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Kategorie: Allgemein

Moin aus dem Lesesaal

Blogs sind etwas für Opas! Wer heute angesagt ist und auf das schnelle Geld schielt, der muss zu YouTube gehen, denken zumindest die Leute, die den Trends immer geschmeidig hinterherhinken. Das Rückständigste sind dabei natürlich Bücher. Als Leser toter Bäume und Nutzer veralteter Technologie, kann man daher getrost jetzt erstmal paar YouTube-Videos machen, bevor das wieder retro wird. Videoschnipsel mit einer Länge von nicht mehr als 2 Minuten als Medium für Minimalaufmerksame eignen sich hervorragend auch für die schnelle Empfehlung von Büchern.

Der frische und angesagte Blogger dieser Zeilen betreibt daher seit Kurzem auch einen YouTube-Kanal. Mit im Boot ist dabei Stephanie Krawehl von der Hamburger Buchhandlung Lesesaal. Wer neben Lesen als auch Gucken und Hören kann, ist daher herzlich eingeladen dort vorbeizusehen und natürlich den Kanal zu abonnieren!

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Endlich sagt’s mal einer!

„Endlich sagt’s mal einer!“, dachte ich mir dieses Jahr schon mehrfach, denn dieses Jahr hat zahlreiche überraschende Neuigkeiten mit sich gebracht.

Da hat zum Beispiel Maxim Biller das Literarische Quartett verlassen, alle liefen im Internet auf einmal herum wie aufgescheuchte Hühner und fragten sich, wer nun wohl seinen Platz einnehmen wird. „Thea Dorn, Thea Dorn“, war die häufigste Forderung, und ich dachte mir: „Bitte, bitte, bitte seid nicht so vorhersehbar und nehmt  Dorn/Lovenberg/Mangold/irgendwenausdemSchweizerLiteraturfernsehen“, und zack: Thea Dorn wurde es. Thea Dorn scheint die Merkel der Fernsehliteraturkritik zu sein, offensichtlich ist sie für manche völlig alternativlos. Vielleicht habe ich ja zu viel Fantasie, aber wäre es nicht denkbar, mal nicht jemand in so eine Sendung zu setzen, der schon „alt bewährt“ ist, bei dem man schon vorher genau weiß, was man kriegt? Gibt es da gar kein Interesse an Profil, an einem Alleinstellungsmerkmal der Sendung? Denn die Neubesetzung führt doch jetzt vor allem zu dem erfreulichen Zustand, dass man das Literarische Quartett überhaupt nicht mehr braucht, weil man auch gleich die Gesprächsrunden im Schweizer Fernsehen anschauen kann. Die Atmosphäre und die Art, über Literatur zu sprechen, ist dieselbe, ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, was das Kritikerprofil von Dorn/Weidermann/Mangold/Lovenberg/Hansundfranz groß unterscheiden soll, für mich sieht das alles sehr austauschbar aus. Man muss ja Maxim Biller nicht mögen, aber wenigstens hatte der ein klar erkennbares Profil. Und nichts gegen Thea Dorn, es hat schon einen Grund, warum sie überall sitzt und überall hingesetzt werden kann, die kann das schon – aber es ist eben auch sehr risikoarm, sie zu nehmen, und deswegen eben leider auch: sehr langweilig. Warum macht das ZDF eigentlich eine Sendung, die eben nicht nur der Neuaufguss „guter alter Zeiten“ ist, sondern die eigentlich gar nie weg war, denn „Literatur im Foyer“ war doch nie weg, und wie eine Kopie des zugehörigen Quartetts wirkt das „Literarische Quartett“ nun.

Was genau verpasse ich, wenn ich das „Literarische Quartett“ nicht schaue?

Was genau verpasse ich, wenn ich das „Literarische Quartett“ nicht schaue? Mit Biller hat man wenigstens noch Billereien verpassen können, jetzt schätze ich, verpasst man nichts mehr. Gibt es weder neue Gesichter noch andere Sichtweisen noch ein anderes Sendekonzept, müssen wir auf dem Personal und den Formanten weiterreiten, die schon seit Jahrzehnten da sind? Gibt es da weder bei ZDF noch bem SWR Ideen und Mut zu Neuem? Und schon die erste Runde des neuen-neuen Literarischen Quartetts bestach ja dann durch eine Auswahl literarischer Geheimtipps, wie sie ungewöhnlicher nicht hätten sein können: Das neue Buch von Walser (von Dorn eingebracht, die Buchauswahl ist hier so innovativ wie die Personalentscheidung), das neue Buch von Barnes, das ohnehin schon allgegenwärtige Buch von Yanagihara, na ja, aber immer hin auch Chris Kraus. Endlich bespricht mal einer Walser, endlich gibt jemand mal Thea Dorn ein Format, um im Fernsehen über Bücher zu sprechen, 2017 ist voller Überraschungen. Ehe wir uns versehen, wird am Ende irgendwer beim ZDF noch auf die verrückte Ideen kommen und vielleicht mal Mangold als Gast zum „Literarischen Quartett“ einladen, oder Lovenberg, oder Scheck, aus lauter Freude an Innovationen!

Von so viel frischem Wind im Literaturbetrieb beflügelt denkt man sich: Was jetzt noch fehlen würde, wäre ja, dass endlich mal jemand dem medial völlig unterrepräsentierten Denis Scheck eine Plattform bietet, um Bücher zu empfehlen. Und – Hurra – 2017 ist voller Überraschungen: Mara Delius hat den Job von Richard Kämmerlings übernommen und macht jetzt alles neu in der „Literarischen Welt“. Und was könnte die maximale Neuerung sein? Richtig: Denis Scheck. Versteht mich nicht falsch: Mir ist Denis Scheck lieber, als es viele anderen wären, weil er tatsächlich einen eigenen Blick auf Literatur hat und weil er tatsächlich offener mit Literatur umgeht als manche andere (was nicht bedeutet, dass ich nicht bei jedem Zitat, das er verwendet, mit den Augen rolle, aber immerhin hat er dieses Alleinstellungsmerkmal, und dass ich sein Blackfacing vergessen hätte). Und ja, natürlich ist er im Medium Print bisher kaum präsent. Aber trotzdem:

Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlocken

Und weil Denis Scheck im Printbereich jetzt noch nicht genug Neuerung ist, hat er sich eines Themas angenommen, über das endlich mal gesprochen werden muss: Der literarische Kanon. Ein Beben geht durch die Literaturwelt: Endlich stellt mal jemand die Kanonfrage. Im Jahr 2017.

Tatsächlich hat das sein Gutes: Denis Scheck will mit seinem Kanon ja wirklich etwas Neues, er will einen Kanon ohne Genregrenzen. Das könnte eine gute Idee sein, wäre sie nicht gleichzeitig so kurz gedacht und so langweilig ausgeführt, denn welche Perlen der genreübergreifenden Literaturgeschichte finden sich denn so in diesem Kanon? „Karlsson vom Dach“, „Walden“ und jetzt noch – endlich empfiehlt das mal einer – „Herr der Ringe“. Die wirklich einzige Neuerung, die dieser Kanon bringt, ist bislang eben auch die, dass hier unterschiedliche Genres nebeneinander stehen. Reicht das aus, wenn dafür dann Werke aufgelistet werden, von denen keiner – schon gar nicht ein Leser der „Literarischen Welt“, der sich ja vermutlich ohnehin schon für Literatur interessiert –, wirklich keiner bezweifeln würde, dass sie eben Klassiker ihres Genres sind? Denis Scheck stellt hier doch keinen neuen Kanon auf, er erstellt einen Remix aus längst Kanonisiertem, er schreibt auf, was längst feststeht.

Und das im Jahr 2017, als ob irgendjemanden jenseits von Deutschlehrern und Germanistikstudenten noch so etwas wie ein „Kanon“ interessieren würde. Es mag im Literaturbetrieb noch nicht angekommen sein, aber die Zeiten, in denen Marcel Reich-Ranicki mit seinem Kanon funktioniert hat, sind vorbei. Expertenmeinungen haben heute auf keinem Feld mehr die Deutungshoheit, die sie noch in den 90ern hatten – das gilt nicht nur für die Literatur, fragt bitte mal einen Arzt, wie oft er mit selbstgestellten google-Diagnosen konfrontiert wird, die die Patienten in ihrer Expertise für fast gleichwertig mit der eines Arztes halten. In den 80ern und 90ern, da hat sich das im Aussterben befindliche Bildungsbürgertum, das genau deswegen umso mehr um Distinktion bemüht war, gerne mit Reich-Ranickis Segen das Bücherregal füllen wollen, um möglichst viel durch eine Expertenautorität verbürgtes, gesellschaftlich also anerkanntes kulturelles Kapital anzuhäufen. Die Zeiten sind vorbei – umso mehr, wenn der Überraschungswert von Schecks Kanon hinter den der unterschiedlichen Bibliotheks-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung zurückfällt. Ich mag den demokratischen Ansatz hinter Schecks Kanon wirklich, es ist überfällig, dass endlich mal jemand die Grenze zwischen sog. Genreliteratur und sog. Hochliteratur auflöst. Aber wenn schon demokratisch, dann bitte richtig: Dann ohne Expertensegen und ohne den festschreibenden Begriff „Kanon“, der eben höchstens Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlockt. Na ja, gut, und vielleicht auch Bibliothekare, auch die haben ein gewisses Interesse an der Verwaltung von Literatur, und nichts anderes passiert hier. Aber auch die sind garantiert nicht so weltfremd, dass ihnen bislang nicht eingefallen wäre, dass „Herr der Ringe“ und „Walden“ irgendwie Klassiker sein könnten.

54books lackiert sich die Nägel – sehr stylisch!

Und während Denis Scheck sich aber wenigstens dankenswerter Weise darum bemüht, die ein oder andere distinktive Grenze aufzuheben, reißt in der total neuen, total überraschenden „Literarischen Welt“ Marc Reichwein – pardon my french, ich bin eben ein bisschen prollig – quasi mit dem Arsch ein, was Scheck mit den Händen aufbaut. Endlich hat nämlich mal jemand aus den Printmedien sich des Themas „Literaturblogger“ angenommen, und endlich schreibt da mal jemand das, was schon in allen Feuilleton-Artikeln über Buchblogger zu lesen ist. Reichwein hat intensiv recherchiert und dabei herausgefunden, dass Buchblogger oft weiblich sind, „irgendwie stylish“ und mit lackierten Nägeln (das ist meine liebste Randbemerkung, die sich anscheinend kein Herr aus dem Feuilleton verkneifen kann, ohne dabei zu bedenken, was damit kommuniziert wird: Das herablassende Hinweisen darauf, dass hier Frauen sich um ihr Äußeres bemühen, ist nichts anderes als ein Belächeln ihrer vermeintlichen Oberflächlichkeit, die man damit unterstellt; ohne zu bedenken, dass man selbst dabei der eigentlich Oberflächliche ist). Außerdem hat Reichwein über Buchblogger gelernt, dass sie nach voll oberflächlichen Kriterien lesen und total extrovertiert sind, während er selbst ja der stille, ernsthafte Leser ist.

Vor knapp einem Jahr, am 6.6.2016, schrieb Oliver Jungen in der FAZ einen Artikel über Buchblogger unter dem Titel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“, darin kam er zu ähnlich tiefschürfenden Ergebnissen, wenn sie auch zugegebener Maßen noch exorbitant mehr vor Sexismus und Oberflächlichkeit triefen als der Artikel von Reichwein: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Im Februar 2016 erschien in der Zeit ein Artikel mit ähnlichen Vorwürfen. Aber hey, danke „Literarische Welt“, dass du endlich mal Marc Reichwein eine Plattform bietest, um alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Allein: Was ist jetzt eigentlich dein Konzept, neue „Literarische Welt“? Distinktion vom lesenden Pöbel oder demokratische Aufhebung der Genre-Grenzen?

Für eine Literaturbeilage ist das echt dünn

Mara Delius, die ja Verantwortlich für all die Neuerungen und Überraschungen in der neuen „Literarischen Welt“ ist, hat es dann vielleicht doch auf mehr Volksnähe und weniger Distinktion abgesehen – zumindest würde das erklären, warum sie dem Türsteher des „Berghain“, Sven Marquardt, einen ganzen Artikel Platz gibt, um mal echt spannende Lektüretipps zu geben. Wenn man in seinem Leben nie, wirklich nie Kontakt mit einer Subkultur hatte, dann findet man bestimmt, dass Sven Marquardt hier als „Original“ und als total exzentrischer Individualist präsentiert wird – wenn man aber auch nur einmal in seinem Leben davon gehört hat, dass es so etwas wie Metal, Gothic oder Punk gibt, dann entlockt einem ein im Gesicht tätowierter Fotograf und Türsteher mit Kreuzchenringen, der sich als „Existentialisten“ bezeichnet, halt nur ein Gähnen. Ziemlich sicher kann Marquardt ja nicht einmal etwas dafür, dass er hier präsentiert wird wie ein wandelndes Klischee, denn was er in dem Artikel über Bücher so sagt, lässt schon erahnen, dass hier jemand wäre, der interessante Dinge zu erzählen hätte. Aber leider gibt es hier keinen interessanten Artikel, hier gibt es nur recht schnell transkribierte Buchtipps. Da möchte man doch dann wenigstens hoffen, dass Marquardt wirklich irgendwie etwas Besonderes über Bücher zu erzählen weiß, einen besonderen „Buchgeschmack“ hat, nach irgendeinem Kriterium muss Mara Delius ihn ja ausgewählt haben jenseits von „Der ist doch mal wirklich ein Original“.

Ja und was empfiehlt der jetzt für spannende Bücher? „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Just Kids“, die Fassbinder-Filme und natürlich „Gespräch mit einem Vampir“, wobei eigentlich den Film „Interview mit einem Vampir“, denn das Buch hat Herr Marquardt zugegebenermaßen „nie gelesen“. Na endlich empfiehlt mal einer diese abseitigen Werke der Literaturgeschichte! Na zum Glück sind Leute, die in der „Literarischen Welt“ solch überraschende Tipps zum Besten geben dürfen viel ernsthaftere, interessantere Leser als diese fingernagellackierten Quasselstrippen von „Booktubern“. Während Nagellack nämlich ein Zeichen für die Oberflächlichkeit von Bloggern ist, ist das Auswählen eines mittelwichtigen Fotografen mit Gesichtstattoo für einen Artikel, in dem er dann ein Buch empfiehlt, das er nicht gelesen hat, ein Zeichen kulturjournalistischer Expertise. Das einzig überraschende an den Buchtipps von Marquardt ist doch eigentlich, dass er nicht auch noch Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire empfohlen hat, aber wenn die auch noch aufgetaucht wären, wäre ich vermutlich auch direkt vom Augenrollen in Tiefschlaf verfallen. Über Sven Marquardt hätte man, wenn man mehr als anscheinend eine halbe Stunde in den Artikel hätte investieren wollen (denn auf mehr Arbeitsaufwand lässt der Artikel nicht schließen), sicher etwas Interessantes schreiben können. So, mit diesen Tipps und diesem Tiefgang wäre der Artikel vielleicht interessant für ein Magazin für Fotografen, denn der Hinweis auf „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist auch nur dann irgendwie relevant, wenn man etwas über den Fotografen Marquardt und seine Inspirationsquellen erfahren will. Hier wäre dann die Leserschaft und vor allem die Motivation für die Artikelauswahl eine andere. Aber für eine Literaturbeilage, bei aller Liebe, ist das echt dünn.

Revolution #9

Alles in allem: 2017 ist das Jahr der Revolutionen im Literaturbetrieb. Thea Dorn redet jetzt im Literarischen Quartett über Walser, Scheck weist darauf hin, dass „Herr der Ringe“ ein Klassiker der Fantasyliteratur ist, Marc Reichwein findet Buchblogger irgendwie blöd und endlich, endlich wurde auch mal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ empfohlen.

Als Mara Delius die „Literarische Welt“ übernommen hat, habe ich mich wirklich gefreut, weil ich mir dachte: Endlich mal eine intelligente Frau mit Mut zu klarer Haltung in so einer Position. Sie wäre mir auch im „Literarischen Qaurtett“ lieber gewesen als Dorn. Jetzt, nach ein paar Ausgaben der neuen „Literarischen Welt“, bleibt leider vor allem gähnende Langeweile. Am Samstag kommt die neue Ausgabe der „Literarischen Welt“. Am 5.5. kommt die nächste Folge des „Literarischen Quartetts“. Bitte, bitte, bitte: Erzählt mir mal was Neues. Erzählt mir mal was Interessantes.

P.S.: Der einzige, der diese langweiligen literaturbetrieblichen Veranstaltungen noch retten könnte, ist Leo Fischer.

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Wir sind das Blog

Wenn Dinge aufeinanderprallen, geht meistens etwas kaputt. Prallt beispielsweise eine Faust auf eine Nase, ist die Nase kaputt. Fällt eine Vase zu Boden, ist die Vase kaputt. Und wenn der Blog Kulturgeschwätz auf den Blog 54books aufschlägt, geht Kulturgeschwätz aufgrund seiner porösen Beschaffenheit kaputt – und wird ein Teil von 54books. Will sagen: In Zukunft passiert auf Kulturgeschwätz nichts mehr, weil Tilman der zugehörigen Bloggerin freundlicherweise eine kleine Spielecke auf 54books eingerichtet hat. Zukünftige Beiträge von Katharina erscheinen dann auf 54books, die alten Kulturgeschwätz-Beiträge werden nach und nach hier eingespeist.

Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der andre einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
Friedrich Nietzsche

Wir könnten unsere Fusion jetzt natürlich mit großen Duos der Literaturgeschichte vergleichen, beispielsweise mit Goethe und Schiller, Holz und Schlaf, Andersch und Frisch, Graf und Horvath, Fix und Foxi, wir belassen es aber lieber bei dem Hinweis, dass es ja laut Adorno bei manchen Leuten schon eine Unverschämtheit ist, wenn sie „ich“ sagen, weswegen wir ganz froh sind, ab jetzt „wir“ zu sagen, damit sind wir natürlich fein raus. Zu unserer Blogfusion haben wir auch einige wichtige Persönlichkeiten des Kulturbetriebs befragt:

Franz Kafka: „54books muss der Blog sein für die gefrorene Axt in uns!“

Marcel Reich-Ranicki: „Mich interessiert die Literatur, nicht das Blog.“

BILD: „Wir sind Blog!“

Fritz J. Raddatz: „Am meisten sind doch die gekränkt, die nicht in diesem Blog vorkommen.“

Plato: „Das ist ja dann die Idee des Buchblogs an sich!“

Albert Camus: „Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.“

Die Spannung ist also riesig – und wer weiß: Als vor ein paar Jahrtausenden ein Asteroid auf die Erde aufschlug, starben die Dinosaurier aus. Mal sehen, was wir noch so alles kaputt machen können.

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Der Lärm der Zeit – Julian Barnes

julian barnes der lärm der zeitDmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch ist ein Weltstar. Seine Lady Macbeth von Minsk 1932 in Russland uraufgeührt, wurde in New York, Philadeplhia, Stockholm, Prag und Zürich bejubelt und gefeiert. Doch im Januar 1936 besucht Stalin im Bolschoi-Theater eine Aufführung und am nächsten Tag erscheint ein unsignierter Artikel in der Tageszeitung Prawda. Dort heißt es die Oper Schostakowitschs sei Chaos statt Musik und alle sind sich sicher, dass dieser Verriss von Stalin selbst stammt. Die vorher lobenden russischen Kritiker widerrufen, die Aufführungen abgesetzt und Schostakowitsch muss um sein Leben bangen. Da die Geheimpolizei NKWD ihre Opfer meist Nachts aus den Betten zerrt, wartet der Komponist mit einem gepackten Koffer vor der Tür seiner Wohnung, um seine Familie nicht zu gefährden.

Immerhin war es gerade noch möglich, dass er aussah wie ein Mann, der von seiner Frau Nacht für Nacht demütigend hinausgeworfen wurde, oder wie ein Mann, der wankelmütig Nacht für Nacht seine Frau verließ und dann zurückkehrte. Wahrscheinlicher aber war, dass er genau so aussah wie das, was er war: ein Mann, der wie hundert andere in der Stadt Nacht für Nacht auf seine Verhaftung wartete.

Das Genie versinkt zunehmend in Depression, Ängsten und Suizidgedanken. Er zieht seine 4. Symphonie zurück und schreibt eine 5. ganz nach Parteilinie. Er sucht als Künstler und Bürger seinen Platz in einem Land, das von einem Diktator regiert wird, dessen Politik sich selbst in kreative Prozesse frisst und vorzuschreiben versucht, wie gute Kunst auszusehen hat.

Der von mir vielgescholtene (Lebensstufen [doof!] & Am Fenster [auch doof]) Julian Barnes hat mit Der Lärm der Zeit eine grandiose halbfiktionale Biographie eines der größten russischen Komponisten, und Russland ist an großen Komponisten nicht arm, geschrieben, die mich fast mit Herrn Barnes zu versöhnen vermag. Klaustrophobisch die Stimmung in der Diktatur, der Künstler zerrissen zwischen Genius und Angst, schwankend zwischen Resignation, (zumindest musikalisch inhaltlicher) Auflehnung und Konformismus. Barnes schreibt dabei so knapp und präzise, dass man durch die Enge, die Gehetztheit der Verfolgten im Lesefluss zu spüren meint. Ein großartiger Künstlerroman!

In Stalins Russland gab es keine Komponisten, die mit einem Stift zwischen den Zähnen schrieben. Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.

 

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Gespräch mit Susann Brückner zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf

Der Ullstein Verlag lud Blogger zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf nach Berlin zum Verlagsbesuch, weil ich aber eine richtige Arbeit habe, kann ich nicht immer tagsüber Prosecco schlürfen. Also traf ich Susann Brückner von Ullstein bereits lange bevor andere wussten, dass es Schüttelbrause geben wird, zum Mittagessen in Hamburg. Susann ist blitzgescheit, schlagfertig und wählt hervorragende Restaurants aus. (Es sieht jetzt so aus, als hätten wir da ein Interview geführt, das haben wir aber nicht, später habe ich ihr eine E-Mail mit den Fragen geschrieben.)

Braucht es noch ein Berlin Imprint?

Was ist ein Berlin Imprint? Das Imprint eines Berliner Verlags? Oder eins, das nur Berliner Autoren verlegt oder nur Berlin-Texte? Ullstein fünf ist das Imprint eines Berliner Traditionsverlags, aber es ist weder thematisch noch per Autor*innenvita an Berlin gebunden. Ich würde Ullstein fünf also nicht als Berlin Imprint bezeichnen. Es ist ein Imprint für deutschsprachige Belletristik – unseres Wissens nach bisher das einzige. Wir glauben, dass Leser*innen auf der Suche sind nach Stoffen, die ihrer Lebenswelt nahe sind oder ihnen Teil der sie umgebenden Wirklichkeit näherbringen, die ihnen bisher verborgen blieben. Es gehen hier so grundlegende Veränderungen vor sich, die in der internationalen Literatur keinen Widerhall finden oder sehr anders behandelt werden,  z.B. in der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit, die hier anders als etwa im Einwandererland USA beantwortet wird oder auch die Beschreibung bestimmter Milieus, die stark mit einem bestimmten Sprachgebrauch zusammenhängen, gehen in Übersetzungen oft verloren oder bekommen merkwürdige Konnotationen, wenn z.B. der englische Offi (off-licence)  zum Späti wird. (gelesen bei Kate Tempest)

Was könnt ihr bei Ullstein Fünf tun, was im Mutterverlag vielleicht nicht so möglich wäre? Was wollt ihr anders machen?

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einem kleinen Team sind natürlich flexibler und bieten den einzelnen Teammitgliedern einen anderen, neuen Zugang zu den Büchern als das im arbeitsteiligen Modus eines mittelgroßen Verlags möglich ist. Unser Team besteht aus Mitarbeiter*innen (fast) aller Abteilungen – und alle entscheiden mit, von der Akquise des Stoffs bis zur Ausstattung des fertigen Buchs.

Wo seht ihr euch und eure Autoren in fünf Jahren?

Unsere Autor*innen sehen wir auf der Shortlist wichtiger Buchpreise, auf den Bestsellerlisten und natürlich ständig in den Medien! Uns sehen wir zunächst mal auf der Buchmesse, wo wir unsere Launchparty feiern. Du bist auch eingeladen!

Seid ihr Sprungbrett für DebütantenInnen oder sollen die Autoren mit euch wachsen? (Also Sprungbrett im Sinne von sollen die irgendwann innerhalb von Ullstein wechseln?)

Interessante Frage. Ullstein fünf soll kein DebütantInnen-Label sein, sondern ein Programm deutschsprachiger Autor*innen  unter dem Ullstein-Dach. Wir arbeiten autorenzentriert – hatte ich das schon erwähnt? – und ja, wenn es passt, wollen wir gerne gemeinsam wachsen!

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Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien „Es geht doch nicht um die Enten!“.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau „hin“, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

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Bücher des Jahres 2016

1. Blauschmuck – Katharina Winkler

Mein Debüt des Jahres. Brutal, eindrücklich und unbarmherzig. Die Geschichte einer unterdrückten Frau, von Gewalt in der Ehe und der Sprachlosigkeit, in der die Opfer versinken.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

2. Zuwanderung und Moral – Konrad Ott

„Was bedeutet das alles?“ heißt die kleine Reihe mit Sachtexten bei Reclam, in der dieser Text erschienen ist. Konrad Ott vergleicht in diesem Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Bezug auf das drängendste Problem des Jahres und gibt Orientierung in einer Diskussion, die leider vor allem durch plumpe Phrasen von Halb- oder Unwissenden geprägt wurde.

3. Blaue Nacht – Simone Buchholz

Krimi des Jahres! Schnodderig, aber unaufgesetzt. Simone Buchholz hat dazu mit Chastity Riley endlich einmal eine Hauptfigur geschaffen, die nicht einem der Standardklischees „Superheldenermittler“ oder „Superkaputterermittler“ zuzuordnen ist, sondern Abgründe und Probleme hat, nicht ins Abziehbildchen abrutscht, ihre Chas könnte ein echter Mensch sein.

4. Die Unmächtigen: Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945 – Günther Rüther

Aus keinem anderen Buch habe ich in diesem Jahr mehr gelernt. Die Entwicklung der beiden Deutschlands ist nicht denkbar ohne die jeweiligen Intellektuellenfiguren, die sie prägten. Aufarbeitung der Nazivergangenheit, Atomwaffen, 68er Unruhen und die Wiedervereinigung immer waren es auch Intellektuelle, sehr häufig Schriftsteller, die den politischen Diskurs beeinflussten. Eine mitreißende, unterhaltsame Geschichtsstunde aus einem neuen Blickwinkel, die zudem unendlich viel Inspiration für Lektüre rund um die Nachkriegsliteratur liefert. Sachbuch des Jahres!

5. Du sagst es – Connie Palmen

Die Geschichte eines Paares, die unglaubwürdig wäre, wäre sie ausgedacht. Liebe bis zur Selbstzerstörung. Sylvia Plath und Ted Hughes stehen für den modernen Prototyp der unglücklichen Ehe, aber auch der gemeinsamen poetischen Produktivität, für das Anziehen und Abstoßen. Connie Palmen gelingt ein einfühlsames literarisches Porträt ohne sich auf eine Seite zu schlagen und lotet die Abgründe beider tragischer Figuren aus. Tolle Literatur über Literatur.

6. Die Kameliendame – Alexandre Dumas

In Klassikern wird ja immer nur geweint. Es wird Herbst, es wird geweint, man geht in die Oper und weint, man trifft irgendwen von früher, Tränen. Armand Duval ist auch so ein armer Wicht, der nah am Wasser gebaut ist. Er verliebt sich unsterblich in die Edelescortdame Marguerite Gautier. Es geht hin und her und am Ende (eigentlich bereits direkt ab Beginn des Buchs) weinen wieder alle. Weil diese tragische Liebesgeschichte zwar schnulzig ist, aber Tiefgang hat und nachhallt, sollte sie jeder lesen, der mal in Ruhe 200 Seiten leise weinen will.

Zugabe: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig

Ohne Frage das schönste Buch des Jahres.

Zwei Novellen von Stefan Zweig in neuem Gewand illustriert von Joachim Brandenberg bzw. Florian L. Arnold – unbedingt einen Blick ins Buch und die Illustrationen werfen und den Topalian & Milani Verlag aus Ulm auf dem Schirm behalten, da werden sehr feine Bücher gemacht.

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Sozusagen Paris – Navid Kermani

Navid Kermani Sozusagen ParisDas Interview von Iris Radisch mit Navid Kermani beginnt, nach dem ersten Abtasten und der zu erwartenden Frage nach dem Amt des Bundespräsidenten, damit dass Frau Radisch Herrn Kermani sagt, dass sie solche Literatur, wie die, über die sie jetzt sprechen, die er geschrieben hat, gar nicht leiden mag. Kermani reagiert etwas patzig, aber souverän und bedauert, dass sie in ihrem Beruf Bücher lesen müsse, die ihr nicht zusagen. Im Gegenzug nennt sie seinen neuen Roman Sozusagen Paris einen bescheidenen Wohnzimmertext. Sozusagen Paris ist ein Wohnzimmertext, da der Roman fast ausschließlich in einem Wohnzimmer spielt, bescheiden ist er dort, wo es Kermanis Erzählung benötigt. Aber der Reihe nach.

Der Erzähler ist Autor auf Lesereise. In seinem letzten Roman hat er seine Jugendliebe verarbeitet, eingearbeitet und diese Jugendliebe steht nun, was zu erwarten war, am Büchertisch vor ihm. Jutta ist inzwischen Bürgermeisterin der Lesereisen-Kleinstadt und die beiden gehen nach dem obligatorischen Lesereisen-Abendessen zu ihr, ins Wohnzimmer. Eine Bettszene wird es nicht geben, nicht mal einen Kuss, stellt der Autor bereits zu Beginn seiner gegenwärtigen Nacherzählung klar. Jutta hat drei Kinder und gerade Streit mit ihrem Mann und dieser wird daher auch die ganze Nacht nicht in Person auftauchen. Über Tee, Alkohol und Marihuana spricht Jutta über ihre Ehe, die zurückliegenden Jahre, ihre Träume und die Realität als kleinstädtische Bürgermeisterin.

Selbstverständlich werden sämtlich denkbaren Probleme der gehobenen Mittelschicht abgehandelt. Der jugendliche Traum der Weltverbesserung, der doch im Reihenhaus endet, die wilde Liebe, die doch im Alltag versandet und mit Wochenendtrips und Tantra am Leben zu halten versucht wird, das Eingeständnis nicht alles liefe perfekt, aber doch schon ziemlich gut. Jutta ist unglücklich und ist es nicht, der Erzähler ein geduldiger Zuhörer und ist es nicht.

Ich knie neben einer etwa fünfzigjährigen Frau, die den Kopf auf meine Schulter gelegt hat, einer Frau die einmal meine große Liebe war, jedoch mit einem anderen Mann verheiratet ist, unglücklich verheiratet, muß ich dem Gesagten nach schließen, und trotzdem liebt sie ihn zweifellos, mag sie selbst oft das Gegenteil fühlen, sie liebt ihn, das ist für mich keine Frage, und er liebt sie erst recht, es ist eine der seltsamsten, verblüffensten, aufwühlendsten Situationen meines Lebens, und doch müssen vor mir andere Männer in exat der gleichen Körperhaltung eine Geliebte getröstet haben, die einen anderen Mann unglücklich liebt, und ihnen werden dieselben schmerzlichen und zugleich zu unsinnigen Hypothesen durch den Kopf geschossen sein, das Was-wäre-gewesen-wenn, das unsere Erinnerung verdirbt, und Ob-nicht-vielleicht-doch, das uns von der Gegenwart ernhält;

Der gesamte Roman ist durchzogen von Wiederholungen und Redundanzen, Proust-, Stendal-, Flaubert-Referenzen und Einsprüchen des fiktiven Lektors. Aber Kermani macht bereits zu Beginn klar wie seine Erzählperspektive aussieht: er schreibt als geschähe es gerade, doch es ist eine Nacherzählung, daher kann er sich der Literatur- und Musikzitate bedienen, die sonst in einem Gespräch in diesem Umfang nicht auftauchen würden. Sowieso ist Navid Kermani sehr ehrlich mit seinem Leser, Erwartungen werden gedrückt, vieles vorweggenommen und Frau Radisch hat wohl einen literarischen Trick erwartet, der Autor aber einfach ein sehr ehrliches Buch geschrieben.

Ein wirklich realistischer Roman

Ich will das gar nicht wissen. […] Ich will nicht wissen, warum er sie im Bett nicht in den Arm nimmt, wenn sie weint, sondern sich umdreht und einschläft.

Der Erzähler will es eigentlich nicht wissen, hört es sich trotzdem geduldig an. Der Leser will es nicht wissen und liest es trotzdem. Es ist der Widerwillen in die Intimität zweier anderer hingezogen zu werden und fast unangenehmer als die Erläuterungen des erfüllt-tantrischen Sexlebens des Paares, das Jutta so schrecklich Liebemachen nennt (es soll ja Leute geben, die wirklich so reden, Iris R. hat solche aber nie getroffen!).

Kermani hat eine literarische Form gefunden, in der er einen solchen Wiedersehens-Intimitäts-Zweifel-Abend abbilden kann, denn so sind solche Treffen. Wer das nicht versteht, war wohl nie unglücklich verliebt, hat nie einer Jugendliebe hinterher getrauert und sich gefragt, was wäre gewesen wenn, als er sie wiedertrifft. Die Frage ist dann nur, ob man überhaupt Literatur besprechen sollte, die sich mit dem Leben auseinandersetzt, oder man nur noch Kopfliteratur rezensiert. Warum wird heute so viel banaler über die Liebe gesprochen als bei Proust oder Stendhal, fragt Radisch und gibt damit eindeutig zu erkennen, dass sie gar nicht weiß, wie banal Liebe so häufig ist, dass Proust und Stendhal eine idealisierte oder zum Teil fast karrikierend verzerrte Version der Liebe erzählt haben, die in keinem Reihenhaus, keinem Alltag Platz hat.

Juttas Ehekrise sei die gewöhnlichste überhaupt, vielfach beschrieben in Romanen, die in heutigen Wohlstandsgesellschaften spielen, ja, für das Milieu und Alter geradezu stereotyp, soll ich Jutta erklären und ihr freiheraus sagen, daß ich sie ebendeshalb zum Gegenstand meines Romans genommen hätte: weil ihr Fall verallgemeinerbar sei.

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Warum liest Du keine Gedichte?

„Zum einen gibt es eine lebendige Lyrik-Schreibszene, viele Töne, sehr gute deutschsprachige Lyrik aus vielen verschiedenen Quellen, von ganz unterschiedlichen Altersgruppen, die sich aneinander reiben. Auch der  Zustrom zu Festival-Lesungen ist bekanntlich immer noch gut, und natürlich trägt das Internet noch einmal ganz anderes zur Möglichkeit bei, Lyrik überhaupt wahrzunehmen und zu rezipieren. Doch im Buchwesen sieht es traurig aus: Die tatsächlichen Buchverkäufe halten in keiner Weise mit, Lyrik wird in den großen Verlagsprogrammen zunehmend marginalisiert, sie wird manchmal nur noch mitverlegt, weil ein Autor andere Genres bedient, sie wandert ab, und das Geld wandert ab aus diesem Beruf“, sagt Ulrike Draesner im Gespräch mit Volltext und hat damit natürlich recht.

Wird so wenig Lyrik gelesen, weil zu wenig Lyrik besprochen wird oder wird so wenig Lyrik besprochen, weil so wenige potentielle Leser zu erreichen sind?

Gibt es zu auch Du liest selten Gedichte – aber warum? [Mehrfachnennung möglich.]
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Warum liest Du keine Lyrik?

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