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Moin aus dem Lesesaal

Blogs sind etwas für Opas! Wer heute angesagt ist und auf das schnelle Geld schielt, der muss zu YouTube gehen, denken zumindest die Leute, die den Trends immer geschmeidig hinterherhinken. Das Rückständigste sind dabei natürlich Bücher. Als Leser toter Bäume und Nutzer veralteter Technologie, kann man daher getrost jetzt erstmal paar YouTube-Videos machen, bevor das wieder retro wird. Videoschnipsel mit einer Länge von nicht mehr als 2 Minuten als Medium für Minimalaufmerksame eignen sich hervorragend auch für die schnelle Empfehlung von Büchern.

Der frische und angesagte Blogger dieser Zeilen betreibt daher seit Kurzem auch einen YouTube-Kanal. Mit im Boot ist dabei Stephanie Krawehl von der Hamburger Buchhandlung Lesesaal. Wer neben Lesen als auch Gucken und Hören kann, ist daher herzlich eingeladen dort vorbeizusehen und natürlich den Kanal zu abonnieren!

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Zur Kritik des normierten Lesens

In den letzten Wochen wurde mir, vor allem anlässlich meines Beitrags „Endlich sagt’s mal einer“, aber auch in anderen Kontexten, vorgehalten, ich wolle Kritik an Bloggern grundsätzlich unmöglich machen und verstehe überhaupt all diese Feuilleton-Artikel über Blogger ganz falsch, da sei kein Dünkel, da seien nur „verwunderte“ oder „ganz sachliche“ Feststellungen. Warum sehe ich überhaupt in rein sachlichen Beobachtungen von Kulturjournalisten so etwas wie Dünkel und Klassismus?

Weil es bestimmte Äußerungen und „Beobachtungsmuster“ gibt, die keine Zufälle sind: Die gesamte Praxis der Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagarmern bedient historisch eingeschliffene Muster, die über 200 Jahre alt sind. Damit meine ich nicht alle Kritikpunkte, die solche Artikel so vorbringen, sondern spezifische Muster, die im Folgenden deutlich werden sollten.

Zunächst müssen wir uns für das Folgende über eine Voraussetzung einig sein: Es gibt kulturelle Praktiken, die gesamtgesellschaftlich kulturell festgelegt und durch Sozialisation weitergegeben werden. Und: Kulturelle Praktiken werden immer unterschiedlich bewertet – gesamtgesellschaftlich betrachtet, gerade dann, wenn es um sozialen Aufstieg geht, ist nach wie vor der Theaterbesuch angesehener als das Ansehen des Programms des Privatfernsehens. Hier mag es milieuspezifische Unterschiede geben, insofern ist es natürlich zu grob, wenn ich mich im Folgenden auf ein Klassenmodell bzw. das Modell Bourdieus stütze, ich gehe aber davon aus, dass man mit diesem Modell gesamtgesellschaftlich schon noch etwas Richtiges und Wichtiges zeigen kann.

Ich werde – insbesondere im ersten Teil des folgenden Beitrags – einige theoretische Grundlagen erklären, die einige von euch vermutlich schon kennen. Da aber vielleicht doch nicht jeder Bourdieu gelesen hat, fange ich bei den Grundlagen an. Und sorry: Es wird ein paar Fremdworte geben, die gehören zur Theorie. Bei Fragen – gerne nachfragen.

Der Feuilleton-Literaturkritiker als Mitglied der Klasse der „beherrschten Herrscher“ und sein Habitus

Es gibt laut Bourdieu drei Sorten von Kapital, die in der Gesellschaft und für gesellschaftlichen Aufstieg wichtig sind: kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital. Entweder man hat viel Geld (ökonomisches Kapital), oder gute Beziehungen (soziales Kapital), die sich wiederum in Geld umwandeln lassen (weil man durch Vitamin B an bessere Jobs kommt), oder hohes kulturelles Kapital (hohen Bildungsgrad), was sich auch wiederum in Geld umtauschen lässt (weil man sich auf besser bezahlte Jobs bewerben kann).

Die gesamte Gesellschaft untergliedert Bourdieu in drei Klassen: Die herrschende Klasse, die Mittelklasse (= Kleinbürgertum), die Beherrschten (= Volksklasse). Damit aber nicht genug: Die herrschende Klasse besteht aus zwei gegensätzlichen Fraktionen, die sich die Herrschaftsarbeit über die Gesellschaft teilen. Die eine Fraktion sind die „herrschenden Herrscher“, die über hohes ökonomisches Kapital verfügen, also klassischerweise die Unternehmer. Die andere Fraktion ist die der „beherrschten Herrscher“, der Intellektuellen, die über hohes kulturelles Kapital verfügen, wegen fehlenden ökonomischen Kapitals aber den herrschenden Herrschern unterlegen sind (es kommt entsprechend oft zu Rangeleien zwischen beiden). Das macht den Kulturjournalisten des Feuilleton so interessant: Es lebt vielleicht finanziell in einer prekären Lage, gehört aber trotzdem zur herrschenden Schicht der Bevölkerung, er hat trotzdem erheblichen gesellschaftlichen Einfluss und Prestige, kann schön nach unten treten, damit das auch so bleibt, weil er mit festlegt, was kulturell akzeptiert ist und was nicht. Und: Das kulturell Akzeptierte zu tun ist zentral für sozialen Aufstieg durch Bildung.

Diese Position gilt es nun also vorwiegend gegen das aufstiegswillige und daher bildungsbeflissene Kleinbürgertum zu verteidigen. Und verteidigt wird immer durch die Abwertung von kulturellen Praktiken, die nicht der eigenen entsprechen, durch die Abwertung von Lebensstilen. Nach Bourdieu geht der Raum der sozialen Positionen mit einem Raum der Lebensstile einher: Jede Klasse hat ihren spezifischen Lebensstil und ihren Habitus (das meint grob: Verhaltensmuster). Beides dient der Distinktion (Abgrenzung), markiert die „feinen Unterschiede“ in Geschmack, Verhalten, Lebensführung, mit denen sich der „aristokratische Ästhetizismus“ von der „Prätention“ des Kleinbürgertums unterscheidet.

Entsprechend der drei Klassen gibt es also drei Geschmacksformen: Den „legitimen Geschmack“ der herrschenden Klasse, der auf Distinktion achtet und seinen Geschmack durch kulturell anerkannte Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) mit Autorität versehen lässt (darum auch die gelegentliche Allianz der herrschenden Herrscher, also der Reichen, mit den beherrschten Herrschern, also denen mit hohem kulturellem Kapital – wenn man viel Kohle hat, hängt man sich gerne ein teures Bild an die Wand und lädt den Maler zu einer Party ein, um sich mit seiner Bekanntschaft zu schmücken). Dann: Den prätentiösen Geschmack der Mittelklasse, der versucht, den Geschmack der Herrschenden zu imitieren, dabei aber über die feinsten der feinen Unterschiede stolpert, beispielsweise durch den typischen Bildungseifer dieser Schicht – die herrschende Klasse schätzt den Fleißigen gar nicht so sehr, der sich Aufstieg erarbeitet hat, zumindest nicht so sehr wie das Genie, dem scheinbar alles mühelos zugeflogen ist. Ihn bewundert man, den anderen akzeptiert man höchstens. Und dann eben den illegitimen, populären Geschmack der Beherrschten mit seinem von kulturellen Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) für vulgär erklärten Werken und Praktiken. Abwertung des Geschmacks der anderen Schichten dient also zwei Dingen: Disktinktion und Selbstvergewisserung.

„Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich der Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich – ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten – so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimation sozialer Unterschiede.“

P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, 1987, S. 27

„Genuss“ ist also etwas für den Pöbel, für seinen billigen Massengeschmack. Das intellektualistische „Vergnügen“ ist für die Herrschenden, die einen Hang zur Distinktion durch Askese haben: Man weiß die eigenen Triebe zu kultivieren. Man schunkelt nicht im Musikantenstadl, man isst nicht wochenlang nur Nudeln und Fertigpizza, weil’s halt schmeckt, sondern man hält im Konzertsaal schön still und isst Salat, der zwar teurer ist und nicht satt macht, dafür aber gesund ist.

War die Lektüre gedanklich anregend?

Und: Die Herrschenden lesen anders. Sie betreiben nicht das Genusslesen, das stundenlange Schmökern, das Versinken in Romanen. Sie lesen kulturell akzeptierte Bücher, also entweder Klassiker oder von Kritikern für gut befundene Werke. Entscheidend ist dann auch nicht, ob man das Buch etwa gern gelesen hat oder – Gott bewahre – ob man sich gut unterhalten gefühlt hat. Gefühlt wird da ohnehin nicht, das ist was für den Pöbel. Nein nein, entscheidend ist: War die Lektüre gedanklich anregend? Gerne auch ein wenig emotional ansprechend, aber doch bitte eben die ganze Empfindungstiefe ansprechend, nicht nur die Sentimentalität (zu Tränen gerührt sind die Herrschenden ungern) oder gar ins Bewusstlose, Selbstvergessene führend.

Wichtig ist also: Es gibt und gab nie nur eine Art, zu lesen, und es gibt und gab nie nur eine Art von Literatur. Aber: Es gibt und gab eine kulturelle Elite, die die meisten Arten, zu lesen, und die meisten Formen von Literatur für illegitim erklärt hat, wobei sich die Autorität dieser Urteile in höherem Ausmaß aus Tradition und Prestige der Urteilenden als aus der argumentativen Kraft ihrer Urteile speist, insbesondere eben dann, wenn aus mitunter wirklich wirren Gründen andere Arten zu lesen, abgewertet werden. Diese kulturelle Elite gibt es seit sich der grundlegende Wandel von einer Gesellschaft, die in Stände (Klerus, Adel, Bürger und Bauern) gegliedert ist und die sozialen Aufstieg unmöglich macht (da man in den Adel nicht aufsteigen, sondern nur in ihn hineingeboren werden kann), zu einer Gesellschaft, die funktional gegliedert ist und sozialen Aufstiegt (v.a. durch Bildung und wirtschaftliches Geschick) ermöglicht – und das ist seit dem 18. Jahrhundert der Fall. Nicht umsonst ist das 18. Jahrhundert auch der Zeitpunkt der sog. „Leserevolution“, die zu einer stetigen Abwertung bestimmter Lesepraktiken, insbesondere der sog. „Lesewut“, geführt hat. Und auch das hat seinen Grund: Das Bürgertum und insbesondere auch Frauen begannen im 18. Jahrhundert, viel zu lesen, und dadurch sozial durch Bildung aufzusteigen – die Herrschenden reagierten mit einer Abwertung des massenhaften Lesens. Aber dazu später mehr.

Womit ich nicht leben kann

Einige Argumente, die wir in der „Feuilleton vs. Blogger“-Debatte finden, sind schlicht nicht zufällig. Beispielsweise ist es entsprechend nicht zufällig, dass die Subjektivität der Blogger abgewüdigt wird, ihre Betonung des „ichs“ und des Gefühls belächelt wird. Urteile wie „ich hatte Spaß beim Lesen“ sind keine Urteile, die dem Habitus und Lebensstil der herrschenden Klasse entsprechen. Im Gegenteil – sie sind diesen entgegengesetzt, sie entsprechen dem vulgären, populären Genusslesen. Wer als Blogger so schreibt, und meint, der hochliterarische Feuilleton würde das irgendwann akzeptieren, ist schon bemerkenswert optimistisch. Es gibt – soweit ich das sehe – keinen mit dem Internet verbundenen Menschen im Buchbetrieb, der sich im Feuilleton hätte wirklich zentral etablieren können – auch Karla Paul sitzt nicht im „Literarischen Quartett“, obwohl sie die Kompetenz dafür hätte. Das sehe ich nicht als zufällig an: Die Sphären der Urteilsformen sind nach wie vor getrennt, die „feinen Unterschiede“ der Distinktion sind nach wie vor da, und ich sehe da kein Ende.

Damit kann ich auch leben. Womit ich nicht leben kann, ist, wenn Bemerkungen wie diese eben nicht in ihrer Struktur erkannt werden und mir als „bloße sachliche Feststellungen“ verkauft werden: Die Lesebiografie von Tobi von Lesestunden wird von Marc Reichwein in der Literarischen Welt als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnet – der Versuch des Bloggers, sich neue literarische Welten zu erschließen, wird abgewertet als Lesebiografie eines „Emporkömmlings“. Das ist eine vermutlich unbewusst gewählte Formulierung, die aber eben keinesfalls zufällig ist: Ein Emporkömmling ist ein seit dem 18. Jahrhundert – also seit der Zeit, in der die Gliederung der Gesellschaft in Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu bröckeln begann und sozialer Aufstieg durch ökonomisches oder kulturelles Kapital möglich wurde – jemand, der schnell zu Reichtum gekommen ist, aber eben noch nicht als zur oberen Gesellschaftsschicht zugehörig akzeptiert ist. Reichwein überträgt hier – nochmal: und das ist nicht zufällig, sondern entspricht internalisierten Mustern von Lebensstil und Habitus – einen abwertenden ökonomischen Begriff auf den kulturellen Bereich, um jemanden abzuwerten: Der kulturelle Emporkömmling ist einer, der nicht dazugehört, der plötzlich zu kulturellem Kapital gekommen ist, was erst einmal skeptisch zu beobachten ist.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Satz wie dieser in einem anderen Artikel von Reichwein:

„Kompetenz zählt definitiv weniger als Authentizität, und Lesen ist manchmal auch nur die Idee von Lesen – ein Habitus, ein Lifestyle, der sich durch volle Bücherregale, das Reden über Lesevorhaben oder Auspackvideos von Buchpaketen suggerieren lässt.“

Hier wird sogar explizit deutlich, was hier passiert: Ein bestimmter Lebensstil wird zum „lifestyle“ erklärt, ein bestimmter Habitus als illegitim erklärt. Und dabei wird verschleiert, dass der Autor des Artikels natürlich nicht minder einen Lebensstil und einen Habitus hat – warum dieser aber kein „lifestyle“ sein soll und eigentlich so überlegen sein soll, bleibt offen, Argumente fehlen.

Niemals bekäme Tobi von Lesestunden einen Artikel in der Literarischen Welt wie die Tochter von Heiner Müller, die dort ihre Lesebiografie vorstellen darf. Ihre Lesebiografie enthält Mangas, „Hanni und Nanni“, und anspruchsvolle Literatur, und niemals würde Marc Reichwein das als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnen, denn: Die Tochter von Heiner Müller hat ererbtes kulturelles Kapital, weil ihr Vater Heiner Müller ist, und soziales Kapital, also vom Vater ererbte Kontakte in den Literaturbetrieb. Sie gehört dazu, ihre Bildung bzw. ihr kulturelles Kapital muss nicht skeptisch beobachtet und hinterfragt werden, was nichts anderes heißt als: eigentlich abgesprochen werden. Dass ein Artikel wie dieser in der Literarischen Welt erscheint, zeigt eben nicht, dass bestimmte Grenzen und Distinktionsmechanismen inzwischen aufgeweicht wären, im Gegenteil, ein Artikel wie dieser bestätigt gerade dadurch, dass Bücher wie „Hanni & Nanni“ vorkommen dürfen, wenn sie nur von der richtigen Person empfohlen werden, dass sozialer Aufstieg nach wie vor ein Weg ist, bei dem man erst Mal an den Herrschenden und an denen in die beherrscht-herrschende Klasse Hineingeborenen, gewissermaßen dem modernen kulturellen Adel, vorbei muss.

Klassische soziale Ausgrenzungsmechanismen funktionieren auch im Literaturbetrieb – und ein Diskurs über Blogger, der keine Argumente sondern nur „Beobachtungen“ bringt, die wertend formuliert werden, keine Analysen liefert und nicht nach gesamtgesellschaftlichen Hintergründen einer Entwicklung im Bereich des eigenen Publikums (denn die Blogger sind ja Publikum des Feuilleton) fragt, sondern diesen Teil des Publikums lieber abwertet, ist kein sinnvoller Diskurs, den ich ernst nehmen muss. Ernst nehmen wird man diesen Diskurs erst müssen, wenn die Frage beantwortet wird: Warum ist eigentlich das Geschmacksurteil etwas, was nur der Blogger, angeblich aber nicht der objektive Literaturkritiker fällt – wenn wir doch ausgehend von Konstruktivismus und Postmoderne längst wissen, dass es objektive Urteile nicht gibt, sondern nur unterschiedlich etablierte Mechanismen, die eigene Subjektivität zu verschleiern (z.B.: indem man nicht „ich“ schreibt, möglichst wenig Gefühle erwähnt etc.)? Oder: Warum soll das Urteil „ich habe gelacht“ unangemessen sein für die Beurteilung von humoristischer Literatur? Warum soll überhaupt Humor und Gefühl unliterarisch sein – hat da eigentlich mal jemand die Autoren gefragt, gibt es da eine Mehrheit derer, die auf gar keinen Fall den Leser emotional berühren wollen? Wird man mit germanistischer Textanalyse dem Text automatisch immer besser gerecht als mit einem subjektiven Urteil über die Wirkung des Buches, das sich darauf stützt, dass man viel gelesen hat und also vergleichen kann?

Frauen lesen anders, Männer lesen anders

Und dann kommt dazu noch etwas anderes, das auch nicht zufällig ist, nämlich die ständige „bloße Feststellung“, dass die meisten Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer ja Frauen seien. Das ist eine Tatsache und selbstverständlich kann man die benennen. Die Frage ist nur, in welchem Kontext man das tut und ob man das wirklich als Beobachtung verwendet. Das sei an zwei besonders deutlichen Beispielen vorgeführt:

So schreibt Marc Reichwein in seinem Artikel über „Lesewut 3.0“ (der Titel ist wichtig, auch der ist kein Zufall):

„Literaturblogger von heute sind 3.0. Sie labern und fingern gern vor laufender Kamera herum. Beliebt sind Nagellackfarben passend zum Buchcover.

Gefühlte 90 Prozent aller Buchblogger sind weiblich. Die Verhältnisse sind also ein bisschen so wie im Germanistikstudium, nur stylisher. Manche Buchbloggerinnen tun nichts anderes, als Bücher in schöner Umgebung zu drapieren. Das gute Buch zur schönen Blume (wahlweise auch Teetasse, Lichterkette, Sofadecke).“

Nur als Randbemerkung: Die Abwertung der Frau, die sich „stylt“, die also deutlichen Wert auf ihr Äußeres legt, ist durchaus etwas für die Klasse des hohen kulturellen Kapitals Bezeichnendes, Klassenzugehörigkeit wird in den weiblichem Körper nach wie vor sehr viel stärker eingeschrieben als in den männlichen. Es gibt im Kulturbetrieb keine Frau, die auf die Idee käme, so herumzulaufen wie Daniela Katzenberger – die gehört klar zur Ästhetik der Beherrschten. Jede Frau, die in den Kulturbetrieb will, weiß, was sie optisch darf und nicht darf, wenn sie ernst genommen werden will. Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich prollig geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu. Wenn Marc Reichwein also auf Weiblichkeit und Nagellack kombiniert hinweist, ist das kein Zufall, sondern ein klassischer Abwertungsmechanismus der oberflächlichen und schon darum nicht ernstzunehmenden Frau.

Nur noch einmal der Vollständigkeit halber – ich habe bereits mehrfach auf diese Stelle hingewiesen und sie zitiert – sei noch einmal auf die Passage aus dem Artikel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“ von Oliver Jungen aus der FAZ vom 6.6.2016 zitiert:

„Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“

Warum ist das nun klassisch distinktiv? Ich schrieb bereits oben: Im 18. Jahrhundert kam es zur sog. „Leserevolution“. Der heutige Buchhandel und die heute gängigen Praktiken des Lesens entstanden. Die „Leserevolution“ ist vor allem auch dadurch gekennzeichnet, dass auch die unteren Schichten (Dienstboten, Soldaten) zu lesen begonnen haben, und insbesondere auch die Frauen – durch das Lesen erhoffte man sich sozialen Aufstieg. Insbesondere Pfarrer und Pädagogen sprachen von einer „Leseseuche“, von „Lesewut“, von „wildem Lesen“, die zu einem Rückzug der Menschen aus dem Alltag in Phantasiewelten führe (s. dazu beispielsweise: M. Maurer: Schreibkultur – Lesekultur, in: Ders.: Kulturgeschichte, 2008, S. 91-107). Das verdummende Lesen, das abzuwertende Lesen der Weiber und des Pöbels – das ist „Lesewut“. Nennt Marc Reichwein (oder irgendein Redakteur, der dafür zuständig ist) seinen Artikel „Lesewut 3.0“, so ist das ein Zitat, bedient das die traditionelle Abwertung eines Lebensstil. Das ist keine Beobachtung, das ist eine Wertung. Und zwar eine spezifisch männliche (s. dazu viel ausführlicher, als ich es hier leisten kann: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015).

Als im 18. Jahrhundert Frauen zu lesen begonnen haben, haben sie sich oft – auch darauf rekurriert Reichwein ja deutlich in seinem Artikel – in Lesezirkeln zusammengetan und sich über ihre Lektüren in Briefen ausgetauscht:

„Es ging weniger um die Frage, ob und inwiefern sich aus Literatur etwas lernen lässt, und sei es fürs Leben, als um das Erlebnis und die Feier des Augenblicks: […] Lesen war ein Mittel zur Entfesselung von Emotionen. […] Die Lektüre von Literatur verlieh den Frauen eine Stimme und einen sozialen Status. Und der war nicht gänzlich, aber doch weitgehend unabhängig von ihrer Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und akademischer, für Frauen in der Regel unerreichbarer Bildung. Lesen verschaffte ein Stück Unabhängigkeit und eröffnete neue Wege, das Leben zu genießen.“

S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015, S. 39

Weibliches Lesen ist also seit dem 18. Jahrhundert anders als männliches Lesen: Es ist das Lesen in Masse (im Sinne von: Lesen von möglichst vielen Büchern), es ist das gefühlsbezogene Lesen, es ist das identifikatorische Lesen. Weibliches Lesen konnte sich nicht anders entwickeln, weil Frauen keinen Zugang zu Bildung und eine andere Alltagswelt hatten. Männliches Lesen entwickelte sich aufgrund des anderen Zugangs zu Bildungswegen und Berufslaufbahnen anders: Als Lesen, bei dem weniger Bücher, diese aber eventuell wiederholt gelesen werden, und als vorwiegend informierendes Lesen. Genau diese beiden Arten von Lesen existieren bis heute, wie die Lesesozialisationsforschung weiß: Mädchen sind in der Schule inzwischen erfolgreicher als Jungen, weil sie viel mehr lesen. Mädchen lesen dabei fiktionale Texte, Jungen lesen Sachbücher (s. zu alle dem: B. Franzmann, K. Hasemann u.a.: Handbuch Lesen, 2006). Die Grundlagen dafür liegen im 18. Jahrhundert. Und: Würde diese Aufteilung endlich überwunden werden, würde „viel lesen, weil es eben Spaß macht“ nicht mehr als „weiblich“ und damit als defizitär gelten, würden auch Jungen mehr lesen, würden sie besser in der Schule abschneiden. Um was es hier geht, ist schlicht auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes?

Zurück zur Kritik des Feuilletons an den Bloggern: Die kulturell legitime Lesepraxis ist natürlich die männliche – es gibt ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten weibliche Literaturkritiker. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wird es Frauen sogar verboten zu lesen (s. auch dazu: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015). Wenn nun also heute Feuilleton-Journalisten in einem spezifischen Kontext und abwertenden Ton die Beobachtungen aneinanderreihen, dass Blogger: weiblich sind, viel lesen, gefühlsbezogen urteilen – dann ist das nicht neutral, sondern bedient existierende, Jahrhunderte alte Disktinktionsmuster, und bedient zudem misogyne Muster. Das weibliche Lesen ist nicht vom selben Wert wie das männliche Lesen.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes? Warum dürfen nicht beide Arten einfach nebeneinander stehen? Wegen der Gefahr der „Vermassung“, die konservative Kulturkritiker ja allenthalben wittern – schließlich bringt Vermassung solche Gefahren wie „Demokratie“ und die Emanzipation der Arbeiterklasse mit sich, sie führt zu weniger Leistungsbereitschaft und Forderungen nach mehr Gleichberechtigung. Und, ja, auf einer abstrakteren Ebene geht es eben genau darum: Eine beherrscht-herrschende Klasse möchte nicht, dass unterschiedliche Ansätze und unterschiedliche Lebensstile gleichwertig nebeneinander stehen. Es geht um Distinktion und um Machterhalt.

Männer lesen anders als Frauen. Frauen lesen anders als Männer. Big deal. Aus Konstruktivismus und von der Rezeptionsästhetik wissen wir: Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie unterschiedlich. Aber: Obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, obwohl „weibliches Lesen“ als kulturelle Praxis nach wie vor da ist und vermutlich häufiger auftritt als das „männliche Lesen“, ist es nicht so viel wert wie das informationsorientierte, sachliche Lesen.

1994 schrieb Ruth Klüger in ihrem Essay „Frauen lesen anders“:

„Doch die Kritik der höheren Literatur und die traditionelle Literaturwissenschaft schließen die Augen vor den Einsichten des Buchmarktes und setzen einen geschlechtslosen idealen Leser voraus, der sich bei näherem Hinsehen immer als Mann entpuppt. Wie ich zu Anfang erwähnte, hat zwar die Rezeptionstheorie mit solchen Vorstellungen der Unvoreingenommenheit weitgehend aufgeräumt. Doch bleibt die weibliche Sicht klassischer Literaturwerke, soweit Leserinnen sich überhaupt genügend emanzipiert haben, um eine solche Sicht zu entwickeln, noch immer untergeordnet und wird von der etablierten, das heißt also männlichen Kritik, kaum wahrgenommen. Anders gesagt, feministische Theorie und Kritik ist bis jetzt kein Pflichtfach geworden, auch in Amerika nicht“

R. Klüger: Frauen lesen anders, in: Dies.: Frauen lesen anders. Essays, 1996, S. 99

Seither hat sich einiges getan. Es gibt heute vielmehr weibliche Literaturkritikerinnen als in den 1990ern. Aber: Akzeptiert und ernst genommen werden diese nur, wenn sie sich an die männliche, distinktive Praxis halten. Dass dem so ist, kann jeder an den Reaktionen auf Christine Westermanns Art, im „Literarischen Quartett“ über Literatur zu reden, beobachten. Sie verkörpert das „weibliche Lesen“ – und erntet dafür Spott. Und da muss ich mich selbst an die eigene Nase greifen – auch ich habe einige dieser distinktiven Muster durchaus sehr gut erlernt. Ich versuche aber zunehmend, diese Muster zu durchbrechen.

Ich begrüße jeden männlichen Literaturblogger, der gefühlsbetont in Masse liest. Es geht hier auch um eine Veränderung in der Lesesozialisation, um Bildungsgerechtigkeit und Chancen für Jungen, die sich im Bildungssystem schwer tun, weil sie weniger lesen. Das zu verändern scheint mir wichtiger als der liebgewonnene Habitus des ein oder anderen Kulturjournalisten.

Darf man Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer nicht kritisieren?

Mir wurde vorgehalten, ich würde Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern genuin ablehnen. Das ist nicht so. Ich bin immer für Kritik, ich bin immer für Diskurs – aber nicht, wenn dabei nur die stumpfen alten Mechanismen der Distinktion bemüht werden. Das ist mir vor allem auch zu langweilig.

Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer müssen Inhalte liefern. Denn je weniger Inhalte sie liefern, je weniger sie wirklich über Bücher sprechen und stattdessen über sich selbst, die eigene Lesegewohnheit, den Ritus des Bücherkaufens etc., desto mehr tragen sie sich selbst zum Markt. Subjektivität selbst wird zur Ressource, das Individuum in seiner privaten Lesegewohnheit zum Schauplatz des Marktes. Hier habe ich deutliche kapitalismuskritische Bedenken. Die muss man nicht haben, wenn man so oder so nicht zur Kapitalismuskritik neigt. Ich aber habe bedenken, wenn „Selbstvermarktung“ eben zur freiwilligen Vermarktung des Privaten wird, wenn es wirklich nichts mehr im Leben gibt, was nicht in Klicks und Leistung verrechnet werden kann. Wer mag, kann jetzt noch selbst eine Verbindung zu Habermas‘ These der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ herstellen, ich sehe hier Anschlussmöglichkeiten, aber ich möchte diesen Beitrag nicht heillos überfrachten. Man kann zumindest diskutieren, ob man das Private vermarkten sollte. Man kann zumindest diskutieren, ob Blogger das Lesen selbst so auf den Markt tragen sollten, wie Verlage die Bücher auf den Markt tragen. Es muss diskutiert werden, ob der Markt mit seiner Eigengesetzlichkeit nicht selbst zu einer neuen Normierung der Praxis des Lesens führt. Hier habe ich deutlichsten Bedenken. Es muss überlegt werden, ob nicht gerade durch instagram generell, aber auch in Bezug auf Lesepraxis, normative Idealbilder gelingendes Leben, die schädlich sein können, entstehen.

Aber: Ich halte die Schlussfolgerung, dass Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer dann doch einfach, wenn sie ernst genommen werden wollen, auch nach den Regeln des Feuilletons spielen sollen, für furchtbar kurzsichtig. Warum ständig fordern, dass das Fußvolk sich gefälligst nach oben zu bücken habe? Einzig sinnvoll scheint mir ein Pluralismus, der unterschiedliche Formen kultureller Praxis nebeneinander stehen lässt, ohne Beißreflexe. Man muss nicht alles beklatschen, was andere tun – aber man kann sie auch einfach machen lassen.

Und: Wer behauptet, die Bookstagramer würden nur nette Bildchen machen und keine Inhalte liefern, hat sich das Medium nicht angeschaut. Meist werden die Bilder mit einer Kurzrezension verbunden (wenn es sich um genuine Bookstagramer handelt und nicht um Blogger, die ohnehin an anderer Stelle Inhalte liefern), meist schließt sich daran ein sehr viel regerer Austausch unter Bookstagramern und Followern über das fotografierte Buch an, als dies in den Kommentarspalten der Buchblogs oder des Feuilletons der Fall wäre. Instagram ist das kürzere, schnellere Medium – es ist aber nicht inhaltsfrei, sondern interaktiver. Ich denke, das kann ein Vorteil sein.

Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden. Und man muss von ihnen verlangen dürfen, dass sie das tun und dass sie das reflektiert tun. Nur: Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

Und, am Rande: Die spannendsten Debatten um beispielsweise Frauenbilder und Männerbilder in Literatur, um die Frage, inwiefern Bücher vielleicht schädliche Vorstellungen von Partnerschaft, Sexualität und unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen transportieren – diese Debatten finden derzeit statt, und zwar im Internet, nicht im Feuilleton. Und zwar bei Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern mit den Schwerpunkten: Jugendliteratur, Genreliteratur, Young Adult. Diese Debatten führt nicht das Feuilleton. Obwohl ich schon längst die Methoden der Ideologiekritik, der feministischen Literaturkritik etc. im Feuilleton vermisse. Aber auch die gehören eben nicht zum Set etablierter distinktiver Kulturpraxis.

Diskutiert und kritisiert werden muss entsprechend auch die Praxis der Buchauswahl von Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern. Wenn ein Jugendbuch, das ein problematisches Ideal von Partnerschaft vermittelt, in den Himmel gelobt wird, wird man kritisch anfragen dürfen und müssen, ob das denn wirklich angemessen ist für ein Jugendbuch.

Natürlich muss man von Bloggern einfordern dürfen, sich an Regeln für Rechtschreibung und Grammatik zu halten. Man kann das aber ohne Herablassung und in der Anständigkeit tun, die weiß, dass es Leute mit LRS und Legasthenie gibt und dass es Leute gibt, die einfach nicht das Glück einer ausführlichen Bildungslaufbahn hatten.

Man wird jemanden, der einen Blog, Instagram- oder Youtube-Kanal betreibt und sich nicht als Literaturkritiker versteht, sondern als Leser oder Influencer, nach anderen Maßstäben bewerten müssen als den Literaturkritiker des Feuilletons. Die Medien funktionieren anders, das Selbstverständnis und das Ziel ist ein anderes, auch das Publikum ist ein anderes. Und bei aller Liebe zur fundierten, klugen Buchkritik (und die liebe ich sehr!): Wenn durch diese ganzen Bookstagramer auch nur 10 Jugendliche mehr zu einem Buch greifen, kann ich nicht sehen, wo hier der Untergang des Abendlandes drohen soll. Ich sehe auch nicht, welchen „Schaden“ das anrichten soll, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, das sei für irgendwen schädlich. Also mir schadet das nicht.

Gleichzeitig wird man von Journalisten verlangen dürfen, mit dem eigenen Status reflektiert umzugehen, Argumente und Analysen zu liefern, nach Hintergründen zu fragen, statt Artikel zu schreiben, die schlicht oberflächlich sind und auf 200 Jahre alten distinktiven Mechanismen beruhen.

Es wäre doch schön, wenn die professionelle Literaturkritik ihre Daseinsberechtigung (die beileibe niemand in Frage gestellt hat) dadurch rechtfertigen würde, dass sie kluge, lesenswerte Analysen von Literatur und literarischem Leben hervorbringen würde, nicht indem sie nach denen tritt, die sie als „unter ihre Niveau“ wahrnimmt. Solche Analysen von Literatur kann man finden – Meike Feßmann und Insa Wilke schreiben oft solche Artikel, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und vielleicht, vielleicht entdecken ja alle irgendwann, wer eigentlich deutlich wichtiger ist als alle Journalisten, Verleger, Blogger, Booktuber, Bookstagramer zusammen: die Autoren.

P.S.: Damit wir uns recht verstehen: Ich unterstelle auf keinen Fall Marc Reichwein, misogyn oder ein Klassist zu sein. Mir geht es um Argumentationsmuster, die beileibe nicht nur er bedient, und die nicht für bewusste Denkmuster stehen müssen. Ein solches Urteil über eine Person, die ich nicht kenne, steht mir nicht zu, und ist definitiv nicht das, worauf ich hier hinaus will.

NACHTRAG, 10.5.2017: Liebe Leute: Dass sich weiblicher und männlicher Lesehabitus unterscheiden, ist nicht meine Erfindung, meine Pauschalisierung, sondern Ergebnis empirischer Lesesozialisationsforschung. Das gibt es, ob das nun allen gefällt oder nicht – es ist sehr einfach, hier zu sagen, das wäre nur Ergebnis meines schlichten Denkens, aber das ist es nicht. Es gibt Studien dazu, es gibt Bücher darüber. Ein Beispiel: Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. In unterschiedlichen Studien wird der Lesehabitus unterschiedlich benannt („partizipatorisch“, „instrumentell“ etc.). Hier habe ich vereinfacht, hier habe ich zu schnell geschrieben, hier hätte ich die Begriffswahl genauer reflektieren müssen – es ändert aber an dem Befund wenig, dass in allen Modellen das Ergebnis dasselbe bleibt: Mädchen lesen gefühlsorientierter als Jungen. Auch dass damit zusammenhängt, dass Jungen tendenziell oberflächlicher und weniger lesen, ist nicht mein Hirngespinst, sondern Forschungsergebnis (s. auch dazu Graf). (Und ja, natürlich zeigt PISA 2015, dass sich die Lesekompetenz der Jungen inzwischen der der Mädchen angenähert hat – genau daran arbeitet aber das Schulsystem doch auch, seit es solche Vergleichsstudien gibt, PISA macht man doch nicht, um zu schauen, ob die deutschen Schüler endlich die schlausten sind, sondern um u.a. genau solche Erhebenungen zur Lesekompetenz zu erheben, die dann mit weiteren empirischen Anschlussstudien erklärt werden, das macht die Bildungsforschung nicht seit gestern und auch nicht nur in Deutschland; und ja: natürlich gibt auch andere Bezeichnungen für „männliches Lesen“, und in den letzten Jahren lesen Jungen zunehmend auch, um unterhalten zu werden, hier zeichnet sich ein Wandel ab. Man kann über alles mögliche an den empirischen Befunden streiten, aber der Befund, dass Mädchen „intimes“, „einfühlendes“ Lesen in der Regel bevorzugen, ist meines Wissens geblieben, das ist nicht meine Pauschalisierung) Auch der sozialgeschichtliche Erklärungsansatz für diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus kommt aus der Forschung. Natürlich gibt es daneben biologistische und psychologische Ansätze, mir ist aber ein Ansatz, der das über Sozialisation zu erklären versucht, lieber, weil er gerade nicht behauptet: Frauen und Männer sind so, sondern: Frauen und Männer werden so. Man kann mir an einigen Stellen Vereinfachung vorwerfen, aber explizit an diesem Punkt kaum, dass nur ich pauschal denken würde. Die Unterschiede im Lesehabitus sind nicht meine Idee, schon gar nicht mein Wunschdenken. Aus Ahnungslosigkeit gefühlte Wahrheiten („der Sohn meines Schwippschwagers fünften Grades liest aber nicht informationsorientiert“) als Gegenargument zu belastbaren empirischen Studien einbringen – das halte ich nicht für zielführend. Praktisch alles, was ich dazu geschrieben habe, findet ihr schon in ganz einfachen Einführungen zur Lesesozialisation für das Lehramtsstudium (wie in dem oben schon genannten Buch von W. Graf), inklusive des sozialgeschichtlichen Erklärungsansatzes. Benutzt halt wenigstens mal Google, bevor ihr mich zur Genderklischeeerfinderin macht. Ein Kurzüberblick, dessen andere Begriffswahl – ich gebe gerne zu, hier ungenau gewesen zu sein – nicht zu einem abweichenden Ergebnis kommt, findet sich auch hier.

 NACHTRAG Nr. II, 12.05.2017: Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen albern, dass ich das wirklich explizit dazuschreiben muss, aber nachdem mir jetzt schon mehrfach gesagt wurde, ich würde „schwarz-weiß-zeichnen“ und „das Feuilleton/die Blogger“ als geschlossene „Blocks/Kasten/Schichten“ behandeln: Ich war davon ausgegangen, dass es sich von selbst versteht, dass die Welt komplexer ist, als man es in einem Blogbeitrag sagen kann. Anscheinend ist es aber eine Zumutung, wenn ich das einfach voraussetze, und anscheinend ist es eine recht beliebte Reaktion, dem anderen Dummheit zu unterstellen. Für alle die, die das explizit hier stehen haben müssen, um mir zu glauben, dass ich das weiß: Natürlich gibt es nicht „das Feuilleton“ und „die Blogger“, natürlich war nicht Ziel meines Beitrags, zu behaupten „alle sind so, genau so und nicht anders“. Dass es aber ein paar Muster gibt, die sich halt öfter als „mal vereinzelt“ finden lassen, tut mir leid, das müsst ihr euch gefallen lassen, und das bedeutet SELBSTVERSTÄNDLICH nicht, dass „alle“ so denken/sind/schreiben/handeln. Ich war davon ausgegangen, das ist eine Erkenntnis, die man voraussetzen kann OHNE sie nochmal explizit zu formulieren, es lebt doch keiner hier abgeschottet von der Menschheit unter einem Stein.
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Tijan Sila – Tierchen unlimited

Tijan Sila macht es mit seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ der Leserschaft nicht ganz leicht. Er lässt seinen Erzähler im Teenageralter wegen des Bosnienkrieges aus Sarajevo nach Deutschland fliehen, wo er in Hassloch (wie gut dieser Name ist!) in der Pfalz und später in Heidelberg mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher anekdotenhaft-assoziativ, es gibt keine Entwicklung des Protagonisten, dieser wurstelt sich viel mehr einfach immer irgendwie durch, und dann ist das Buch auch noch irgendwie witzig – also, wirklich „irgendwie“, denn das ist zum einen verstörend und zum anderen finde ich Bücher nie witzig, bei mir funktioniert Humor in Büchern einfach nicht, weil ich nämlich gar keinen Humor habe. Aber hier habe ich gelacht. Und mich gleich ein bisschen geschämt, denn: Das ist ja sog. „Migrationsliteratur“, da muss man traurig und betroffen sein, darf man da lachen?

Das Absurde und die Farce

Man muss es sogar, vor allem wenn das Lachen verstörend und nicht erleichternd ist, denn 2017 ist es wirklich allerhöchste Zeit, endlich damit aufzuhören, alle Autoren, die irgendwie biografisch selbst einen sog. Migrationshintergrund haben und dann auch noch irgendwelche Figuren migrieren lassen, in ein- und dieselbe Schublade zu packen, die man dann mitleidig-betroffen anschielt. Und „Tierchen unlimited“ ist deswegen so super, weil es alles kaputt macht: Betroffenheit, Schubladen, „Migrationsliteratur“. Und damit macht es das Buch dem Leser schwer, der erst Mal nicht weiß, was er mit diesem Schlamassel, dass das Buch so anrichtet, anfangen soll.

Dabei wird vermutlich nicht jeder den Humor des Romans lustig finden, weil der Roman natürlich eigentlich weder witzig noch lustig und vor allem – auch das macht es dem Leser schwer – nicht ironisch ist. Ironie könnte man ja noch verorten. Aber der Humor in „Tierchen unlimited“ ist eher grotesk und absurd. Und das zu Recht. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste, schreibt in seiner Autobiographie „Bodenlos“:

„Das Wort ‚absurd‘ bedeutet ursprünglich ‚bodenlos‘, im Sinne von ‚ohne Wurzel‘. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele absurden Lebens.“ (S. 9)

(Bitte jetzt keine Debatte um etymologische Wahrheiten, hier geht es um poetische Wahrheit, ihr Schlauschlümpfe.)

Der Verlust der „Heimat“ führt für Flusser zu einer absurden Existenz – und genauso absurd wird die Existenz des Erzählers in „Tierchen unlimited“, allerdings eben nicht erst mit der Flucht, sondern bereits in Sarajevo. „Heimat“ wäre ja missverstanden, wollte man darunter einfach nur einen Ort verstehen, Heimat geht schon dann verloren, wenn der Ort, der Heimat war, keine mehr ist, weil man dort nicht mehr sicher ist, wenn das, was vertraut war, eben entfremdet ist. Schon in Sarajevo wird das Leben absurd, wenn der Erzähler sich, während die Stadt beschossen wird, verstecken muss und dabei weniger Angst um sein Leben als vor der Bestrafung durch die Mutter hat. Das Alltägliche – das Zusammenleben mit der Mutter – wird aus dem Alltag herausgerissen, weil der Alltag selbst nicht mehr existiert, und so entsteht eine absurde Spannung zwischen dem Alltäglichen im Nicht-Alltäglichen. Sila bringt das ja auch in einem Bild auf den Punkt, das mit gutem Grund für den Titel des Romans Pate gestanden hat und das etwas weniger beschaulich ist als das Bild der Blumen auf dem Frühstückstisch:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken. Menschen wachen in Sarajevo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient.‘ Aber Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt die Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.‘“ (S. 27f.)

Der Verlust der Bäume und damit der Nester führt dazu, dass Eichhörnchen absurde Existenzen führen, sie leben als Ratten in der Kanalisation, sie sind von ihrer eigentlichen Lebensweise entfremdet. Und zu genau so einem Tierchen in Bomberjacke wird der Erzähler durch den Krieg, dann verstärkt noch einmal durch die Flucht nach Deutschland, die er für einen „Gehirnfurz“ (S. 155) seiner Eltern hält – wie ein Tierchen glaubt der Erzähler nicht, dass er in diesem Krieg sterben könnte, obwohl er zahlreiche Leichen gesehen hat, in seinem Kopf gibt es auch nur eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit und vielleicht noch Gedanken wie „Computerspiele“ oder „Comics“. Und diesen Zustand verlässt der Erzähler auch nicht mehr, er entwickelt sich einfach nicht weiter: Die Objekte seiner Begierde verändern sich, irgendwann werden teure Kleidung, eine Rolex und schöne Wohnungen interessant, zuvor weckt die Pubertät aber sein Interesse an Mädchen. Und er hat permanent das Gefühl, für alles, das er tut, schulde das Leben ihm einen Lohn, weswegen er sich in Sarajevo genauso wie in Deutschland eben das nimmt, was er möchte oder braucht. Der Tunnel, durch den er mit seiner Familie flieht, ist eben hier kein Symbol der Wiedergeburt, wie das in anderen literarischen Werken der Fall ist (z.B. im Herzog Ernst B, ja, Hallo, ich habe auch Mediävistik studiert, und ich habe meinen Studienabschluss schließlich nur gemacht, um im Internet schlau daherzureden), auch dieses Symbol wird also kaputtgemacht – die Migration steht eben nicht im Zentrum, weil sie letztlich gar nicht so viel an oder in der Figur verändert.

Und deswegen gibt es in diesem Roman keine Dramaturgie und keine Entwicklung. Und deswegen hat dieser Roman auch eben keine chronologische Struktur, sondern es werden assoziativ Anekdoten aneinandergereiht. Das ist nur konsequent, denn alles wiederholt sich und wird dabei nur noch immer absurder: Der Erzähler flieht ja nicht nur in Sarajevo, um sich vor Angriffen entweder feindlicher Soldaten oder der Nachbarskinder zu verstecken, er flieht ja nicht nur aus Sarajevo, um dem Krieg zu entkommen, er flieht ja auch in Deutschland permanent: Vor Neonazi-Brüdern, mit deren Schwestern er (vielleicht) geschlafen hat, vor Rechtsanwalt-Vätern, mit deren Töchtern er geschlafen hat, vor dem Alzheimer seiner Eltern, vor der Freundin des Rechtsanwaltes, bei dem er eingebrochen ist. Und immer trifft er dabei auf tote Neonazis: In Sarajevo, in Deutschland, überall. Der Erzähler führt eine absurde Existenz, man hat nicht den Eindruck, dass er einen Plan für sein Leben entwirft, vielmehr wurstelt er sich so durch, und Sila erzählt darauf auf eine groteske Art und Weise, die oft wirklich lustig ist, aber auf eine eher verstörende Art. Und wie sollte er auch sonst von einem Krieg, den der Erzähler an einer Stelle als „Genozid“ (S. 120) bezeichnet, und seinen Folgen erzählen? Tragisch? Dürrenmatt, der seine Theorie der Groteske und der Komödie vor dem Hintergrund des durch den deutschen Nationalsozialismus verübten Genozids entwickelt hat, würde das vermutlich verneinen (ich konnte ihn aber leider nicht anrufen und fragen):

„Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. […] Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe […].“

Der Erzähler ist nicht schuld an seiner Situation, und der Erzähler kann sein Leben nur als groteske Komödie erzählen. Und wie in den Komödien Dürrenmatts, in denen oft Figuren entindividualisierte Typen sind, die eben nur für eine bestimmte Funktion – den Polizisten, den Bürgermeister, etc. – stehen, wirken in „Tierchen unlimited“ die Figuren ebenfalls ein Stück weit entindividualisiert. Alle Mädchen haben tote Brüder, die Neonazis waren. Alle reichen Familien scheinen irgendwelche Verbindungen zur RAF zu haben. Alle handlungstragenden Figuren mit Migrationshintergrund sind irgendwie kriminell. Sila spielt mit Klischees, überzieht diese aber völlig und lässt eben dadurch die Handlung grotesk wirken.

Zudem entzieht er damit seine Figuren jeder politischen oder emotionalen Vereinnahmung. Der Erzähler, Sarah, sogar Šemso wirken irgendwie auf eine merkwürdige Art und Weise sympathisch, sind es dabei aber gleichzeitig so wenig – der Erzähler stiehlt, Sarah ist recht brutal, Šemso ist ein Nazi – dass man sich mit keiner Figur identifiziert. Und die Figur des Erzählers entzieht sich jedem politischen Klischee: Er ist weder einfach der bemitleidenswerte, „gute“ Geflüchtete, denn er hat ein recht ordentliches Maß an krimineller Energie, noch ist er eben der „böse“ Geflüchtete, denn zum einen ist es drollig, wie er nebenbei auch Torte stiehlt, und zum anderen rührt die kriminelle Energie ja vor allem doch auch aus einem Kriegstrauma.

So oder so: Indem Sila seinen Erzähler gegen Identifikation, politische Einordnung und Entwicklung wappnet und dann auch noch so absurd erzählt, verwirrt er den Leser ganz ordentlich. Und dann bricht er auch noch die Gattung.

Die Bomberjacke und die 90er

Denn „Tierchen unlimited“ ist ja eben nicht einfach ein Stück sog. „Migrationsliteratur“. Es ist gleichzeitig ein Poproman, wir sind hier mitten in der Popkultur der 90er: Es gibt große Computer mit vielen Kabeln und Disketten, es gibt Computerspiele, Comics und Latzhosen, die Christen tragen, um sich als normal zu tarnen. Und vor allem gibt es: Bomberjacken. Die tragen schon die Eichhörnchen, die tragen die Nazis, und die trägt auch der Erzähler, aber eher zufällig. Wenn „Faserland“ von Kracht das Buch der Barbourjacke ist, ist „Tierchen unlimited“ das Buch der Bomberjacke. Und das ist so ja auch sehr stimmig:

Beides sind typische Jacken der 90er (wenn auch die Barbourjacke natürlich „zeitlos“ ist und daher überlebt hat und die Bomberjacke gerade ein Revival feiert). In den 90ern war sowas eben wirklich wichtig: Barbourjacken haben die reichen Schnösel getragen – nicht umsonst trägt auch in „Tierchen unlimited“ die Freundin eines Rechtsanwaltes eine Barbourjacke – Bomberjacken haben Skins, Neonazis und Punks getragen, wenn diese gerade keine Lederjacke getragen haben. Ich weiß ja nicht, wie das heute in der Jugendkultur so ist, aber in den 90ern, als es noch kein Internet gab und alles furchtbar langweilig war, da gab es eben wirklich an einem optischen Erscheinungsbild unterscheidbare Jugendkulturen, die sich auch wirklich gegenseitig recht aggressiv gegenüber standen, was aber nicht bedeutete, dass die Grenzen nicht trotzdem fließend sein konnten. So grotesk überzeichnet „Tierchen unlimited“ hier auch ist, völlig aus der Luft gegriffen ist es nicht: Es gab nun mal in den 90ern eine gar nicht so kleine Neonazi-Szene, und damals trugen die wirklich noch Bomberjacken und Springerstiefel, nicht Seitenscheitel und Hemd wie heute. Dass es in den 90ern – ähnlich wie heute übrigens – vermutlich ganze Landstriche gegeben hat, wo es halt einfach verdammt viele Nazis gab, ist ja nun auch nicht eben unrealistisch.

Und so, wie die Eichhörnchen eben durch den Verlust ihrer Nester zu Ratten in Bomberjacken werden, rutscht der Erzähler in eine absurde Durchwurstelexistenz und trägt eine Bomberjacke, weil er diese mal irgendwem geklaut und dann eben Jahre lang getragen hat. So einfach ist das.

Brüllen, zertrümmern und weg

Sila macht mit „Tierchen unlimited“ also irgendwie alles kaputt, was man kaputt machen kann: Der Humor ist absurd, grotesk, lustig und trotzdem verstörend. Der Roman entzieht sich der Schublade „Migrationsliteratur“, ist aber auch nicht einfach ein Poproman. Die Figuren passen in kein politisches Weltbild, sie sind sympathisch und gleichzeitig auch nicht, zumindest verweigern sie jede Identifikation. Das Ende schließt keine Handlung ab, es gibt keine Entwicklung und also keine Dramaturgie, sondern nur Assoziation. Und mit all dem muss der Leser irgendwie umgehen, und irgendwie steht man am Ende etwas verlassen da. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich habe „Tierchen unlimited“ gern gelesen. Ich habe gelacht und war dabei ein bisschen verstört.

Vielleicht bin ich durch das Buch aber auch einfach verrückt geworden.

Jedenfalls möchte ich jetzt gerne eine Ente heiraten (S. 129).

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Glanz und Schatten – Michael Fehr

michael fehr glanz und schattenMit Erzählungen ist der schmale Band des Schweizer Verlages Der gesunde Menschenversand untertitelt. Beim Durchblättern fällt aber sofort der Satzspiegel ins Auge, der vielmehr Gedichte als Erzählungen vermuten lässt, tatsächlich sind die Texte wohl beides. Michael Fehr sieht so schlecht, dass er nicht schreibt, sondern spricht. Seine Lesungen sind dementsprechend eindrückliche Ereignisse, bei denen ein geheimnisvoller Mann mit geschlossenen Augen, zerbrechlich und in sich versunken, mit Kopfhörern seine Texte vor dem Rezitieren nachhört, sie also sich selbst nachspricht.

Der berühmteste Lyrik-Spruch, Musst Du laut lesen, sollte hier unbedingt einmal ausprobiert werden, bevor man dem dies Sagenden vor das Schienbein tritt. Michael Fehr arbeitet vor allem mit Wiederholungen, Variationen und die Parallele zur Fuge – vgl. Todesfuge von Celan – ist offensichtlich und glänzend umgesetzt. Seine Erzählungen daher viel poetischer, wirkmächtiger, eindringlicher als normale Prosa. Inhaltich sind sie meist eine Mischung aus Parabel und Fabel, Tiere sprechen, Menschen sind und bleiben allein oder fallen nach einem scheinbar rauschhaft-erfolgreichem Leben auf sich selbst zurück.

Die Kunst Fehrs ist selbstverständlich nicht unbeachtet geblieben, beim Bachmannpreis gewann er 2014 den Kelag-Preis, zweimal bereits den Literaturpreis des Kantons Bern. Weil aber seine Texte Aufmerksamkeit und Geduld erfordern, die die Wenigsten aufzubringen bereit sind, fliegt er trotzdem in Deutschland unter dem Radar. Wer jedoch Lust auf Kunst mit Sprache und Kunst aus Sprache hat, sollte zu Glanz und Schatten greifen und erleben was in der deutschsprachigen Literatur geschieht und mit der deutschen Sprache möglich ist.

„Er redet glänzend“
reden die Leute und schwatzen
„Ich sehe mies“
redet er zwischen sie hinein
„Er redet gut“
reden die Leute
strecken ihm glänzenden Fisch hin

In die Arbeitsweise Michael Fehrs führt das folgende Video ein. Sollte man die Gelegenheit haben eine Lesung von ihm in der Nähe veranstaltet zu wissen, sollte diese auch besucht werden. Schwizerdütsch sollte man sowieso viel mehr hören.

Zur Rezension von Jochen Kienbaum zu Michael Fehrs Krimi Simeliberg hier entlang.

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Endlich sagt’s mal einer!

„Endlich sagt’s mal einer!“, dachte ich mir dieses Jahr schon mehrfach, denn dieses Jahr hat zahlreiche überraschende Neuigkeiten mit sich gebracht.

Da hat zum Beispiel Maxim Biller das Literarische Quartett verlassen, alle liefen im Internet auf einmal herum wie aufgescheuchte Hühner und fragten sich, wer nun wohl seinen Platz einnehmen wird. „Thea Dorn, Thea Dorn“, war die häufigste Forderung, und ich dachte mir: „Bitte, bitte, bitte seid nicht so vorhersehbar und nehmt  Dorn/Lovenberg/Mangold/irgendwenausdemSchweizerLiteraturfernsehen“, und zack: Thea Dorn wurde es. Thea Dorn scheint die Merkel der Fernsehliteraturkritik zu sein, offensichtlich ist sie für manche völlig alternativlos. Vielleicht habe ich ja zu viel Fantasie, aber wäre es nicht denkbar, mal nicht jemand in so eine Sendung zu setzen, der schon „alt bewährt“ ist, bei dem man schon vorher genau weiß, was man kriegt? Gibt es da gar kein Interesse an Profil, an einem Alleinstellungsmerkmal der Sendung? Denn die Neubesetzung führt doch jetzt vor allem zu dem erfreulichen Zustand, dass man das Literarische Quartett überhaupt nicht mehr braucht, weil man auch gleich die Gesprächsrunden im Schweizer Fernsehen anschauen kann. Die Atmosphäre und die Art, über Literatur zu sprechen, ist dieselbe, ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, was das Kritikerprofil von Dorn/Weidermann/Mangold/Lovenberg/Hansundfranz groß unterscheiden soll, für mich sieht das alles sehr austauschbar aus. Man muss ja Maxim Biller nicht mögen, aber wenigstens hatte der ein klar erkennbares Profil. Und nichts gegen Thea Dorn, es hat schon einen Grund, warum sie überall sitzt und überall hingesetzt werden kann, die kann das schon – aber es ist eben auch sehr risikoarm, sie zu nehmen, und deswegen eben leider auch: sehr langweilig. Warum macht das ZDF eigentlich eine Sendung, die eben nicht nur der Neuaufguss „guter alter Zeiten“ ist, sondern die eigentlich gar nie weg war, denn „Literatur im Foyer“ war doch nie weg, und wie eine Kopie des zugehörigen Quartetts wirkt das „Literarische Quartett“ nun.

Was genau verpasse ich, wenn ich das „Literarische Quartett“ nicht schaue?

Was genau verpasse ich, wenn ich das „Literarische Quartett“ nicht schaue? Mit Biller hat man wenigstens noch Billereien verpassen können, jetzt schätze ich, verpasst man nichts mehr. Gibt es weder neue Gesichter noch andere Sichtweisen noch ein anderes Sendekonzept, müssen wir auf dem Personal und den Formanten weiterreiten, die schon seit Jahrzehnten da sind? Gibt es da weder bei ZDF noch bem SWR Ideen und Mut zu Neuem? Und schon die erste Runde des neuen-neuen Literarischen Quartetts bestach ja dann durch eine Auswahl literarischer Geheimtipps, wie sie ungewöhnlicher nicht hätten sein können: Das neue Buch von Walser (von Dorn eingebracht, die Buchauswahl ist hier so innovativ wie die Personalentscheidung), das neue Buch von Barnes, das ohnehin schon allgegenwärtige Buch von Yanagihara, na ja, aber immer hin auch Chris Kraus. Endlich bespricht mal einer Walser, endlich gibt jemand mal Thea Dorn ein Format, um im Fernsehen über Bücher zu sprechen, 2017 ist voller Überraschungen. Ehe wir uns versehen, wird am Ende irgendwer beim ZDF noch auf die verrückte Ideen kommen und vielleicht mal Mangold als Gast zum „Literarischen Quartett“ einladen, oder Lovenberg, oder Scheck, aus lauter Freude an Innovationen!

Von so viel frischem Wind im Literaturbetrieb beflügelt denkt man sich: Was jetzt noch fehlen würde, wäre ja, dass endlich mal jemand dem medial völlig unterrepräsentierten Denis Scheck eine Plattform bietet, um Bücher zu empfehlen. Und – Hurra – 2017 ist voller Überraschungen: Mara Delius hat den Job von Richard Kämmerlings übernommen und macht jetzt alles neu in der „Literarischen Welt“. Und was könnte die maximale Neuerung sein? Richtig: Denis Scheck. Versteht mich nicht falsch: Mir ist Denis Scheck lieber, als es viele anderen wären, weil er tatsächlich einen eigenen Blick auf Literatur hat und weil er tatsächlich offener mit Literatur umgeht als manche andere (was nicht bedeutet, dass ich nicht bei jedem Zitat, das er verwendet, mit den Augen rolle, aber immerhin hat er dieses Alleinstellungsmerkmal, und dass ich sein Blackfacing vergessen hätte). Und ja, natürlich ist er im Medium Print bisher kaum präsent. Aber trotzdem:

Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlocken

Und weil Denis Scheck im Printbereich jetzt noch nicht genug Neuerung ist, hat er sich eines Themas angenommen, über das endlich mal gesprochen werden muss: Der literarische Kanon. Ein Beben geht durch die Literaturwelt: Endlich stellt mal jemand die Kanonfrage. Im Jahr 2017.

Tatsächlich hat das sein Gutes: Denis Scheck will mit seinem Kanon ja wirklich etwas Neues, er will einen Kanon ohne Genregrenzen. Das könnte eine gute Idee sein, wäre sie nicht gleichzeitig so kurz gedacht und so langweilig ausgeführt, denn welche Perlen der genreübergreifenden Literaturgeschichte finden sich denn so in diesem Kanon? „Karlsson vom Dach“, „Walden“ und jetzt noch – endlich empfiehlt das mal einer – „Herr der Ringe“. Die wirklich einzige Neuerung, die dieser Kanon bringt, ist bislang eben auch die, dass hier unterschiedliche Genres nebeneinander stehen. Reicht das aus, wenn dafür dann Werke aufgelistet werden, von denen keiner – schon gar nicht ein Leser der „Literarischen Welt“, der sich ja vermutlich ohnehin schon für Literatur interessiert –, wirklich keiner bezweifeln würde, dass sie eben Klassiker ihres Genres sind? Denis Scheck stellt hier doch keinen neuen Kanon auf, er erstellt einen Remix aus längst Kanonisiertem, er schreibt auf, was längst feststeht.

Und das im Jahr 2017, als ob irgendjemanden jenseits von Deutschlehrern und Germanistikstudenten noch so etwas wie ein „Kanon“ interessieren würde. Es mag im Literaturbetrieb noch nicht angekommen sein, aber die Zeiten, in denen Marcel Reich-Ranicki mit seinem Kanon funktioniert hat, sind vorbei. Expertenmeinungen haben heute auf keinem Feld mehr die Deutungshoheit, die sie noch in den 90ern hatten – das gilt nicht nur für die Literatur, fragt bitte mal einen Arzt, wie oft er mit selbstgestellten google-Diagnosen konfrontiert wird, die die Patienten in ihrer Expertise für fast gleichwertig mit der eines Arztes halten. In den 80ern und 90ern, da hat sich das im Aussterben befindliche Bildungsbürgertum, das genau deswegen umso mehr um Distinktion bemüht war, gerne mit Reich-Ranickis Segen das Bücherregal füllen wollen, um möglichst viel durch eine Expertenautorität verbürgtes, gesellschaftlich also anerkanntes kulturelles Kapital anzuhäufen. Die Zeiten sind vorbei – umso mehr, wenn der Überraschungswert von Schecks Kanon hinter den der unterschiedlichen Bibliotheks-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung zurückfällt. Ich mag den demokratischen Ansatz hinter Schecks Kanon wirklich, es ist überfällig, dass endlich mal jemand die Grenze zwischen sog. Genreliteratur und sog. Hochliteratur auflöst. Aber wenn schon demokratisch, dann bitte richtig: Dann ohne Expertensegen und ohne den festschreibenden Begriff „Kanon“, der eben höchstens Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlockt. Na ja, gut, und vielleicht auch Bibliothekare, auch die haben ein gewisses Interesse an der Verwaltung von Literatur, und nichts anderes passiert hier. Aber auch die sind garantiert nicht so weltfremd, dass ihnen bislang nicht eingefallen wäre, dass „Herr der Ringe“ und „Walden“ irgendwie Klassiker sein könnten.

54books lackiert sich die Nägel – sehr stylisch!

Und während Denis Scheck sich aber wenigstens dankenswerter Weise darum bemüht, die ein oder andere distinktive Grenze aufzuheben, reißt in der total neuen, total überraschenden „Literarischen Welt“ Marc Reichwein – pardon my french, ich bin eben ein bisschen prollig – quasi mit dem Arsch ein, was Scheck mit den Händen aufbaut. Endlich hat nämlich mal jemand aus den Printmedien sich des Themas „Literaturblogger“ angenommen, und endlich schreibt da mal jemand das, was schon in allen Feuilleton-Artikeln über Buchblogger zu lesen ist. Reichwein hat intensiv recherchiert und dabei herausgefunden, dass Buchblogger oft weiblich sind, „irgendwie stylish“ und mit lackierten Nägeln (das ist meine liebste Randbemerkung, die sich anscheinend kein Herr aus dem Feuilleton verkneifen kann, ohne dabei zu bedenken, was damit kommuniziert wird: Das herablassende Hinweisen darauf, dass hier Frauen sich um ihr Äußeres bemühen, ist nichts anderes als ein Belächeln ihrer vermeintlichen Oberflächlichkeit, die man damit unterstellt; ohne zu bedenken, dass man selbst dabei der eigentlich Oberflächliche ist). Außerdem hat Reichwein über Buchblogger gelernt, dass sie nach voll oberflächlichen Kriterien lesen und total extrovertiert sind, während er selbst ja der stille, ernsthafte Leser ist.

Vor knapp einem Jahr, am 6.6.2016, schrieb Oliver Jungen in der FAZ einen Artikel über Buchblogger unter dem Titel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“, darin kam er zu ähnlich tiefschürfenden Ergebnissen, wenn sie auch zugegebener Maßen noch exorbitant mehr vor Sexismus und Oberflächlichkeit triefen als der Artikel von Reichwein: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Im Februar 2016 erschien in der Zeit ein Artikel mit ähnlichen Vorwürfen. Aber hey, danke „Literarische Welt“, dass du endlich mal Marc Reichwein eine Plattform bietest, um alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Allein: Was ist jetzt eigentlich dein Konzept, neue „Literarische Welt“? Distinktion vom lesenden Pöbel oder demokratische Aufhebung der Genre-Grenzen?

Für eine Literaturbeilage ist das echt dünn

Mara Delius, die ja Verantwortlich für all die Neuerungen und Überraschungen in der neuen „Literarischen Welt“ ist, hat es dann vielleicht doch auf mehr Volksnähe und weniger Distinktion abgesehen – zumindest würde das erklären, warum sie dem Türsteher des „Berghain“, Sven Marquardt, einen ganzen Artikel Platz gibt, um mal echt spannende Lektüretipps zu geben. Wenn man in seinem Leben nie, wirklich nie Kontakt mit einer Subkultur hatte, dann findet man bestimmt, dass Sven Marquardt hier als „Original“ und als total exzentrischer Individualist präsentiert wird – wenn man aber auch nur einmal in seinem Leben davon gehört hat, dass es so etwas wie Metal, Gothic oder Punk gibt, dann entlockt einem ein im Gesicht tätowierter Fotograf und Türsteher mit Kreuzchenringen, der sich als „Existentialisten“ bezeichnet, halt nur ein Gähnen. Ziemlich sicher kann Marquardt ja nicht einmal etwas dafür, dass er hier präsentiert wird wie ein wandelndes Klischee, denn was er in dem Artikel über Bücher so sagt, lässt schon erahnen, dass hier jemand wäre, der interessante Dinge zu erzählen hätte. Aber leider gibt es hier keinen interessanten Artikel, hier gibt es nur recht schnell transkribierte Buchtipps. Da möchte man doch dann wenigstens hoffen, dass Marquardt wirklich irgendwie etwas Besonderes über Bücher zu erzählen weiß, einen besonderen „Buchgeschmack“ hat, nach irgendeinem Kriterium muss Mara Delius ihn ja ausgewählt haben jenseits von „Der ist doch mal wirklich ein Original“.

Ja und was empfiehlt der jetzt für spannende Bücher? „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Just Kids“, die Fassbinder-Filme und natürlich „Gespräch mit einem Vampir“, wobei eigentlich den Film „Interview mit einem Vampir“, denn das Buch hat Herr Marquardt zugegebenermaßen „nie gelesen“. Na endlich empfiehlt mal einer diese abseitigen Werke der Literaturgeschichte! Na zum Glück sind Leute, die in der „Literarischen Welt“ solch überraschende Tipps zum Besten geben dürfen viel ernsthaftere, interessantere Leser als diese fingernagellackierten Quasselstrippen von „Booktubern“. Während Nagellack nämlich ein Zeichen für die Oberflächlichkeit von Bloggern ist, ist das Auswählen eines mittelwichtigen Fotografen mit Gesichtstattoo für einen Artikel, in dem er dann ein Buch empfiehlt, das er nicht gelesen hat, ein Zeichen kulturjournalistischer Expertise. Das einzig überraschende an den Buchtipps von Marquardt ist doch eigentlich, dass er nicht auch noch Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire empfohlen hat, aber wenn die auch noch aufgetaucht wären, wäre ich vermutlich auch direkt vom Augenrollen in Tiefschlaf verfallen. Über Sven Marquardt hätte man, wenn man mehr als anscheinend eine halbe Stunde in den Artikel hätte investieren wollen (denn auf mehr Arbeitsaufwand lässt der Artikel nicht schließen), sicher etwas Interessantes schreiben können. So, mit diesen Tipps und diesem Tiefgang wäre der Artikel vielleicht interessant für ein Magazin für Fotografen, denn der Hinweis auf „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist auch nur dann irgendwie relevant, wenn man etwas über den Fotografen Marquardt und seine Inspirationsquellen erfahren will. Hier wäre dann die Leserschaft und vor allem die Motivation für die Artikelauswahl eine andere. Aber für eine Literaturbeilage, bei aller Liebe, ist das echt dünn.

Revolution #9

Alles in allem: 2017 ist das Jahr der Revolutionen im Literaturbetrieb. Thea Dorn redet jetzt im Literarischen Quartett über Walser, Scheck weist darauf hin, dass „Herr der Ringe“ ein Klassiker der Fantasyliteratur ist, Marc Reichwein findet Buchblogger irgendwie blöd und endlich, endlich wurde auch mal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ empfohlen.

Als Mara Delius die „Literarische Welt“ übernommen hat, habe ich mich wirklich gefreut, weil ich mir dachte: Endlich mal eine intelligente Frau mit Mut zu klarer Haltung in so einer Position. Sie wäre mir auch im „Literarischen Qaurtett“ lieber gewesen als Dorn. Jetzt, nach ein paar Ausgaben der neuen „Literarischen Welt“, bleibt leider vor allem gähnende Langeweile. Am Samstag kommt die neue Ausgabe der „Literarischen Welt“. Am 5.5. kommt die nächste Folge des „Literarischen Quartetts“. Bitte, bitte, bitte: Erzählt mir mal was Neues. Erzählt mir mal was Interessantes.

P.S.: Der einzige, der diese langweiligen literaturbetrieblichen Veranstaltungen noch retten könnte, ist Leo Fischer.

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Wir sind das Blog

Wenn Dinge aufeinanderprallen, geht meistens etwas kaputt. Prallt beispielsweise eine Faust auf eine Nase, ist die Nase kaputt. Fällt eine Vase zu Boden, ist die Vase kaputt. Und wenn der Blog Kulturgeschwätz auf den Blog 54books aufschlägt, geht Kulturgeschwätz aufgrund seiner porösen Beschaffenheit kaputt – und wird ein Teil von 54books. Will sagen: In Zukunft passiert auf Kulturgeschwätz nichts mehr, weil Tilman der zugehörigen Bloggerin freundlicherweise eine kleine Spielecke auf 54books eingerichtet hat. Zukünftige Beiträge von Katharina erscheinen dann auf 54books, die alten Kulturgeschwätz-Beiträge werden nach und nach hier eingespeist.

Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der andre einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
Friedrich Nietzsche

Wir könnten unsere Fusion jetzt natürlich mit großen Duos der Literaturgeschichte vergleichen, beispielsweise mit Goethe und Schiller, Holz und Schlaf, Andersch und Frisch, Graf und Horvath, Fix und Foxi, wir belassen es aber lieber bei dem Hinweis, dass es ja laut Adorno bei manchen Leuten schon eine Unverschämtheit ist, wenn sie „ich“ sagen, weswegen wir ganz froh sind, ab jetzt „wir“ zu sagen, damit sind wir natürlich fein raus. Zu unserer Blogfusion haben wir auch einige wichtige Persönlichkeiten des Kulturbetriebs befragt:

Franz Kafka: „54books muss der Blog sein für die gefrorene Axt in uns!“

Marcel Reich-Ranicki: „Mich interessiert die Literatur, nicht das Blog.“

BILD: „Wir sind Blog!“

Fritz J. Raddatz: „Am meisten sind doch die gekränkt, die nicht in diesem Blog vorkommen.“

Plato: „Das ist ja dann die Idee des Buchblogs an sich!“

Albert Camus: „Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.“

Die Spannung ist also riesig – und wer weiß: Als vor ein paar Jahrtausenden ein Asteroid auf die Erde aufschlug, starben die Dinosaurier aus. Mal sehen, was wir noch so alles kaputt machen können.

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#ReisegruppeSonnenschein: Verlagebesuchen

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels verschenkte zum Welttag des Buches, stets der 23. April eines Jahres, Bücher. Es folgten Blogger mit dem Häshtag #BloggerschenkenLesefreude und nun steigen auch die Verlage mit ein. Denn zum ersten Mal öffnen solche in ganz Deutschland am Wochenende vom 21. bis 23. April ihre Türen, laden zu Werkstattgesprächen, Lesungen, Erkundungen und Kennenlernen ein. Was sonst nur Blogger dürfen, soll nun auch der kleine Mann können: lauschen und Schnittchen essen. Der Kompetenz- und Serviceblog 54books hat für das Wochenende eine Reiseroute durch Berlin abgesteckt (Stichwort „Spaß“: Bollerwagen; Stichwort „Service“: Google Maps zum Ausdrucken).

#ReisegruppeSonnenschein

Die Übersicht über sämtliche Verlage und Orte gibt es hier.

Matthes & Seitz: Werkstattgespräch

22. April 2017 // 11:00-13:00 // Berlin

Göhrener Str. 4
Berlin, 10437

Anmeldung unter: info@matthes-seitz-berlin.de

In den 13 Jahren seines Bestehens hat der Verlag Matthes & Seitz sich mit kontinuierlich guter, nicht selten herausragender, Arbeit in den Olymp der Indies verdient. Der Morgen eurer Tour beginnt also mit Verleger Andreas Rötzer, der einen Einblick in die Verlagsgeschichte geben und von der Entstehungsgeschichte einiger Bücher, insbesondere aus der Reihe »Naturkunden«, berichten wird. Darauf einen ersten Feigling!

Secession Verlag für Literatur: Hier haben wir eine Sammlung indiskreter Bilder.

22. April 2017// 14:00-16:00// Berlin

Secession Verlag c/o Galerie p98a
Potsdamer Straße 98a
Berlin, 10785

Anmeldung unter: weidel@secession-verlag.com

Neben der obligatorischen Einführung in die Arbeit eines Verlags, die traditionell mit einem Aquavit begleitet wird, wird 54stories-Autorin Maren Kames lesen. Anschließend dürfen Dilettanten selbst Hand an eine Bleisatzmaschine legen, „um wenigstens einmal im Leben Druck auszuüben“, preist Secession an und stellt eine (die hoffentlich zweite) Goodie-Bag des Tages in Aussicht.

Eden Books: Der Name ist Programm

21. April 2017 //16:00-18:00// Berlin

Rosa-Luxemburg-Straße 14
Berlin, 10178

Anmeldung unter: hallo@edenbooks.de

Der Weg von der Postdamer Straße in die Rosa-Luxemburg-Straße sollte nicht länger als eine juristische Sekunde dauern. Denn dort begrüßen Jennifer Kroll und ihr Team die Reisegruppe mit einem Highball aus Ambrosia und Absinth (60:40). Frau Kroll, die möglicherweise ihre Wort von der Leipziger Autorenrunde, auf der ich sie traf, recyclen wird, behauptet, vor Ort gäbe es „etwas zum Lachen“ und „Nähkästchen“. Dass das Ganze unterhaltsam wird, habe ich bei eben dieser Autorenrunde überprüft.

AvivA Verlag: Wir holen die zwanziger Jahre nach Moabit

21. April 2017 // 18:00-20:00 // Berlin

Emdener Str. 33
Berlin, 10551

Anmeldung unter: info@aviva-verlag.de

Auch hier dürfte der Übergang knapp werden, aber beim AvivA spricht die Verlegerin Britta Jürgs über ihre Schwäche für Literatur der zwanziger Jahre, die sie mit dem Reiseleiter teilt, darüber wie aus Ideen Bücher werden und was einen unabhängigen Verlag ausmacht. Nach Angabe der Verlegerin freut man sich darauf ins Gespräch zu kommen, was im Klartext wohl heißen dürfte, dass Kaltgetränke gereicht werden.

 

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Anlässlich 150 Jahren Reclams Universalbibliothek – Ein Interview mit Claudia Feldtenzer

1. Mit dem Slogan „Gehasst. Geliebt. Gelesen!“ feiert Reclam die 150 Jahre des Bestehens der Universal-Bibliothek. Ich schwanke zwischen Hochachtung für diese Form der Selbstironie und dem Eindruck, dass auch etwas Trotz im Slogan mitschwingt, „Ihr mögt uns nicht, aber ihr werdet zu uns gezwungen“. Ist das so?

Für mich ist der Slogan vor allem eine selbstironische Annahme der Tatsache, dass wir von vielen Lesern in der Schule zwar mit unter gehasst werden, sich dieses Gefühl aber im Laufe der Jahre augenscheinlich ändert, das hören wir immer wieder – und zur nostalgischen Verliebtheit, manchmal auch zur großen Liebe wird. Kennt man ja vielleicht auch von dem einen oder anderen Mitschüler oder Mitschülerin.

2. Der Unwille des Schüles für die Lektüre von „Bahnwärter Thiel“ 3,00 € Taschengeld auszugeben ist sicher nicht neu. Wie kann man sich trotzdem die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären?

Die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären sich durch den rechtlich gemeinfreien Textbestand und die hohen Auflagen, die wir bei Schulklassikern wie zum Beispiel Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ oder auch Goethes „Faust“ erreichen – aber auch erreichen müssen, um die niedrigen Preise halten können. Das eine bedingt das andere.

3. Was müssen „Neuaufnahmen“ mitbringen, um das gelbe Jäckchen anzuziehen zu dürfen?

70 Jahren tot sein. Keine schöne Aussicht für Nachwuchsautoren also.

4. Eure Jubiläumsedition sieht optisch anders aus – aber ist es überhaupt denkbar das Design, gar das Format der UB dauerhaft zu verändern?

Das UB-Format kann man nicht ändern; das ist Reclam, das Herzstück des Verlag. Passend für jede Jackentasche. Unschlagbar beliebt – ja Kult. Gerade in Gelb. Die Bände sind auch bei jüngeren Leserschichten weiterhin überaus populär. Sie repräsentieren ein Lebensgefühl, das eines breites Intellektualismus, der zudem gut in die hippe Instagram-Optik der Gegenwart passt. Dass eine Designanpassung darüber hinaus hervorragend funktioniert, sehen wir an der Jubiläumsedition. Hier ist es uns gelungen, das kanonische Aussehen der UB in schwarz/ gelb in eine moderne bibliophile Gestaltung zu überführen, die der Marke Reclam treu bleibt. Im Herbst werden noch einmal 8 Bände erscheinen, die sich von den Frühjahrstitel zwar etwas unterscheiden, sich zu diesen jedoch komplementär verhalten. Zusammen laden Frühjahrs- und Herbstkollektion ein, große Literatur wiederzuentdecken. Es sind viele Lieblingsbücher von mir dabei, Bücher, die einen ein Leben begleiten – die hübschen Bücher sind also auch nicht nur optisch ein Genuss!

5. Trotz 150 Jahren UB ist ziemlich Bewegung bei euch. Eine beachtete Neuübersetzung von Prousts À la recherche du temps perdu, die Reihe „100 Seiten“, sowie gänzlich neue Formate, probiert Reclam sich nur aus oder ist sogar denkbar, dass man in den Bereich der zeitgenössischen Belletristik vordringt?

Das hast du richtig erkannt, Reclam probiert gerade im Programm viel Neues aus. Wir wollen uns neuen Lesern öffnen ohne unsere klassischen Themen zu vernachlässigen – die 100 Seiten Reihe ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel. Wir haben die Reihe innerhalb eines Jahres im Team entwickelt, das war sehr intensiv und hat einen Riesenspaß gemacht. Total die Glücksgefühle! Und ja, da machen wir weiter. Da kann man auch schlecht aufhören. An Ideen mangelt es nicht, aber zeitgenössische Belletristik sehe ich ehrlich gesagt bei uns erst mal nicht. Ich denke im Moment mehr in Richtung Philosophie, da haben wir gerade eine tolle Kooperation mit dem Philosophie Magazin gestartet; und auch weitere Klassiker-Editionen ähnlich zur Jubiläumsedition kann ich mir vorstellen.

6. Die nächsten 150 Jahre werden schwer zu überblicken oder zu prognostizieren sein, aber was wünscht Du Dir für die kommenden 5 oder 10 Jahre im Hause Reclam?

Ich wünsche mir, dass wir auch in den nächsten Jahren so mutig in der Programmgestaltung bleiben können, neue Buchformen und Reihenformate zu entwickeln. Wir haben eine wahnsinnig tolle Textbasis und ein kaum zu überschätzendes Potential, das verschenkt wäre, würden wir es nicht nutzen. Ich wünsche mir, dass sich die Ideen und die ganze Kreativität in wirtschaftliche Erfolge umwandeln, denn nur so kann der Verlag noch weitere 150 Jahre bestehen. Und nichts weniger wünsche ich ihm.


reclam universalbibliothek interview claudia feldtenzer

Claudia Feldtenzer, geb. 1982, ist seit 2012 Presseleitung bei Reclam. Seit März 2015 arbeitet sie zudem in der Programmplanung inhaltlich mit und ist als Reihenkoordinatorin für die Reihe „100 Seiten“ verantwortlich. Weitere Projekte: Buchreihe mit dem Philosophie Magazin, Jubiläumsedition.

Beitragsbild: Fredrik von Erichsen, Wikipedia
Bild Claudia Feldtenzer: privat

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B. Traven – Der Caoba Zyklus

Blogbuster-Autor Torsten Seifert schreibt in seinem Roman „Der Schatten des Unsichtbaren“ über die Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller B. Traven. Aus dem umfangreichen Werk des Bestseller-Autors empfiehlt er vor allem den sechsteiligen Caoba-Zyklus:

  • „Der Karren“
  • „Regierung“
  • „Der Marsch ins Reich der Caoba“
  • „Die Troza“
  • „Die Rebellion der Gehenkten“
  • „Ein General kommt aus dem Dschungel“

Das Werk einer Dekade

Es war im Jahr 1930, als Kurt Tucholsky den Schriftsteller B. Traven in einem Weltbühne-Artikel als aufsehenerregendes Phänomen bezeichnete – und das, obwohl er ihm die eigentlichen literarischen und sprachlichen Qualitäten absprach. Die Gesamtauflage des geheimnisvollen Autors, um dessen Identität sich die wildesten Gerüchte rankten, steuerte damals bereits auf die erste Million zu. In dieser Phase erschienen in kurzer Folge seine neuen Romane „Der Karren“ und „Regierung“ (beide 1931). Sie bildeten den Anfang eines sechsteiligen Zyklus über die Zwangsarbeit der Indios in den Mahagoni-Lagern sowie über die mexikanische Revolution von 1910. Der Zyklus wurde zum Mittelpunkt von Travens Schaffen in den Dreißigerjahren. Während die ersten beiden Bände von der Büchergilde Gutenberg noch in Deutschland veröffentlicht werden konnten, erschienen „Der Marsch ins Reich der Caoba“ (1933), „Die Troza“ (1936) und „Die Rebellion der Gehenkten“ (1936) bereits aus dem Züricher Büchergilde-Exil. Der abschließende Roman „Ein General kommt aus dem Dschungel“ (1940) wurde zuerst in Amsterdam veröffentlicht.

Literarischer Sprengstoff gegen das Naziregime

Traven hatte seine Anklage von sozialer Ungerechtigkeit, Profitgier und Willkür so angelegt, dass die Analogien zur damaligen welthistorischen Situation schwer zu übersehen waren. Das blieb auch den Zensoren des Hitler-Regimes nicht verborgen, die bereits den zweiten Roman „Regierung“ auf ihre Verbotsliste setzten.

Worum geht es? Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die indianische Bevölkerung ist entrechtet und wird unterdrückt. In den Holzfällerlagern, den berüchtigten Monterias im Dschungel von Chiapas, schuften Indios unter menschenunwürdigen Bedingungen, um den Hunger der reichen Nationen nach edlem Holz zu stillen. Ein perfides Schuldensystem, aus dem die Holzfäller sich mit ehrlicher Arbeit unmöglich befreien können, macht sie praktisch zu Sklaven der Großgrundbesitzer.

Eine der Hauptfiguren ist Andres. Im Alter von 11 Jahren war er Leibeigner des Kaufmanns Don Leonardo geworden. Neben der Tätigkeit im Laden gewährt ihm sein Gutsherr den abendlichen Schulbesuch. Doch nach vier Jahren verliert Don Leonardo seinen Burschen beim Glücksspiel an Don Laureano, dem er von da an als Fuhrknecht dient. Als 18jähriger entscheidet sich Andres, in die Monteria zu gehen, um die Schulden seines alten Vaters abzuarbeiten. Ein ähnliches Schicksal hat Candido ereilt, den ebenfalls hohe Schulden drücken. Anders ist die Lage bei Celso, der gerade erst dem Holzfällerlager entkommen ist. Auf dem Weg in sein Dorf, wo er endlich sein Mädchen heiraten wollte, die zwei Jahre lang auf ihn gewartet hatte, wird er Opfer von Schergen der Monterias. Sie verwickeln ihn in eine Schlägerei und sorgen für seine Verurteilung. Der Gutsherr Don Gabriel kauft ihn aus dem Gefängnis frei und schickt ihn zurück in das Holzfällerlager.

Unmenschliche Bedingungen

Gemeinsam mit 200 weiteren Männern und  Frauen machen sich die drei auf den beschwerlichen Marsch in den Dschungel. Gepeinigt von Moskitos, Hunger und sadistischen Aufsehern kommen sie in der Monteria an. Im Laden der Firma müssen sie sich zu überhöhten Preisen mit dem Nötigsten eindecken und geraten dabei in die nächste Schuldenfalle.

Die ohnehin schon harten Arbeitsbedingungen werden untragbar, als die berüchtigten Brüder Montellano den Betrieb übernehmen. Sie verlangen unmenschliche Leistungen, die selbst von den stärksten Arbeitern nicht mehr erbracht werden können. Allmählich wächst der Widerstand, bis die Bestrafung eines kleinen unschuldigen Jungen, dem die Unterdrücker die Ohren abschneiden, das Fass zum Überlaufen bringt. Endlich begehren die Entrechteten auf. Sie erschlagen ihre Aufseher und holen sich im Akt der Rebellion ihre Würde und Individualität zurück. Schon bald bildet sich eine Gruppe, die von desertierten Soldaten und ehemaligen Lehrern angeleitet wird. Aus den Geknechteten wird eine Rebelleneinheit. Sie lassen das Lager hinter sich und werden Teil der mexikanischen Revolution, der aus B. Travens Sicht, „interessantesten Revolution, die sich je zugetragen hat“. Sie nehmen erste Anwesen ein und finden weitere Mitstreiter. Ihr Feind ist in der Überzahl und besser bewaffnet. Doch ihre Kampfmoral lässt sie die Scharmützel ein ums andere Mal gewinnen.

Derb, proletarisch und zutiefst menschlich

Traven erzählt die Geschichte in unverstellter, derber, proletarischer Sprache und ist dennoch voller Menschlichkeit oder sogar Zärtlichkeit, etwa, als er die aufkeimende Liebe zwischen Andres und seinem „Sternchen“ beschreibt, einem Indianermädchen, das er völlig verängstigt auf einem Fest entdeckt. Happy Ends sind seine Sache allerdings nicht. Denn letztlich führt die neu gewonnene Freiheit der Indios schnell zu denselben Konflikten, die vor der Revolution bestanden – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Während der eine Teil der Truppe die Verhältnisse im ganzen Land ändern will, reicht dem anderen die Aussicht auf Freiheit, einen Esel und ein eigenes Stückchen Erde. Auch die Verhaltensweisen bei den Offizieren der Rebellenarmee erinnern schon bald an die der Regierungstruppen. Der revolutionäre Gedanke wird im Streit um Posten und Vorteile zerrieben.

Die gnadenlose Beschreibung des Scheiterns der Revolution wollte Traven womöglich als Warnung verstanden wissen. Er war allerdings Literat genug, um den Leser nach der Lektüre des mehr als tausendseitigen Mammutwerks wenigstens mit einer kleinen Utopie zu versöhnen: der Kommune „Solipaz“. Der Anschein, alles wäre umsonst gewesen, gewinnt dadurch nicht völlig die Oberhand.

Ein bemerkenswertes und im wahrsten Sinne episches Werk, das auch 90 Jahre nach seinem Erscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Beitragsbild: Francisco Madero, seine Frau und Rebellen (Foto aus der ersten Jahreshälfte 1911), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=262269

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