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Philippe Muray über Louis-Ferndinand Céline

MSB Muray Celine Umschlag Druck.inddWer war Louis-Ferndinand Céline? Dieser sagenumwobene Schriftsteller, der Antisemit, der nach dem zweiten Weltkrieg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Beihilfe zum Mord Angeklagte, dieser Autor von dessen Reise ans Ende der Nacht, von dem Charles Bukowski sagte es sei das beste Buch, das in den letzten zweitausend Jahren geschrieben worden sei? Dies ist die Geschichte eines Mannes und eines Schriftstellers, die in dieser Form nur im 20. Jahrhundert möglich gewesen sein dürfte.

Philippe Muray geht in einem grandiosen „Langessay“ den Fragen nach, die bis heute Louis-Ferndinand Céline umgeben: Was bedeutet die ungebrochene Begeisterung für seinen revolutionären Stil sowie für das Verbot, mit dem das finstere Hauptkapitel seines Lebens belegt ist? Wie kommt es, dass wir in seinem Antisemitismus nur ein kurzes Intermezzo sehen möchten, das uns freistellt, seine „vorher“ und „nachher“ entstandenen Werke ebenso unbefleckt wie unschuldig zu lesen? Denn eines steht fest, man kann Céline hassen oder lieben, aber seine beiden Hauptwerke Reise ans Ende der Nacht und Tod auf Kredit sind bahnbrechende Werke der Literatur, denn Céline hat mit literarischen Mitteln beispielhaft vorgeführt, wozu die Entfesselung der befreiten Negativität führte, deren albtraumartige politische Konsequenz wir zu Genüge kennen.

Muray schreibt auf sehr hohem Niveau, jeder Satz zitierenswert, wie man unschwer erkennen kann. Bereits auf den ersten dreizig Seiten steckt soviel Wissen und Weisheit über Leben und Werk Célines, dass man immer wieder Pausen einlegen muss, am besten parallel die beiden Romane liest. Ohne Vorwissen dürfte dieser Muray nicht lesbar sein. Hat man aber den Atem und die Geduld ist dies so ungefähr die detaillierteste und tiefste Möglichkeit sich diesem Scheusal und Genie zu nähern. Sollte ich demnächst Céline verschenken, dann nur in einem Paket mit Muray – großartig!

Alles Interessante ereignet sich im Dunkeln, ganz ohne Zweifel. Die wirkliche Geschichte der Menschen ist nicht bekannt.

Aus: Louis-Ferdinand Céline – Reise ans Ende der Nacht

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Felix Jud: Die schönste Buchhandlung Hamburgs

Die heutigen Rufe der schlechten Zeiten der Branche klingen wie Hohn, bedenkt man, dass ein 24 Jähriger im November 1923 in Hamburg eine Buchhandlung eröffnet. Es ist kurz nach dem Hitlerputsch, Deutschland ist von politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten gebeutelt, als Felix Jud Einladungen in seine „Bücherstube“ verschickt:

Allen Verhältnissen zum Trotz – im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum – haben wir uns entschlossen, eine neue Buchhandlung zu eröffnen.

Chuzpe ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit, definiert man bei Wikipedia. Das Bild Juds würde, sprichwörtlich, gut daneben passen. Er fuhr in der Einladung fort, seine Bücherstube solle eine Pflegestätte sein für das gute und schöne Buch, für Publikationen über alte und moderne Kunst und für Bücher über Philosophie.

Felix Jud verkaufte vertrauenswürdigen Kunden regimekritische Literatur und unterhielt Kontakte zum Hamburger Zweig der „Weißen Rose“. Am 18. Dezember 1943 verhaftete ihn daher die Gestapo. Bis April 1945 saß er im Gefängnis in Fuhlsbüttel und im KZ Neuengamme bei Hamburg, der Volksgerichtshof verurteilte ihn noch zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren, der aber die Befreiung durch die Alliierten zuvorkam. 1985 starb Jud und übergab die Geschäfte seinem Nachfolger Wilfried Weber. Dieser arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre bei ihm.

„Cher Ami“ faxt Karl Lagerfeld

Mit Wilfried Weber treffe ich mich Mitte Mai am Neuen Wall 13, unweit der U-Bahn Haltestelle Jungfernstieg. Jeder Hamburg Reiseführer nennt diese Adresse, beschreibt die hohen Fenster, die immer einfallsreich gestaltet werden. Ich bin – natürlich – bereits Kunde, aber wir haben uns für ein Gespräch verabredet. „Was wollen die Kunden, was können wir bieten und wie müssen wir uns weiterentwickeln?“, fragt der wie stets elegant gekleidete Buchhändler, „denn nur über Weiterentwicklung können wir bestehen.“ Daher interessieren sich Weber und seine Mitarbeiter auch dafür wie Literatur im Internet präsentiert und besprochen wird. Dass dies nicht nur leere Phrase ist, belegen nicht nur die zweieinhalb Stunden, die Weber sich für mich Zeit nimmt, sondern die Vielzahl seiner Aktivitäten rund um (Buch-)Kultur.

Weber, der vom Leiter des Hamburger Literaturhauses Prof. Moritz als „Grandseigneur der Hamburger Literaturszene“ bezeichnet wird, saß in unzähligen Jurys, engagiert sich in der und für die Kunsthalle, ist gern gesehener Gesprächs- und Interviewpartner, sowie Gründer der 5plus-Buchhandlungen. Zuletzt etablierte man bei Felix Jud eine Reihe für jüngere Literatur, so kommt die äußerst treue Stammkundschaft neuerdings in den Genuss von Jan Wagner, Leif Randt oder Saša Stanišić stets moderiert von Ulrich Greiner, dem ehemaligen Feuilletonchef der ZEIT, der ebenso Stammkunde ist, wie sein Vorgänger Raddatz es war, der wiederum seine letzte Lesung hier veranstaltete. Siegfried Unseld („Don Siegfried“) rief in Hamburg an, als er „aus Versehen“ selbst eine Buchhandlung in Frankfurt erwarb. Und solch Kundenstamm und Beziehungen führen nicht selten zu Synergieeffekten mit beeindruckender Reichweite. Karl Lagerfeld ist Kunde Webers, ein beachtlicher Stoß handschriftlicher Bestellungen in der ausladenden Handschrift Lagerfelds liegt vor uns dem Schreibtisch. Als die Kunsthalle ein modernes Pendant zu der Kunst Anselm Feuerbachs sucht, vermittelt Weber ihr KL.

Der Grandseigneur stieß die Gründung des Literaturhauses in Hamburg an. Mit den Werken des langjährigen Stammkunden Horst Janssen wurde der Grundstein für den Kunsthandel gelegt, der heute ebenso selbstverständlich in die Buch- und Kunsthandlung gehört wie das Antiquariat. Max Liebermann, Marc Chagall, Joan Miró, Alberto Giacometti die Namen der hier vertretenen Künstler liest sich klangvoll wie die der Schriftsteller, die hier lesen und lasen.

Es war mein „Stadt-Tag“, also ging ich zum Herrn Weber in die Bücherstube Felix Jud […].
Fritz J. Raddatz – Tagebücher, 9. März 2011

Doch diese Geschichte und die imposanten Räumlichkeiten sind nicht nur Grund zu Freude. „Wir sind ein offenes Haus, aber inzwischen betrachten uns viele als eintrittsfreies Museum“, sagt Weber, der auch als Kaufmann denken muss. Dem verstorbenen Eigentümer der Buchhandlung zum Wetzstein, Thomas Bader, ging es ähnlich: „Mir geht diese Musealisierung auf den Wecker. Die Leute kommen rein, wollen sich mit mir unterhalten und sagen im besten Fall schönen Dank, kaufen aber nichts.“ Enttäuschen muss Weber auch viele Leute, die ihm spontan ein antiquarisches Buch zum Kauf andienen, schon der beschränkte Platz in den drei Vitrinen macht eine gründliche Auswahl nötig. „Wenn ich ein barockes Werk in den Händen halte und darin blättere, es riecht gut, das 18. Jahrhundert kommt einem entgegen, dann entsteht natürlich erst einmal Achtung – aber dann entsteht Unsicherheit und natürlich auch die Hoffnung, dass es sich um etwas bedeutendes handelt.“ Die meisten der verliebten Laien, mit vermeintlichem Schatz unter dem Arm, muss er aber enttäuschen.

„Wir sind sehr eigenartig, wir sind besessen“

Vom Schreibtisch begeben wir uns ein halbes Stockwerk tiefer zu den Vitrinen des Antiquariats. Schwerpunkte sind Hamburger Stadtgeschichte, Aby Warburg, Künstlerbücher, historische Reiseberichte und illustrierte Märchenbücher, aber selbstverständlich auch bedeutende Erstausgaben deutscher Literatur. „Die Attraktivität dieser Firma macht auch das Zusammenspiel von Buchhandlung, Antiquariat und Kunsthandel aus“, sagt Weber. „Wenn ein Kunde hereinkommt und nach Thomas Mann fragt, dann haben wir nicht nur im Parterre fast alles lieferbare, einschließlich der Werkeausgaben, sondern haben immer auch signierte Erstausgaben. Unabhängig natürlich davon, ob dann der Kunde, der harmlos fragend hier reinkommt, hinterher sich versteigt zu einer tollen Ausgabe, man kann ihm was erzählen, so kommt man ins Gespräch und das ist genauso auf die Kunst übertragbar.“

„Wer zu uns kommt, sucht den Dialog, möchte Rat, lässt sich inspirieren. Das Bedürfnis nach solchen Räumen, wo man Besonderes findet, scheint nicht erloschen zu sein.“
Marina Krauth im Hamburger Abendblatt

Die Bücher des Antiquariats sind bei Felix Jud hinter Glas verschlossen. Nicht auszudenken was grapschende Laufkundschaft nach der Currywurst des Mö-Grills hier für Schäden anrichten könnte. Mein Blick fiel bereits vorhin auf eine Nietzsche Ausgabe, die Henry van de Velde gestaltet hat. Wilfried Weber löst die Schlösser und nimmt den Band heraus. Laie, der ich bin, erstarre ich leicht, als der Antiquar zu blättern beginnt. Es ist kein zaghaftes Seiten umlegen, sondern Blättern im Wortsinn. „Aber es ist doch ein Gebrauchsgegenstand – zwar einer von Rang – aber es bleibt doch ein Gebrauchsgegenstand“, stellt er fest und fügt an, dass er es sich konsequenterweise auch vorstellen könnte mit diesem Buch abends auf dem Sofa zu sitzen. „Außerdem ist es ja gar nicht so bedeutend und kostet nur 380 Euro.“ Anders sähe das bei einer Zarathustra Ausgabe aus, die momentan gehandelt würde. Es gibt nur zwei Exemplare der Vorzugsausgabe, auf Japanpapier und in rotes Maroquin gebunden, ebenfalls komplett gestaltet von Henry van de Velde, die Schätzung beläuft sich auf 75.000 Euro, wenn Weber diese hätte, sagt er, säße er mit ihr nicht auf dem Sofa, sondern am Schreibtisch.

ecce homo friedrich nietzsche henry van de velde
Das Titelblatt der von Henry van de Velde gestaltete „Ecce Homo“ Ausgabe

Weber zeigt mir viele verschiedene Stücke, die die ganze Bandbreite seines Antiquariats widerspiegeln: Eine Ausgabe des Theuerdanks, ein Druck von 1517 mit 118 kolorierten Holzschnitten, in Auftrag gegeben von Kaiser Maximilian I., Künstlerbücher von Max Ernst oder Picasso, Della vera tranquillità dell’animo von Isabella Sforza, das bei seinem letzten Besuch Umberto Eco fast erwarb, illustrierte Märchenbücher, bedeutende Ausgaben moderner deutscher Literatur. Zu jedem weiß Weber eine Geschichte, kennt die Provenienz, jedes Stück begeistert ihn auf andere Weise.

„Man muss anhaltend neugierig sein“

Als ich von seiner besonderen Karriere als Buchhändler spreche, winkt Weber ab. Man könne doch nicht von einer Karriere sprechen, es handele sich vielmehr um besondere Arbeitsumstände, von denen er profitiert habe und die, da stimmt er mir zu, so heute nicht mehr vorhanden seien.

„Die Gefahr von Halbintellektuellen, zu denen ich uns zähle, ist immer sich selbst zu ernst zu nehmen. Wir sind Vermittler und müssen dazu natürlich einiges wissen und einiges leisten, aber das ist es dann auch.“ Daher spricht Weber, der im zweieinhalbstündigen Gespräch nie müde wird interessante Geschichten zu erzählen, Wissen und Erfahrungen zu teilen, während er Kunst, Bücher und Kultur erklärt, mehrmals davon, wie wichtig ihm die Fähigkeit der Selbstironie ist. Wichtiger als diese ist aber wohl die Leidenschaft, die Passion für Literatur. „Wir alle hier sind besessen“, sagt er. Dazu ist jeder der Mitarbeiter Spezialist auf verschiedenen Gebieten. Klaus Lameier gestaltet nicht nur die Schaufenster (einige Beispiele gibt es hier), sondern ist ein Fachmann für Genealogie und Kunst. Marina Krauth, die bei Felix Jud selbst gelernt hat, studierte später Germanistik und Kunstgeschichte, arbeitete beim Kunstbuchverlag Prestel und beim Verlag George Braziller in New York, bevor sie 1993 wieder bei Felix Jud einstieg und seitdem mit Wilfried Weber die Geschäftsführung bildet. Auch Sandra Hiemer ist Kunsthistorikerin, betreute als Herausgeberin ebenso die Veröffentlichung der Briefe Hans Henny Jahnns wie heute die Vorbereitung der Chronik der Buchhandlung. Annegret Schult ist die erste Ansprechpartnerin im Haus, wenn es um aktuelle Belletristik geht. Völlig unabhängig von Trends wählt sie aus was auf dem Tisch direkt gegenüber der Eingangstür ausliegen darf. „Annegret hilft tüchtig mit, dass der Elfenbein Verlag, ein Ein-Mann-Unternehmen, bestehen bleibt“, lacht Weber, denn Frau Schult hat momentan Anthony Powells zwölfbändiger Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ zu ihrer liebsten Empfehlung gekürt. Wilfried Weber wiederum weiß wieder sofort wo sich das dem Zyklus den Namen gebende Bild von Nicolas Poussin gerade befindet (in der Wallace Collection in London, deren Leiter Christoph Martin Vogtherr, im Oktober in die Kunsthalle wechselt). Was andere betriebswirtschaftlich betrachtet vielleicht als Synergien bezeichnen würden, gehört hier zum Konzept: Die Mitarbeiter ergänzen sich.

Das Vorhaben Felix Juds bei Gründung seiner Bücherstube eine Pflegestätte für das gute und schöne Buch zu etablieren, ist gelungen. Wie jeder Reiseführer kann auch ich nur empfehlen Felix Jud zu besuchen. Man braucht dort nicht, wie in die anderen Geschäfte der „Luxuswüste Neuer Wall“ (Weber), verschüchtert einzutreten, sondern ist willkommen und wird von Fachleuten für Literatur, Büchern und Kunst äußerst kompetent beraten werden. „Empfehlungen? Da sind wir ja hemmungslos!“, lacht Wilfried Weber am Ende unseres Gesprächs.

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Wie hätten Sie es gern?

Mir wurde neulich unter vier Augen mitgeteilt, dass meine Rezensionen bisweilen zu lang seien und man diese daher nur überflöge. Als Kompetenz- und Serviceblog ist es daher ganz wichtig zu wissen, was der Nutzer möchte. Der geneigte Leser darf daher seine Meinung mittels Button kundtun, sowie weiterführende Ausführungen in den Kommentaren tätigen.

Habt Dank. Es ist ja auch zu euerm Besten.

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Friedrich Forssman – Wie ich Bücher gestalte – Ästhetik des Buches

Friedrich Forssman wie ich bücher gestalte ästhetik des buches wallstein göttingenSchon in der Überschrift dieses Artikel ist ein schwerer gestalterischer Fehler, der sich komplett durch den gesamten Artikel zieht. Zwar sind Schriftart und Größe gut lesbar und (in meinen Augen) einigermaßen hübsch gewählt, doch sind das Bindestriche oder Gedankenstriche? Anders als Word, und auch dort gelingt es nicht immer, werden hier nicht automatisch Strichlängen angepasst, denn es gibt – (Bindestriche) und – (Gedankenstriche). Man kann nur hoffen, dass Friedrich Forssman diesen Blog nicht liest! 1

Denn bei Friedrich Forssman, dem Internetmenschen durch seinen eBook-Rant bekannt, ging ich achtzig Seiten in die Lehre. Wie ich Bücher gestalte heißt der Werkstattbericht des Buchgestalters und Typographen, der beim Göttinger Wallstein Verlag in der Reihe Ästhetik des Buches erschienen ist. In dieser widmen sich Autoren aus verschiedenen Disziplinen den einzigartigen ästhetischen, kulurellen und wahrnehmungspsychologischen Qualitäten des gedruckten Buches.

Forssman schreibt auch für Laien anschaulich über die Grundlagen der Buchgestaltung, die Gestaltung als Handwerk und (hier liegt ein bedeutender Unterschied!) Kunsthandwerk. In vier Teilen – Das Allgemeine, das Besondere, Das Innere, Das Äußere – gibt er nicht nur Einblick in die Tätigkeit selbst, sondern vermittelt auch seine Vorstellungen eines gelungen gestalteten Buchs. Ein fester Bestand ist für ihn hierbei etwa das Gestalten von Innen nach Außen, um im Anschluss einen Überblick über Vorteile verschiedener Schriftarten zu geben und wie diese zu setzen sind. Die Fachsprache des Setzers liest man nicht ohne Schmunzel: Geringe x-Höhe, recht glatt und vernünftigt, etwas spitz und scharf, in der Anwendung nicht sehr gutmütig.

Natürlich ist Lesbarkeit wichtig, sie ist aber nicht alles. Gestalten heißt auch, dem Benutzer gewisse Unbequemlichkeiten zuzumuten und ihm zuzutrauen, daß er Entscheidungen nachvollziehen kann und billigt, die zuungunsten des vordergründigen Funktionierens getroffen wurden, dafür zugunsten eines größeren Behagens, einer – etwas pathetisch gesagt – „höheren Richtigkeit“.

Kein altes Medium

Und, übrigens: Ich möchte nie, nie wieder auf ein Podium geladen werden – als amüsantes Buch-Fossil, als Kontrastprogramm zu den Zukunftsvisionären in Form von Google-Oligarchen, Börsenvereins-Geldverbrennern und analphabetischen Digitalhipstern mit ADHS im Vollbild – und mir noch ein weiteres Mal anhören müssen, »daß ja noch nie ein neues Medium ein altes Medium verdrängt habe«.

Friedrich Forssman

Die Erfüllung dieses Wunsches liegt nicht in meinen Händen, und der Streit ausgekaut. Wie man aber das alte Medium so gestaltet, dass es eine Kunst ist, erfährt man unterhaltsam und lehrreich von Forssman. Wie kunstvoll dann ein von Forssman gestalteter Text, wie wunderschön er ist, ein Blick in die Leseprobe der Kritische Gesamtausgabe von Walter Benjamin genügt, um dies zu erkennen. Um die Kunst wirklich wertschätzen zu können, sollte man aber Wie ich Bücher gestalte lesen, erst dann kann man wirklich ermessen wie viel Hirnschmalz und gestalterische Kreativität in stimmiger Buchgestaltung steckt.

Zu den vielen guten Eigenschaften von Büchern gehört, daß sie alt werden – wenn sie gut hergestellt sind, halten sie sogar ewig; wenn sie gut gestaltet sind, sind die Abnutzungsspuren vorgesehen und eingeplant.

Beitragsbild: The British Museum (CC BY-NC-SA 4.0)
Nachweis der Grafik zur Typographie

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Walter Benjamin: Kriminalromane, auf Reisen

Die wenigsten lesen im Eisenbahnwagen Bücher, die sie zu Hause im Regal stehen haben, kaufen lieber, was sich im letzten Augenblick ihnen bietet. Der Wirkung von langer Hand bereitgestellter Bände mißtrauen sie und mit Recht. Außerdem legen sie vielleicht Wert darauf, gerade am buntbewimpelten Fahrgestell auf dem Asphalt des Perrons ihren Kauf zu machen. Jeder kennt ja den Kultus, zu dem es einlädt. Jeder hat schon einmal nach den gehißten, schwankenden Bänden gegriffen, weniger aus Lesefreude als im dunklen Gefühle, etwas zu tun, was den Göttern der Eisenbahn wohlgefällt. Er weiß, die Münzen, die er diesem Opferstock weiht, empfehlen ihn der Schonung des Kesselgottes, der durch die Nacht glüht, der Rauchnajaden, die sich über dem Zuge tummeln, und des Stuckerdämons, der Herr über alle Schlaflieder ist. Sie alle kennt er aus Träumen, kennt auch die Folge mythischer Prüfungen und Gefahren, die sich als »Eisenbahnfahrt« dem Zeitgeist empfohlen hält, und die unabsehbare Flucht raumzeitlicher Schwellen, über die sie sich hinbewegt, angefangen vom berühmten »Zu spät« des Zurückbleibenden, dem Urbild aller Versäumnis, bis zur Einsamkeit des Abteils, zur Angst, den Anschluß zu verpassen, zum Grauen der unbekannten Halle, in die er einfährt. Ahnungslos fühlt er sich in eine Gigantomachie verwickelt und erkennt in sich selber den sprachlosen Zeugen des Kampfes zwischen Eisenbahn- und Stationsgöttern.

Similia similibus. Die Betäubung der einen Angst durch die andere ist seine Rettung. Zwischen den frisch zertrennten Blättern der Kriminalromane sucht er die müßigen, gewissermaßen jungfräulichen Beklemmungen, die ihm über die archaischen der Reise hinweghelfen könnten. Er mag auf diesem Wege bis zum Frivolen gehen und sich Sven Elvestad mit seinem Freund Asbjörn Krag, Frank Heller und Herrn Collins zu Reisegefährten machen. Aber diese smarte Gesellschaft ist nicht nach jedermanns Geschmack. Vielleicht wünscht man sich zu Ehren des Kursbuchs einen exakteren Begleiter, wie Leo Perutz, der die kräftig rhythmisierten und synkopierten Erzählungen verfaßte, deren Stationen mit der Uhr in der Hand wie Provinznester, die an der Strecke liegen, durchflogen werden; oder einen, der mehr Verständnis für die Ungewißheit der Zukunft, der man entgegenfährt, für die ungelösten Rätsel, die man zurückließ, aufbringt; dann wird man mit Gaston Leroux zusammen fahren und über dem »Phantom der Oper« und dem »Parfüm der Dame in Schwarz« sich bald wie ein Insasse des »Geisterzugs« vorkommen, der voriges Jahr über die deutschen Bühnen gerast ist. Oder man denke an Sherlock Holmes und seinen Freund Watson, wie sie das Unheimlich-Heimliche eines verstaubten zweiter Klasse-Coupés würden zur Geltung zu bringen wissen, beide als Fahrgäste in ihr Schweigen versunken, der eine hinterm Paravent einer Zeitung, der andere hinter einem Vorhang aus Rauchwolken. Vielleicht auch, daß all diese Geistergestalten vor dem Bild sich in nichts auflösen, das aus den unvergeßlichen Kriminalbüchern der A.K. Green als Porträt ihrer Verfasserin vor uns aufsteigt. Die muß man sich als alte Dame im Kapotthütchen vorstellen, die gleich gut in den verwickelten Verwandtschaften ihrer Heldinnen wie in den riesigen, knarrenden Schränken Bescheid weiß, in deren einem, nach dem englischen Sprichwort, jede Familie ein Skelett stehen hat. Ihre kurzen Geschichten haben gerade die Länge des Gotthard-Tunnels und ihre großen Romane »Hinter verschlossenen Türen«, »Im Nachbarhaus« blühen im violett verhüllten Coupélicht auf wie die Nachtviolen.

Soviel von dem, was das Lesen dem Reisenden leistet. Aber was leistet nicht die Reise dem Leser? Wann sonst ist er ins Lesen so eingetan und kann dem Dasein seines Helden so sicher sein eigenes beigemischt fühlen? Ist sein Leib nicht das Weberschiffchen, das im Takte der Räder unermüdlich den Zettel, das Schicksalsbuch seines Helden, durchschießt? Man hat in der Postkutsche nicht gelesen und man liest nicht im Auto. Reiselektüre ist so mit Eisenbahnfahren verbunden wie der Aufenthalt an Bahnhöfen. Bekanntlich gleichen viele Bahnhöfe Kathedralen. Wir aber wollen es den fahrbaren, grellbunten kleinen Altären, die ein Ministrant der Neugier, der Geistesabwesenheit und der Sensation schreiend am Zuge vorbeijagt, danken, wenn wir, für ein paar Stunden in das vorüberfliehende Land wie in einen wehenden Schal gekuschelt, die Schauer der Spannung und die Rhythmen der Räder über unseren Rücken dahingehen fühlen.

Aus: Walter Benjamin – Kurze Prosa

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Die Sprache der Vögel – Norbert Scheuer

911Also wenn es zwei Dinge gibt, die ich nicht leiden kann sind es Vogelviecher und Krieg, aber dieses Buch…

Paul Arimond ist vor seinem Leben in der Eifel in den Krieg nach Afghanistan geflohen. Der zurückhaltende junge Mann vertreibt sich den Tag mit Vogelbeobachtungen und dem Zeichnen. Zwischen dem unspektakulären, aber im Kriegszustand immer angespannten Alltag wird der Grund für seine Flucht in Rückblenden gezeigt. Die Schuld an einem Autounfall, bei dem sein bester Freund schwer verletzt wurde, lastet auf ihm und hat sein altes Leben mit einem Schlag zerstört.

Norbert Scheuer, einer der Nominierten des Leipziger Buchpreises für Belletristik 2015, eilt in schnell, kurzen Sätzen durch die Geschichte, die sich am Ende wundersam in ein ausgewogenes Ganzes fügen. Die Lautstärke und Geschwindigkeit des Krieges prallen auf die Ruhe Pauls, die Sätze Scheuers wollen verweilen und werden durch die Story getrieben, das liebevolle Interesse Pauls für Vögel kontrastiert dessen Gleichgültigkeit für den Krieg, gar für Tote und Verletzte. Die menschlichen Verluste werden nur festgestellt, während der Sanitäter Paul Vögel bis ins Detail von Aussehen und Verhalten darstellt. Der Soldat sucht einen Ausweg aus dem Lager, aber nicht um zu desertieren, sondern nur um weiter ungestört beobachten zu können.

Ein so zauberhaftes Buch voller beeindrucktender Schönheit, trotz Krieg und Flattertier. Bitte unbedingt lesen!

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Hanjo Kesting – Große Romane der Weltliteratur – Erfahren, woher wir kommen

Sie wissen nicht was Sie als nächsten Lesen sollen? – Lesen Sie diese Bücher!
Sie haben viel zu viel, was Sie noch lesen möchten? – Lesen Sie diese Bücher!

Hanjo Kesting hat 2008 für die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius eine Reihe mit dem Titel „Grundschriften der europäischen Kultur“ im Hamburger Bucerius Kunstforum abgehalten, die sich großer Resonanz erfreute, in weiteren Städten auf Tour ging und in einer dreibändigen Ausgabe beim Wallstein Verlag Göttingen erschien. Kesting befasste sich in dieser Reihe mit den Grundlagen europäischer Literatur, Philosophie und Geistesgeschichte. Er begann mit dem Gilgamesch Epos und endete bei Nietzsches Ecce Homo. Nach Abschluss von „Grundschriften der europäischen Kultur“ folgte „Große Romane der Weltliteratur“ und wurde ebenso ein Erfolg wie der Vorgänger. Erneut hat der Wallstein Verlag eine dreibändige Reihe zum Abschluss herausgegeben, die seit letztem Jahr vorliegt und in deren Vorwort Hanjo Kesting das eigene Programm im Kontrast zu Die wunderbaren Falschmünzer von Rolf Vollmann abgrenzt.

Das [die vorliegende] ist für eine literarische Arche eine eher bescheidene Auswahl. Rolf Vollmann […] behandelte auf knapp 1050 Seiten mehr als tausend Romane […]. Da blieb im Durchschnitt nicht mehr als eine Seite für jedes Buch; selbst Hauptwerke der Romankunst wurden in aller Kürze besichtigt und beurteilt: fünf Zeilen über Verlorene Illusionen, zwölf über Anna Karenina („eins der ganz großen Stücke des Genres zweifellos, aber beinahe war doch glaube ich Greta Garbo in dem Film das Schönste daran“), siebzehn Zeilen über die Kartause von Parma. Das Buch ist nicht ohne Reiz, es ist leicht, locker und amüsant geschrieben, voll sprachlicher Girlanden und Preziosen, es fordert Zustimmung Widerspruch heraus, ist insgesamt aber eher eine Plauderei für Kenner als jene Verführung zu Romanen, die der Untertitel in Aussicht stellt.

Kein Kanon!

Kesting macht in der Einleitung, neben Kollegenschelte, ebenso klar, dass er keine Kanonisierungsabsichten hegt. Hierfür reichen die 40 Bände nicht, er möchte keine Leseliste erstellen, die Lust am nicht der Zwang zum Lesen soll im Vordergrund stehen. Man bemerkt später in den einzelnen Vorträgen, dass tatsächlich das Anregen der Hauptgrund für Kestings Verträge war, aber auch wenn er vorweg seine Liebe zu Dickens oder französischer Literatur ausführt. Gegen das Festlegen eines Kanons spricht für Kesting ebenso der ewige Schrei ein Meisterwerk entdeckt zu haben (auch wenn die besprochenen Werke nun wirklich nicht dem Verdacht unterliegen demnächst vergessen zu werden oder nur zu scheinen.)

Wer die Literaturseiten der Zeitungen verfolgt, der stößt Jahr für Jahr, nein, Monat für Monat auf Bücher, die als Meisterwerke angepiesen werden, so zahlreich, dass die ganze Vergangenheit dahinter zu versinken scheint. Was wird davon bleiben? Geht man hundert Jahre zurück, erkennt man, dass die Prosa eines Spielhagen oder Paul Heyse (Nobelpreisträger immerhin), von Autoren also, die zu ihrer Zeit mindestens so hoch gestellt wurden wie Fontane, längst verwelkt ist.

Mit Leseproben!

Hanjo Kesting Große Romane der Weltliteratur Erfahren, woher wir kommenBedingt durch die Form der Veranstaltung, nämlich dass zwischen den Ausführungen Kestings die entsprechenden Stellen des Werks gelesen wurden, enthalten die drei Bände zahlreiche Ausschnitte aus den besprochenen Büchern. Das Preisen Kestings kann so direkt durch den Leser auf die Probe gestellt werden. Gerade diese kleinen Auszüge, von einer halben bis zu anderthalb Seiten, bereiten besonderes Vergnügen und führen dazu, dass man Kestings launigen, aber klugen Vorträge mit großem Vergnügen und Gewinn liest.

Von den vielen Werken, die Sie noch lesen wollten, sind hier wahrscheinlich einige dabei. Kesten ermuntert, ermutigt und fixt den Leser an diese Werke endlich zur Hand zu nehmen und bereitet dabei selbst ein großes Lesevergnügen.

Band I – 1600 -1850: Miguel de Cervantes: Don Quijote | Daniel Defoe: Robinson Crusoe | Antoine-François Prévost: Manon Lescaut | Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman | Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers | Karl Philipp Moritz: Anton Reiser | Jane Austen: Stolz und Vorurteil | Stendhal: Rot und Schwarz | Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen | William Makepeace Thackeray: Die Memoiren des Barry Lyndon | Emily Brontë: Sturmhöhe | Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe | Herman Melville: Moby Dick oder Der Wal

Band II – 1850 -1900: Gustave Flaubert: Madame Bovary | Iwan Gontscharow: Oblomow | Charles Dickens: Große Erwartungen | Iwan Turgenjew: Väter und Söhne | Fjodor M. Dostojewski: Der Spieler | Lew N. Tolstoi: Krieg und Frieden | Mark Twain: Die Abenteuer des Huckleberry Finn | Joris-Karl Huysmans: Gegen den Strich | Guy de Maupassant: Bel-Ami | Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae | Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray | Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel | Karl Emil Franzos: Der Pojaz

Band III – 20. Jahrhundert: Joseph Conrad: Herz der Finsternis | Heinrich Mann: Der Untertan | James Joyce: Ulysses | Thomas Mann: Der Zauberberg | Franz Kafka: Der Prozess | F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby | Ernest Hemingway: The Sun Also Rises (Fiesta) | Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz | Joseph Roth: Die Kapuzinergruft | Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo | Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen | Gabriel García Márquez: Der Herbst des Patriarchen | Günter Grass: Der Butt | Orhan Pamuk: Das schwarze Buch

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Gewinnspiel: Dreimal „Berlin 1936“ von Oliver Hilmes zu gewinnen

54books verlost zusammen mit dem Siedler Verlag 3 Exemplare von Oliver Hilmes‘ neuem Buch Berlin 1936.

Berlin 1936 ist vor allem daher so gelungen, weil Hilmes es schafft das Gleichgewicht aus unterhaltsamen Tratsch, nüchterner Meldung, Tagespolitik und Zeitgeschichte zu halten. Das Lokalkolorit wird nie aufdringlich und selbst bei den Skandalen und Stargeschichten beschleicht den Leser nie das unangenehme Gefühl der Schnüffelei. Zur Balance trägt bei, dass eben nicht nur Anekdoten von Stars nacherzählt werden, sondern Zeitgeschichte anhand des Lebens einfacher Bürger aufgezeigt wird, der Barbesitzer und Soldat auf Geheimmission, bereits gegängelte Juden und Sinti, Besucher der Spiele und Fans von Sportlern. Der in diesen beiden Wochen omnipräsente Sport fügt sich in Berlin 1936 in die Ausgewogenheit des gesamten Buches sein. Natürlich hat Jesse Owens seinen Auftritt, doch auch die Schilderungen der Ereignisse der Leibesertüchtigung, erzeugen keine erzählerlische Unwucht. Man möchte fast sagen, perfekt komponiert.

Alles was ihr hierfür tun müsst, ist einen Kommentar unter diesem Beitrag zu hinterlassen.

Teilnahmebedingungen
Das Gewinnspiel endet am 29. Mai 2016 um 18:00 Uhr. Zu gewinnen gibt es jeweils einmal das neue Buch von Oliver Hilmes „Berlin 1936“. Unter allen bis zum Ende des Gewinnspiels abgegebenen Kommentaren wird das Los entscheiden. Die Gewinner werden per Email benachrichtigt und der Gewinn ihnen kostenfrei zugesandt. Die Namen der Gewinner werden nicht veröffentlicht. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von 54books. Eure Daten werden nur für den Versand an den Siedler Verlag, München übermittelt, sie werden nicht gewerblich oder zu Werbezwecken genutzt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
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Die herrliche Welt des Scheins – Berlin 1936 von Oliver Hilmes

Die Propaganda, zumindest die rassistische, antisemitische, hält im August 1936 für kurze Zeit die Luft an, denn es ist Olympiade. Das Dritte Reich möchte sich von seiner besten Seite zeigen, friedvoll, friedliebend und weltoffen. Im selben Jahr hatte Hitler zwar die Verträge von Locarno gebrochen und die Wehrmacht im Rheinland einmarschieren lassen, aber dies sollte nicht die größte Sportveranstaltung der Welt stören. Ebenso wenig der bereits tobende Bürgerkrieg in Spanien, der heimlich von Deutschland auf Seiten Francos untersützt wird.

berlin 1936 oliver hilmes coverOliver Hilmes, bekannt durch seine Alma Mahler Biographie, seine Arbeiten zu Ludwig II., der Familie Wagner und Franz Liszt hat die Zeit der olympischen Spiele in Berlin als Aufhänger für sein neues Buch genommen. Der Berliner Historiker wirft sich ins Nachtleben der 30er Jahre, blickt hinter die Kulissen der Propaganda und schaut den Berühmten über die Schulter. Diese knapp zwei Wochen vom 1. bis zum 16. August 1936 reichen Hilmes um ein Panoptikum einer Epoche zu zeichnen, den letzten Akt der Inszenierung einer Regierung, eines ganzen Landes, das sich später voll Begeisterung in einen weltumspannenden Krieg werfen wird und hinter dessen Kulissen bereits die Vorbereitungen für diesen laufen.

Hilmes verschneidet geschickt Tagebuchaufzeichnungen von Harry Graf Kessler und dem unvermeidbaren Goebbels, offizielle Äußerungen und Pressemitteilungen und Wetterberichte mit Zeitzeugenberichten. Er nutzt der Technik, derer sich auch Florian Illies in 1913 bediente, Prominente einander beobachten zu lassen, wahre Begebenheiten so zu komponieren, dass hieraus nicht nur eine, sondern die Geschichte, entsteht. Also sitzt der junge Reich-Ranicki im Theater bei Gründgens, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt zieht mit Thomas Wolfe, einem geheimen Protagonisten des Buchs, um die Häuser und Mascha Kaléko verlässt ihren Mann, während alle sich das Maul über Pauline Strauss, die Frau des Komponisten Richard Strauss, zerreißen. Hierein fügen sich immer wieder Bilder, die das Kolorit der Zeit nachzeichnen. Einen großen Anteil hieran hat die Musik dieser Zeit, die zwischen wildem „Negerswing“, Propagandafanfaren und dem ewigen Wagner vorkommt.

Berlin 1936 ist vor allem daher so gelungen, weil Hilmes es schafft das Gleichgewicht aus unterhaltsamen Tratsch, nüchterner Meldung, Tagespolitik und Zeitgeschichte zu halten. Das Lokalkolorit wird nie aufdringlich und selbst bei den Skandalen und Stargeschichten beschleicht den Leser nie das unangenehme Gefühl der Schnüffelei. Zur Balance trägt bei, dass eben nicht nur Anekdoten von Stars nacherzählt werden, sondern Zeitgeschichte anhand des Lebens einfacher Bürger aufgezeigt wird, der Barbesitzer und Soldat auf Geheimmission, bereits gegängelte Juden und Sinti, Besucher der Spiele und Fans von Sportlern. Der in diesen beiden Wochen omnipräsente Sport fügt sich in Berlin 1936 in die Ausgewogenheit des gesamten Buches sein. Natürlich hat Jesse Owens seinen Auftritt, doch auch die Schilderungen der Ereignisse der Leibesertüchtigung, erzeugen keine erzählerlische Unwucht. Man möchte fast sagen, perfekt komponiert.

Oliver Hilmes hat bereits in seinen vorherigen Büchern gezeigt, dass Geschichte und Biographien unterhaltsam sein können. Spätestens jetzt hat er bewiesen, dass er auch ein großer Erzähler ist.

Beitragsbild: Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1976-116-08A  CC-BY-SA 3.0

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BGH: Vogel gegen VG Wort (Teil 2) – Die Argumente

Die juristischen Grundlagen des BGH Urteils in Sachen Martin Vogel gegen die VG Wort wurden bereits im letzten Beitrag aufgezeigt: was bereits übertragen wurde, kann nicht erneut übertragen werden. Habe ich meinen Koffer bei Freundin A stehen lassen, kann ich ihn nicht bei Freund B abgeben. Die Autoren haben ihre Ansprüche bereits auf die VG Wort übertragen, die Verlage haben also nichts als einen leeren Koffer erhalten (bzw. genauer gesagt gar keinen Koffer).

Die Argumente der VG Wort

Die Verwertungsgesellschaft hat als Beklagte vor den Gerichten zur Rechtfertigung ihrer Verteilungspraxis mannigfaltige, im weitesten Sinn „unjuristische“, Argumente vorgebracht.

1. „Historisch gewachsen“

Die VG Wort hat vorgetragen, dass die Beteiligung der Verleger historisch gewachsen sei. Eine Verwertung eines Werkes sei nur dann sinnvoll möglich, wenn Urheber und Verleger zusammen arbeiten.

Hierzu führte das Landgericht bereits aus:

Der Gesetzgeber hat dem Verleger kein eigenes Leistungsschutzrecht eingeräumt und es ist nicht Aufgabe einer Verwertungsgesellschaft, eine Billigkeitsgesichtspunkten entsprechende Umverteilung contra legem vorzunehmen.

Gerichte können nicht entgegen eines bestehenden Gesetzes richten. Hier geht es nicht nur, und das verkennen (fast) alle Kommentatoren, um das UrhG und ob Verlage ein Leistungsschutzrecht haben, sondern um Grundprinzipien des bürgerlichen Rechts. Nicht (mehr) vorhandene Ansprüche können nicht übertragen werden! Des Weiteren, und dies sehen auch die meisten Kommentatoren, gibt es im UrhG eben kein eigenes Recht eines Verlegers, dass dieser durch seine Arbeit erwirbt. „Wir sind keine Verwerter“, rufen die Verlage. Bisher aus Sicht des Urheberrechts, aber leider doch.1

Hieran kann kein Gericht in Deutschland rütteln und sollte es auch nicht. Hält man die Gesetze für falsch und möchte sie daher ändern, ist dies Sache der Legislative nicht der Judikative. Hier geht es genau um die Gewaltenteilung, auf die in den letzten Wochen noch alle in der Causa Böhmermann gepocht haben.

Hinweis für Naseweise: Keines der Gerichte hat sich, soweit ersichtlich, mit der Begründung von Gewohnheitsrecht nähergehend befasst. Der Hinweis auf eine historisch gewachsene Verteilungspraxis ist somit juristisch unerheblich.

Martin Vogel schreibt in seiner Stellungnahme zu dem Urteil des BGH auf übermedien.de:

Wenn nun von Verlegerseite beklagt wird, der BGH-Urteil zerstöre eine lang bewährte Verlagskultur, so ist dies ein wenig überzeugender und durchsichtiger Einwand. Denn die beschworene bewährte Kultur beruht darauf, dass die Verleger mit Unterstützung der VG Wort und den in ihren Gremien mit einem Vetorecht ausgestatteten verlegerischen Berufsgruppen eine Verteilung aufrechterhalten, die rechtlich nicht zulässig ist. Rechtswidrige Statuten sind allerdings eine recht fragwürdige Kultur, sie haben keine Bestandsberechtigung.

2. Verwaltungsaufwand

Die VG Wort trug vor, die Berücksichtigung des genauen auf einen Urheber und auf seinen Verlag entfallenen Anteils sei organisatorisch nicht umsetzbar. Es sei nicht möglich sei, im einzelnen Fall nachzuvollziehen, ob der Autor oder der Verlag wahrnehmungsberechtigt ist, daher verteile man pauschal nach den Schlüsseln 50:50 (Wissenschaft) bzw. 70:30 (Belletristik).

Dieses Argument betrifft die Vermischung von den „Vogel-Fällen“, bei denen die Ansprüche vor Übertragung an die Verlage bereits komplett auf die VG Wort übertragen waren und diese bei denen noch eine (Teil-)Übertragung an Verlage möglich war (vgl. Teil 1).

Das Landgericht hat der Verwertungsgesellschaft durchaus zugebilligt, dass bei der Ausschüttung solch großer Summen2 an eine solche Menge von Berechtigten3 Pauschalisierungen erforderlich seien. Allerdings sei es einzelnen Autoren nicht zumutbar, wenn sie durch die Pauschalisierungen offensichtlich unangemessen benachteiligen werden und sahen dies im Falle Vogels als gegeben. Selbst wenn es im Ergebnis nämlich so wäre, dass den Verlegern in Bezug auf die Gesamtausschüttungen etwa 50 % zustehen würden, da 50 % der Autoren für ihre Werke keine Vorausabtretungen an die VG Wort vorgenommen hätten, so könne doch nicht übersehen werden, dass die Verleger an dem individuellen Werk von Vogel keine Rechte haben. Deshalb sei das bisherige Verteilungssystem für Martin Vogel offensichtlich ungerecht und er würde mit seinem Werk die Abtretungen anderer Autoren finanzieren, die ihrerseits zu Unrecht begünstigt wären, soweit sie alle Rechte an die Verleger abgetreten haben bevor die Werke bei der VG Wort gemeldet wurden.

3. Die anderen Verwertungsgesellschaften

Die VG Wort argumentiert, dass Verleger eine vergleichbare Leistung zur Vermittlung urheberrechtlich geschützter Werke erbringen, wie es auch Veranstalter, Tonträgerhersteller, Sendeunternehmen, Filmherstellern und Datenbankherstellern tun. Für diese sieht das Gesetz ausdrücklich ein Leistungsschutzrecht vor. Da wie bei 1. auch hier die Gerichte an Recht und Gesetz gebunden waren, und in diesem Rahmen neben der Möglichkeit der Auslegung bestehenden Rechts, nur eine sehr enge Möglichkeit der Schaffung von Richterrecht besteht, sowie zuletzt auch hier die Gewaltenteilung besteht, gab es für diese keine andere Möglichkeit als wie geschehen zu urteilen, denn ein vergleichbares Recht ist nicht gesetzlich vorgesehen.

4. „Vogel wusste was er tat“

Die VG Worte trug in der Berufung vor: „Der Kläger habe als Mitglied der Beklagten und Teilnehmer der Mitgliederversammlungen die Verteilung gekannt und sie gebilligt.“ Bei dieser Argumentation sollte man sich erneut vor Augen führen, dass es für Autoren nur eine Möglichkeit gibt an die Vergütungen, die nur durch eine Verwertungsgesellschaft geltend gemacht werden können, zu gelangen, nämlich durch die Mitgliedschaft bei einer solchen (vgl. Teil 1). Praktischerweise gibt es für Martin Vogel genau eine zuständige Verwertungsgesellschaft: die Beklagte, die VG Wort. Für Vogel gab es daher drei Möglichkeiten zu verfahren:

  1. Auf die ihm nach dem Gesetz zustehende Vergütung verzichten.
  2. Nehmen was die VG Wort ihm zahlt.
  3. Mitglied der VG Wort sein, nehmen was man ihm zahlt und darauf zu klagen, dass dies zu wenig ist.

So sieht es bereits das Landgericht München I:

Etwas anderes folgt auch nicht daraus, dass die Verteilungspläne der Beklagten bereits seit Beitritt des Klägers eine Ausschüttung an die Verleger vorsehen und dass der jeweils gültige Verteilungsplan durch einen Mehrheitsbeschluss der Mitgliederversammlung beschlossen wurde. Der Kläger als einzelner Autor hat faktisch keine andere Möglichkeit als die Verteilungspläne der Beklagten zu akzeptieren, wenn er Anteil an den auf § 44 a ff. UrhG basierenden Ausschüttungen haben möchte. Es liegt ein faktisches Monopol vor, da gemäß dem gesetzlichen Leitbild stets nur eine Verwertungsgesellschaft zur Wahrnehmung der Ansprüche berufen ist. Insofern kann aus dem Beitritt des Klägers zur Beklagten kein konkludenter Rechtsverzicht hergeleitet werden. Etwas anderes folgt auch nicht aus der Tatsache, dass die Beklagte den Verteilungsplan in der Mitgliederversammlung verabschiedet hat. Es widerspricht dem Willkürverbot in § 7 UrhWG und ist daher auch nicht durch Mehrheitsbescheid zu begründen, wenn Anteile der auf das Werk des Klägers entfallenden Vergütung an den nicht berechtigten Verleger ausbezahlt werden.

5. „Kleckerbeträge“

Es war in den Diskussionen unter anderem zu lesen, Vogel hätte wegen eines kleinen Betrags von lediglich knapp 3.000 Euro die Verlagswelt in eine Krise gestürzt4. Bei diesem „Argument“ muss man sich verwundert die Augen reiben. Wer verschenkt denn Geld? Da kann eine Vertragsbeziehung noch so symbiotisch sein, wer liebt sich denn unter Geschäftspartnern mit dünnen Brieftaschen so sehr, dass er dem Gegenüber sagt „Nimm Du, ich habe genug“? Erneut auf juristische oder marktwirtschaftliche Grundlagen wie ein synallagmatische Verträge oder „do ut des“ einzugehen, erspare ich mir aufgrund der Absurdität dieses Vorbringens.

6. Hauptargument: Wie sollen Verlage finanziert werden?

Im Buchmarkt melden sich Britta Jürgs und Christoph Links zu Wort. Die Entscheidung des BGH bringe die unabhängigen Verlage in eine existenzgefährdende Situation, da diese nicht nur zukünftig auf diese Einnahmen verzichten sollen, sondern auch für die vergangenen Jahre seit 2012 massive Rückforderungen durch die VG Wort zu erwarten haben. Links trägt vor, den Verlagen, die dieses Geld nicht in kurzer Frist zurückzahlen können, drohe daher die Insolvenz5. Sie hätten „natürlich“ diese Gelder, die sie als ihren gerechten Anteil dafür betrachten, was sie in die Werke an Leistung stecken, längst in neue Bücher investiert.

Mut? Mut nennen andere doch unternehmerisches Risiko!

Links gab in seiner Rede nach der Verleihung des Kurt Wolff Preises an, er würde gut 50.000 Euro zurückzahlen müssen, beim Verbrecherverlag soll es sich um immerhin 25.000 Euro handeln, bei Wagenbach immerhin noch 20.000 Euro. Der Verleger des Verbrecherverlags, Jörg Sundermeier, schreibt in der FAZ: „Das zahlt niemand aus der Portokasse“, hat damit sicher recht, schaute er vorher in die seine, verkennt aber einen sehr wichtigen Punkt: Seit August 2012 leistete die VG Wort an Verlage nur noch unter Vorbehalt. Das jetzige Berufen darauf man habe nicht damit gerechnet, dass auch der BGH so entscheiden würde wie die Gerichte zuvor, und das besagte Geld bereits ausgegeben, nennt man juristisch Bösgläubigkeit.6 Die Verlage wussten also seit Ende 2012 beim Ausgeben des Geldes, dass dieses ihnen möglicherweise bzw. mit zunehmender über Instanzen gereifter Entscheidungsfestigkeit ziemlich sicher, nicht zusteht und daher zurückzuzahlen ist.7

Es ist unverständlich, wenn nach dem gerade verkündeten Urteil des BGH das Schicksal der kleinen Verlage beklagt wird. Auch sie hätten mit einem für sie negativen Urteil rechnen müssen. Alle Beteiligten in den Gremien sowie der Börsenverein haben ihnen Sand in die Augen gestreut, nicht anders die staatliche Aufsicht.

Martin Vogel in seiner Stellungnahme auf Übermedien

„Ein fatales Urteil“

Wiebke Porombka schlägt daher in der Zeit die Hände über dem Kopf zusammen und klagt, durch die Pflicht, nun rückwirkend die gezahlten Ausschüttungen zurückzuerstatten, könnten einige Verlage unmittelbar in die Insolvenz gezwungen werden. Die Entscheidung des BGH nennt sie daher „ein fatales Urteil“. Ein solches ist es sicher, für die, die wider besseres Wissen das Geld ausgegeben haben, von dem sie wussten, dass es ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit nach der aktuellen Rechtslage nicht zusteht. Stefan Niggemeier nennt die Praxis der nun Gebeutelten daher „schöner Verlegen – mit dem Geld anderer Leute“.

Wolfgang Michael schreibt bei irights.info und in seinem Blog: „Wenn verdienstvolle Verleger nun verschreckt aus allen Wolken fallen, weil sie Gelder auf falscher Grundlage erhalten haben, ist das nicht den Autoren oder den Richtern des BGH anzulasten, sondern jenen Funktionären, die bis zuletzt stur darauf setzten, dass die Klage gegen die VG Wort keinen Erfolg haben würde.“

In der Verlagsbranche baden die Wenigsten in Geld, aber welcher Autor wird mit seinem Schaffen reich? Bedenke man, schreibt der Autor einen Bestseller, verdient doch ebenso der Verlag. Die gute, besondere Arbeit (herausragendes Cover, sorgfältiges Lektorat, spezielles Marketing und Werbung), auch verlegerischer Mut (insoweit hinken die Beispiele Witzel und Haratschwili, die Karen Köhler in der Zeit bringt) kommen doch in Scheinen ebenso an die Verlage zurück, verkauft sich ein Buch gut. Die Standardarbeiten eines Verlags, die Grundpflichten des Vertrages zwischen Autor und Verlag, und das sind Lektorat, Vertrieb, Marketing etc. doch, werden sowieso durch eine entsprechende Beteiligung abgedeckt. Natürlich bleibt viele herausragende Literatur unbesprochen, unentdeckt und ungekauft, aber das liegt an den Gesetzen der Marktes und geht dem Hersteller von Waren genauso wie dem Dienstleister, dessen Angebote nicht abrufen werden.

Auch das Argument der Finanzierung taugt daher nicht dazu, das gefundene Urteil zu verwerfen. Wenn Jo Lendle also dramatisch schreibt „Lesen Sie gern? Bücher? Dann war der 21. April ein schlechter Tag für Sie.“ Kann man nur erwidern „Mögen Sie gern stringente, widerspruchsfreie und nachvollziehbare Urteile des Bundesgerichtshof? Dann war der 21. April ein guter Tag für Sie.“

III. Was können Verlage tun?

Was Verlage nun tun müssen, um an das vorher rechtswidrig ausgeschüttete Geld zu kommen erklärt Günter Poll:

Das bedeutet, dass eine Verlegerbeteiligung in Zukunft allenfalls über ausdrückliche (schriftliche) und eindeutige Abtretungserklärungen (diese gibt es bisher weder bei der VG Wort noch bei der GEMA), nicht aber durch den Verteilungsplan als solchen erreicht werden kann. In Bezug auf die Reprographievergütung ist dieser Weg aber sehr wahrscheinlich durch das Urteil des EuGH i.S. HP v. Reprobel (s.o) endgültig verschlossen, weil der EuGH in diesem Urteil keinen Zweifel daran gelassen hat, dass diese Vergütung („gerechter Ausgleich“) ausschließlich den Urhebern zusteht.

Erst Recht kann der deutsche Gesetzgeber nicht, wie unmittelbar nach dem Urteil vom Börsenverein gefordert, eine Regelung schaffen, wonach die Reprographievergütung doch wieder hälftig den Verlegern zufiele – denn genau dies hat der EuGH als europarechtswidrig verworfen.

Selbstverständlich kann die jahrelang geübte Praxis nun vom Gesetzgeber in die nie gefundene Form, nämlich die eines Gesetzes, gegossen werden. Nur rückwirkend ist das Kind in den Brunnen gefallen. Dass sich der Autor Martin Vogel zurückholt was ihm nach Vertrags- und Rechtslage zusteht, sollte ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Hinweis: Mir ist bewusst, dass in der Verlagslandschaft besonders emotional argumentiert wird. Dies liegt nicht nur an der „Produktion“ von Literatur mit Herzblut, sondern auch in dem Umstand begründet, dass die wenigsten der Beteiligten reich werden. Trotzdem habe ich versucht die meisten Argumente, die im durchaus recht einseitig geführten Diskurs vorgetragen wurden, abzuarbeiten. Dieser Beitrag befasst sich, ebenso wie der vorherige, nur mit der aktuellen Rechtslage bis zum Urteil des BGH in Sachen Martin Vogel gegen VG Wort. Dies ist keine Bewertung oder Empfehlung in rechts- oder kulturpolitischen Fragen. Zuletzt wird auch die Frage nach einem eigenen Leistungsschutzrecht oder Verwertungsrecht der Verlage aufgrund Lektorats und weiterer Unterstützung bei der eigentlich „Schaffung“ des Werks ausgeklammert.

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