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Blauschmuck von Katharina Winkler

Filiz ist eine junge Kurdin, die mit ihrer Familie in der Türkei aufwächst. Das Dorf ist weitab des europäischen Entwicklungsstandes. Archaisch ist sicher das passende Wort. Dies gilt sowohl für das bäuerliche Leben, das sich primär um Schafe hüten und Essensherstellung dreht, als auch die Kultur in den Köpfen. Im strengen Patriarchat aufgewachsen werden die noch ebenbürtigen Kinder-Brüder, bisher der Mutter gehorchend, bald über dieser und Filiz stehen. Die Frauen knien nicht nur um Böden zu reinigen, sondern stets auch um Straßen- gegen Hausschuhe der Männer zu tauschen.

Die Wölfe fressen die Schafe. Sie weiden sie aus. Sie wühlen in den Gedärmen. Lunge, Darm, Leber, Milz, Herz.

Als Filiz zwölf ist, verliebt sie sich in Yunus. Mit fünfzehn heiratet sie ihn gegen den Willen ihres Vaters und wird von ihrer Familie verstoßen. Fortan lebt sie im Haus ihrer Schwiegermutter und wird fortlaufend gedemütigt. Die Hochzeit ist für alle, nur für sie nicht, ein rauschendes Fest. Gezerrt, getrieben und im Strom von Menschen, hilflos inmitten Fremder werden für und über sie hinweg Zeremonien begangen, die in der Entjungferung gipfeln.

Ab diesem Tag ist sie das Eigentum des Mannes, der sich ihrer nur zum Stoßen bedient. Stoßen, das sind die Vergewaltigungen, in denen Filiz verzweifelt versucht Liebe zu finden. Zudem wird Filiz von ihrer Schwiegermutter erniedrigt. Noch hochschwanger muss sie auf dem Feld arbeiten, sie wird gezwungen den Ramadan einzuhalten, in traditioneller Kleidung zu arbeiten, sich alleine dem Mann zu zeigen, der sie geheiratet hat. Von Gott hat sie sich längst abgewandt.

Yunus hat Filiz versprochen mit ihr nach Westeuropa zu gehen. Der Traum nicht mehr unter dem Diktat Yunus‘ Mutter zu stehen, neuer Freiheiten und Jeans, auch die Hoffnung, dass Yunus sich dort ändern würde, lässt sie sich in ihr Schicksal fügen. Doch auch in Österreich bessert sich nicht viel für Filiz. Sie lässt sich weiter vergewaltigen und schlagen, damit Yunus seine Frustration nicht an den Kindern auslässt. Die Situation wird immer aussichtsloser als die Kinder beginnen sich an den Westen und seine Sitten, Feiertage und Freiheiten zu gewöhnen.

Blauschmuck ist die (wahre) Geschichte eines Kindes, dem das Kindsein verboten und genommen wird. Die Geschichte einer Frau, die fortlaufend gedemütigt wird, und Rechtfertigungen hierfür sucht; zerrissen zwischen Religion, anerzogener Hörigkeit, kindlichen Wünschen und dem Bestreben das Beste für die eigenen Kinder durch Duldsamkeit zu erkaufen. Der Ton, den Katharina Winkler in ihrem Debüt findet, ist Bildung und Alter der Erzählerin angemessen ohne albern oder dumpf zu sein. Die Sprache Filiz‘ ist einfach, aber nicht tumb, sie findet Bilder für ihre Situation, die realistisch in einem Kind entstehen könnten, aber trotzdem literarische Kraft entfalten.

Seda trägt mein Armband, es schimmert dunkel, zu dunkel für sie. Selin hat sich mein Diadem ins Haar gesteckt.

Zwei dieser Bilder prägen dieses Buch tief: der das Schaf reißende Wolf und Blauschmuck. Ersteres ist schnell erfasst, Feliz wird in der Ehe zum Schaf, der sie ständig stoßende Yunus zum Wolf der in ihren Eingeweiden wühlt, beim ersten Mal zusätzlich zu den Organen noch die Jungfrau damit zu Tage fördert und verschlingt. Der Blauschmuck dagegen sind die Wunden, welche die Männer ihren Frauen beim Prügeln zufügen, die, ob der Privatheit des Verprügelt – und Vergewaltigtwerdens, verschämt und selten mit einem Anflug von Stolz bei anderen beobachtet werden. Blauschmuck ist ein perfide passendes Wortspiel der Erniedrigung.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

Weitere Rezensionen bei
Das graue Sofa
Buchrevier

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Folge 54books.

8 Comments

  1. Lieber Tilman,
    ich schließe mich Dir an: Dem Roman sind ganz viele Leser zu wünschen.
    Kein Roman hat mich in den letzten Monaten beeinduckt wie „Blauschmuck“, nämlich weil, wie Du ja auch schreibst, der Roman den „Finger in die Wunde legt“ und den Leser noch tagelang nach der Lektüre nicht loslässt. Weil Winkler solche unglaublich guten Bilder findet, Deine Zitate zeigen das ja auch, für die Ereignisse, die man ja kaum zu lesen ertragen kann. Weil sie die unglaubliche Kraft Filiz´ beschreibt, sich in diesem Leben nicht aufzugeben, sondern irgendwie weiterzumachen, und sei es, dass die Kinder nicht die ganze Wut des Vaters abbekommen. Weil der Roman ein Thema anspricht, das ja auch ein politisches ist, wenn wir die Aussagen Kamel Daouds mit hinzudenken und seine Sicht auf die problematische Stellung der Frau im Islam – und in anderen partriarchalen Gesellschaften. Und dann ist der Roman auch noch ein Debüt. Ja: „Blauschmuck“ solltet Ihr lesen.
    Viele Grüße, Claudia

    • 54books 54books

      Liebe Claudia,
      vorhin habe ich auch Deine Rezension gelesen – dass wir einer Meinung sind, steht ja schon fest – hatte vorher aber auch gegoogelt, warum findet dieser Roman im Feuilleton bisher nicht statt? Das Thema ist aktuell, das Buch sehr gut. (Am Namen Suhrkamp dürfte es wohl kaum liegen, sonst ist es doch eher umgekehrt.)

      Deine Verbindung zu Dahoud ist Dir in Deiner Besprechung sehr gelungen! (Ich habe dagegen vor der Analyse aktueller Diskussionen zu diesem Thema feige zurückgeschreckt.)

      Beste Grüße
      Tilman

      • Da es ja schon ein paar Tage her ist, dass ich mich mit „Blauschmuck“ beschäftigt habe, habe ich ganz aus dem Auge verloren, mal zu schauen, wie das Feuileton – oder auch die Blogs – den Roman aufnehmen. Aber es stimmt schon: Es ist auffallend wenig dazu zu lesen, auch auf den Blogs findet der Roman ja bisher wenig Beachtung (Tobias Buchrevier hat ihn auch schon gelesen und besprochen). Es ist jetzt Spekulation, aber vielleicht ist das Thema doch zu politisch heikel. Du schreibst ja auch, dass Du vor der aktuellen Diskussion zurückgeschreckt bist. Und ich habe beim Schreiben auch mehr als eine Schere im Kopf gehabt, denn wer will schon in die rechte Ecke rutschen? Trotzdem und bei allen guten Werten, die wir bei der Aufnahme der Flüchtlinge haben, müssen wir wohl doch auch lernen, problematische Werte der Flüchtlinge mitzudenken und mitzuberücksichtigen. Nur so können wir uns auseinandersetzen, wie wir damit umgehen wollen. Art 1 des GG ist einfach nicht verhandelbar.
        Viele Grüße, Claudia

  2. Ein Buch über das bei Bloggern rege besprochen wird, im Feuilleton habe ich es bislang nicht entdecken können. Ich behalte es auf dem Radar, bin nicht sicher, ob ich aktuell die Nerven dazu habe. Wünsche dem Buch aber viele Leser, es klingt nach einem guten und wichtigen Buch.

    • 54books 54books

      Nerven braucht man definitiv, aber sammeln und dann lesen!

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