand, von denen die Stränge zum Neuen ausgehen. Kessler war weder eigentlich Politiker noch Künstler, aber in seinen unendlichen Beziehungen ein ganz politischer, ganz in der Wirksamkeit für Kunst und Literatur stehender Mensch, homme de lettres in einem in Deutschland sonst kaum vertretenen Typus.

Tagebuch eines Weltmannes ist ebenfalls nur noch antiquarisch zu erhalten, aber mit einem Preis von 10-25 Euro zu einem erschwinglichen Preis, den es auszugeben lohnt.

*Extra nachgesehen: müsste der richtige Genitiv sein.
**Eine kleine, interessante Darstellung Kesslers Netzwerk gibt es dazu  hier.

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Gelebte Literatur – Hans Mayers Frankfurter Poetikvorlesungen

Die Frankfurter Poetikvorlesungen sind eine der schönsten Traditionen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Seit dem Lehrjahr 1959/60 hält das Who is Who der Autoren der DACH-Länder jährlich, nur unterbrochen von 1968 bis 1979, eine Vorlesung zu einem frei gewählten Thema mit den Fragen zur poetischen Produktionen und ihren Voraussetzungen. Hans Mayer wählte das Thema: Gelebte Literatur (vulgo: ich, Ich, ICH).

Hans Mayer ist sicher einer der großen deutschen Literaturwissenschaftler* Deutschlands nach 1945. Allein seine Arbeit über Georg Büchner hat neue Maßstäbe in der Germanistik gesetzt. Seine Arbeiten zu Proust, Thomas Mann und der Literaturgeschichte sind bis heute alle ebenfalls so stilprägend wie vergriffen.

Als junger jüdischer Jurist bereits 1933 ins Ausland geflohen, arbeitete er mit Max Horkheimer und Walter Benjamin als Sozialforscher, war nach ’45 in Frankfurt Kulturredakteur der Vorgängerin der dpa und arbeitete für das Radio. Erhielt einen Ruf nach Leipzig und pendelte zwischen Ost- und West-Deutschland, inzwischen einer der bekanntesten Literaturkritiker in beiden Ländern, ebensolcher bei den Tagungen der Gruppe 47. 1963 kehrte er nach einem Besuch in Tübingen nicht in die DDR zurück. Dort war er immer wieder mit Kritik an der Kulturpolitik angeeckt. So schrieb er bereits 1956: „Will man das literarische Klima bei uns ändern, so muß die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst und Literatur in weitestem Umfang endlich einmal beginnen. Es muß aufhören, daß Kafka bei uns ein Geheimtip bleibt und daß das Interesse für Faulkner und Thornton Wilder mit illegalem Treiben gleichgestellt wird“. Die offiziellen Stellen waren nicht erfreut. Zum endgültigen Bruch kam es 1963 aufgrund des neuen Mayer Buchs Ansichten, in dem er erneut die Literaturinterpretation und -politik des Regimes kritisierte.

Im Westen schuf die TU Hannover Mayer eine Stelle als Professor für Literatur. Der sensible Mann emeritierte 1973, nachdem man seinen Habilitanten Fritz J. Raddatz nicht wie gewünscht inthronisierte.

Dieses Leben, die Ver- und Getriebenheit, das Zerriebenwerden zwischen und in Unrechtsregimen, ist ein Paradebeispiel für den unbeirrten Intellektuellen, der für seine Arbeit und Leidenschaft einsteht. Dieses Leben war so übervoll, dass Mayer sich genötigt sah eine zweibändige Autobiographie zu schreiben. Doch trägt dieses Leben eine Poetikvorlesung?

Besuch – letzter? – bei Hans Mayer; nach langjähriger „Pause“. Er ist seine eigene Anekdote, die so geht: Hans Mayer hat Besuch. Er redet 2 Stunden ohne Unterlaß, wo er alles Vorträge gehalten und welche bedeutenden Leute er dabei getroffen hat. Nach langem betäubtem Schweigen wird der Besucher gefragt: „Und nun zu Ihnen – haben Sie mein neustes Buch gelesen?“

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

„Max Frisch setzte mir in Breslau auseinander..“

Die fünf Vorlesungen tragen die Titel

Eine Jugend im Expressionismus
Leben und Literatur im Exil
Als der Krieg zu Ende war
Außenseiter
Über die Einheit der deutschen Literatur

und beinhalten zwei Themen: das Leben Mayers und die Rechtfertigung desselben eine Poetikvorlesung zu halten.

Der Essayist [also ich, Hans Mayer] aber ist innerhalb der internationalen Literatur durchaus als Schriftsteller anerkannt [weshalb ich, Hans Mayer, auch eine Poetikvorlesung halten darf].

S. 78

Bei aller Polemik möchte ich aber nicht an dem Denkmal eines Verstorbenen kratzen, sondern nur warnen: wer erwartet von Mayer etwas über Poetik zu erfahren, vielleicht sogar Schriftsteller (oder Essayist?!) ist, der für seine Arbeit profitieren möchten, wird enttäuscht werden. Möchte man dagegen von einem höchst spannenden Leben mit und für Literatur lesen, so wird man nicht enttäuscht, dass viele Argumente aber erst dadurch gewichtig werden, dass Brecht am Telefon eine ähnliche Meinung äußerte oder das Politbüro einen Artikel verbot**, daran darf man sich bei Mayer nicht stoßen. Das Büchlein ist eine besondere Leseerfahrung, nur eine Poetikvorlesung war es nicht.

Und ein sofortiges „MEIN Grab wird sehr schön“, er hat es sich auf dem Dorotheestädischen Friedhof gesichert: „Da gehöre ich schließlich hin, ich werde neben Brecht und Eisler und Arnold Zweig und Hermlin liegen, das wird sehr schön.“ Er merkt nicht wie absurd dieser Satz klingt, immer, immer wieder und noch immer, bis über den Tod hinaus, dieses „Ich gehöre zu den Berühmten, ich bin bei feinen Leuten eingeladen“.

Fritz J. Raddatz – Tagebücher – 11. November 1997

Die nächste Poetikvorlesung hält im Übrigen Marcel Beyer unter dem Titel Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert, ab dem 12. Januar an fünf aufeinanderfolgenden Dienstagen über Grundlagen und Bedingungen seines literarischen Schaffens.

*Mayer hat Jura studiert und wechselte als Quereinsteiger in die Germanistik. (Das muss sich der Jurist mal vorstellen: Ein bei Hans Kelsen promovierter Rechtswissenschaftler verlässt sein Fachgebiet und widmet sich der Literatur. [Nichtjuristen können es sich so vorstellen: Du warst bei Dumbledore der beste Schüler und belegst dann nur noch bei Trelawney Wahrsagen.])

**Sehr unsaubere Arbeit für einen Wissenschaftler.

Nota bene: Andreas Maier (augenscheinlich kein Abkömmling von Hans) war so konsequent seine Vorlesung gleich Ich zu nennen.

Zum Appetit anregen oder abschrecken: Hans Mayer spricht eine Stunde über sich.

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