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Longlistlesen: 3000 Euro von Thomas Melle

3000-Euro-9783871347771_xxlDie Beiden sind zwei Charaktere, die beide nicht in die Gesellschaftschicht passen, in deren Umfeld sie sich momentan bewegen. Denise kommt zwar von unten, ist für eine Kassiererin aber zu intelligent, zu wissbegierig; eigentlich könnte sie höher hinaus, wird aber durch ihr Umfeld, insbesondere ihre pflegebedürftige Tochter, in ihrem Ehrgeiz gebremst. Ihren großen Traum, eine Reise nach New York, will sie sich aber endlich durch einen Pornodreh finanzieren. 3000 Euro bekommt sie noch dafür, denn die Produzenten zahlen nicht.

Diese 3000 Euro fehlen auch Anton, um seine Schulden zu begleichen, der Privatinsolvenz zu entkommen und ein neues Leben zu beginnen. Der Ex-Jurastudent ist tief gefallen. Der vielversprechende Nachwuchs-Rechtswissenschaftler brachte alle Voraussetzungen für eine steile Karriere mit, sammelt jetzt aber Flaschen und trägt sie in den Supermarkt. Seine Freunde unterstützen ihn so gut es geht, aber Anton will keine Almosen, will wieder auf eigenen Beinen stehen. Doch alle Strohhalme, die sich ihm boten, hat er verpasst, alles Geld verprasst und der neue gebrauchte Anzug ist auch schon wieder verdreckt. Alleine liegt er in der Sozialunterkunft, mürrisch öffnet er, von der Betreuerin angehalten, immer neue Mahnungen, schwankt zwischen Weitermachen und dem an der Tür hängenden Strick.

Zögerlich lernen sich Kassiererin und Obdachloser kennen. Denise ist zurückhaltend, weil sie trotz Antons Äußerlichem merkt, dass er von oben kommt; Anton zaudert, denn er bemerkt Denise‘ Potenzial, schämt sich für Schulden und Absturz. Nach zaghaften Annährerungsversuchen scheint so etwas wie ein Verhältnis denkbar, vielleicht sogar mehr. Wären da nicht seine Schulden und ihre Scham über den Pornodreh.

Nach einem Schnitt, in dem der sexy Coach seine Expertise mitteilt, staksen die Möchtgernmodels schon wieder über den Catwalk, ihren kantigen Beckenknochen hinterher.
Denise genießt jede Erniedrigung, der sie nicht selbst ausgesetzt ist. Sie wäre gern dort, auf der anderen Seite. Gleichzeitig weiß sie, dass sie diesem Druck keinen Moment lang standhalten könnte und ihre Schadenfreude fehl am Platz ist. Und doch steigt Trotz in ihr hoch: Warum nicht hämisch sein? Zum Ausgleich, dass sie nicht dort ist, darf sie so schadenfroh sein, wie sie will. Wer in die Öffentlichkeit geht, muss auch einstecken können. Da wird ihr plötzlich heiß, und sie sieht sich als Thumbnail. In welche Öffentlichkeit hat sie sich hineinbegeben?

3000 Euro sind gute, moderne Unterhaltung. Mit 3000 Euro steht Thomas Melle aber auch auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises, ob er da hingehört wage ich, auch ohne alle anderen Titel gelesen zu haben, zu bezweifeln. Melle schafft es die Ängste Antons, seine Sprunghaftigkeit darzustellen, der wankelmütige gefallene Jurist schwankt ständig zwischen aufrappeln und liegenbleiben und mit ihm seine ganze Geschichte. Anton ist an manchen Stellen nicht glaubwürdig genug und das überträgt sich auf seinen Teil der Geschichte.

Denise dagegen ist der stärkere Charakter des Romans und die Figur, die deutlich besser gelungen ist. Ihre Beklemmungen, hinter der Kasse eingesperrt, wenn sie glaubt, dass einer der Konsumenten ihres Pornos vor ihr steht, die in ihr aufwallende Panik, hier läuft Thomas Melle zur Hochform auf. Ebenso in der Schilderung ihres Alltags, die Szenen mit den Freundinnen, in der Kneipe um die Ecke und der „Bootycall“ bei einem Bekannten, stark, stark und stark, Literatur auf gehobenem Niveau, die heute alltägliche Probleme einer sonst wenig dargestellten Gesellschaftsschicht reflektiert.

Obwohl Denise‘ und Antons Mileu so nah aneinander liegen, eins darstellen, sollen, scheidet sich an den Beiden das Können Melles. Es steht bereits oben zwischen den Zeilen, ganz deutlich: der Denise Roman gehört auf die Shortlist, der Anton Teil nicht auf die Longlist. Erstaunlich, dass Melle seine Hochform bei der Gestaltung Denise‘ nicht für Anton konservieren konnte.

Am Ende berührt mich der Roman nicht so, wie ich es von diesem Stoff erwartet hatte. Thomas Melle kann das Potenzial seines Plots nicht erschöpfen, das sich dann im diffusen, aber vorhersehbarem Ende verliert.

Heute bin ich okay. Ich will nicht sagen, dass ich glücklich bin, aber ich bin okay, und das ist mehr, als ich erwarten konnte.

Thomas Melle ist mehr als okay. Ich will nicht sagen, dass er ein herausragender Schriftsteller ist, aber er schreibt gut, der deutsche Buchpreis ist aber mehr, als er erwarten darf.

Wäre da nicht Denise…

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

4s Kommentare

  1. Danke für die Besprechung. Das einzige Buch auf der Shortlist, das ich lesen will.

  2. Mir ist es bei der Lektüre wie dir gegangen, auch mich hat der Roman seltsam kaltgelassen – und das, obwohl Melle da zwei extrem spannende Charaktere geschaffen hat. Aber so richtig wollte bei mir der Funken nicht überspringen, ich konnte – wie du – vor allem mit Anton wenig anfangen, während die Passagen aus Denise‘ umso kraftvoller sind.

    Aber die Shortlist-Lesung in Frankfurt hat mich mit dem Autor und seinem Buch versöhnt, Thomas Melle hat nicht nur interessante und kluge Dinge von sich gegeben, sondern war dabei auch noch sehr angenehm und sympathisch. Das scheint auch das Publikum so empfunden haben, zumindest war die Schlange am Signiertisch hinterher ziemlich lang.

    • 54books 54books

      Manchmal kann man den Autor ja tatsächlich etwas in sein Buch hineinlesen, kennt man ihn. Erging mir ähnlich mit Thomas Hettche, den ich neulich lesen hörte. Anfängliche Skepsis wich bald starkem Interesse für Sujet und Buch, noch mehr nach einem kurzen sehr netten Gespräch. Bin zwar noch nicht so weit, aber ich lese immer mit dem Autor vor Augen, was in diesem Fall gut tut.

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