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Verfilmte Autorenleben

Neben der endlosen Zahl an Literaturverfilmungen – also der Adaption eines bereits als Roman vorliegenden Stoffs als Film – gibt es nicht wenige Filme, die Leben, einzelne Episoden dessen oder das Werkschaffen von Autoren und Autorinnen umsetzen. Ich habe eine Auswahl von elf solcher Werke inklusive dem entsprechenden Trailer erstellt.

Die Liste folgt dem Schema: Name des Films, Erscheinungsjahr und der/die porträtierte Autor/in. Die Reihenfolge ist chronologisch, nicht wertend.

1. Sylvia (2003) – Sylvia Plath (Gwyneth Paltrow) und Ted Hughes (Daniel Craig)

Die schwierige, aber inspirierende Beziehung zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes ist ein moderner Klassiker und nicht nur anhaltend beliebt als literarische Vorlage (z.B. Connie Palmens Du sagst es), sondern taugt auch als Filmstoff in der prominent besetzten Adaption mit Gwyneth Paltrow und Daniel Craig.

2. Capote (2005) – Truman Capote (Philip Seymour Hoffman), Harper Lee (Catherine Keener)

Die USA, im November 1959: Truman Capote, Autor des Romans Frühstück bei Tiffany und ein Mitglied der bald schon als Jetset bekannten internationalen Partyszene, stößt auf einen Artikel in der New York Times. Dieser berichtet von einem brutalen Mord an vier Mitgliedern einer angesehenen Farmerfamilie, den Clutters, in Holcomb, Kansas. Viele solcher Geschichten finden sich täglich in den Zeitungen wieder, doch diese lässt den Schriftsteller nicht mehr los. Für ihn präsentiert sich die Gelegenheit, seine lang vertretene These zu untermauern, die besagt, dass nonfiktionale Literatur in den Händen des richtigen Autors genauso anschaulich sein kann wie Belletristik. Welche Auswirkung haben die Morde auf diese kleine Stadt in der vom Wind heimgesuchten Prärie?

Ein grandios-düsterer Film mit einem überragenden Philip Seymour Hoffman!

3. Vor der Morgenröte (2016) – Stefan Zweig (Josef Hader)

Stefan Zweig ist zwar einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit, aber auf der Flucht. Kein Ort scheint ihm als neuer Lebensmittelpunkt zu genügen. Dazu bedrängen ihn Freunde und selbst nur entfernte Bekannte um Geld und Fürsprache, Reporter um ein Statement gegen Hitler-Deutschland. Episodenhaft zeigt Vor der Morgenröte die letzten Jahre eines Getriebenen, hilflos auf der Flucht vor dem Krieg und der eigenen Verantwortung, gefangen in einer Welt, der er durch eigene Hand entflieht.

4. Ein russischer Sommer (2009) – Leo Tolstoi (Christopher Plummer) und Sofia Tolstoi (Helen Mirren)

Russland, 1910: In seinem letzten Lebensjahr verbringt Leo Tolstoi seinen Sommer mit seiner Frau Sofia und einigen der gemeinsamen Kinder auf ihrem Landgut Jasnaja Poljana. Als Sofia erfährt, dass Tolstoi die Rechte an seinem Werk dem russischen Volk vermachen möchte, beginnt ein hochemotionaler Konflikt zwischen beiden: Die temperamentvolle Sofia sieht sich und die Kinder als die rechtmäßigen Erben und Verwalter von Tolstois Werk und versucht mit allen Mitteln, ihn von seinem utopistischen Plan abzubringen und die Zukunft der Familie zu sichern. Der geradezu fanatische „Tolstoianer“ und Adlatus Wladimir Tschertkow wiederum bestärkt Tolstois Idealismus.

Der erbitterte Streit zwischen den Liebenden treibt Tolstoi schlussendlich in die Flucht und damit in eine Krankheit, von der er sich nicht wieder erholt. Ein Bahnhof wird für ihn zur „letzten Station“, an der sich auch die beiden Liebesgeschichten noch einmal verbinden.

5. Kill your darlings (2013) – Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe), Jack Kerouac (Jack Huston), William S. Burroughs (Ben Foster)

Die Geschichte um Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs im Jahr 1944 und den Antrieb eine neue Form von Literatur zu schaffen.

6. Howl (2010) – Allen Ginsberg (James Franco), Jack Kerouac (Todd Rotondi),Neal Cassady (Jon Prescott)

Dasselbe Thema wie Kill your Darling, nur eine andere Erzählperspektive und -zeit. Der Film spielt in den späten 1950er-Jahren in den Vereinigten Staaten. In einem Hauptstrang wird der Dichter Allen Ginsberg von einem Journalisten zu seinem Werk befragt. Ginsberg gibt ausführlich Auskunft und beschreibt seine rauschhafte Arbeitsweise, den Umgang mit gesellschaftlichen Tabuthemen, zu denen Selbstbefreiung, Homosexualität und der Gebrauch von Rauschmitteln gehören und seinen sprachlichen Ansatz, der vor allem auf dem Sound des Jazz beruht.

Der zweite Strang gibt die gerichtliche Auseinandersetzung wieder, die auf die Veröffentlichung des Bandes folgte. In dem berühmt gewordenen Prozess stellt das Gericht 1957 fest, dass die Freiheit des Einzelnen die Veröffentlichung des Gedichtbandes rechtfertigt, auch wenn weite Teile des Textes durch die Öffentlichkeit als anstößig empfunden werden.

7. Total Eclipse (1995) – Arthur Rimbaud (Leonardo DiCaprio), Paul Verlaine (David Thewlis)

Im September 1871 nimmt Paul Verlaine den den 16-jährigen Arthur Rimbaud bei sich auf, der ihm Gedichte zugeschickt hatte und den er nach Paris eingeladen hatte. Ende Oktober wird er Vater eines Sohnes, doch beginnt er etwa zur selben Zeit ein homosexuelles Verhältnis mit Rimbaud. Es folgten lange verworrene Monate, während derer er hin und her pendelt zwischen seiner Frau Mathilde (die er des Öfteren bedrohte und misshandelte und zur Flucht zu ihren Eltern trieb), seiner Mutter und Rimbaud. Am 7. Juli 1872 verlässt Verlaine zusammen mit Rimbaud Paris. Anschließend vagabundieren sie durch Nordostfrankreich, England und Belgien, sich mehrfach trennend und versöhnend, häufig depressiv und suizidgefährdet.

Auch dies – wie Sylvia – die Geschichte einer obsessiven, selbstzerstörerischen Liebe, die Motor für zwei große Werke war.

8. Geliebte Jane (2007) – Jane Austen (Anne Hathaway)

Jane Austen wächst am Ende des 18. Jahrhunderts als eine Tochter des Reverends Austen in der landwirtschaftlich geprägten Region Hampshire auf. Sie ist energiegeladen, spielt Klavier und schreibt. Ihre Familie will, dass sie den reichen Mr. Wisley heiratet, doch sie leistet Widerstand. Dies empört ihre Mutter, die aus Liebe heiratete und danach in bescheidenen Verhältnissen leben musste.

Jane lernt den irischstämmigen Tom Lefroy (Thomas Langlois Lefroy) kennen, der Jurist werden will. Er kritisiert ihre schriftstellerischen Versuche und gibt ihr den Roman ‚The History of Tom Jones, a Foundling‘ von Henry Fielding zum Lesen. Beide verlieben sich schließlich ineinander. Lefroy stellt sie seinem in London lebenden, vermögenden Onkel vor und will ihn um den Segen für ihre Heirat bitten, aber er stellt fest, dass jemand Jane seinem Onkel gegenüber als eine Mitgiftjägerin denunziert hat. Da Tom vollkommen vom Geld seines Onkels abhängig ist, beugt er sich dessen Verbot der Hochzeit. Nach kurzer Trennung entschließen sich die beiden, gemeinsam durchzubrennen. Jane erfährt allerdings während einer Kutschenpanne auf ihrem gemeinsamen Weg nach Schottland aus einem Brief, den sie in der Manteltasche von Tom entdeckt, dass seine Familie in Irland in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt und auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen ist, die er ihnen regelmäßig zukommen lässt. Schließlich erklärt Jane Tom, dass sie mit Blick auf die Armut ihrer beider Familien zu der Überzeugung gelangt sei, dass keine Existenzgrundlage für eine Familiengründung mit ihm vorhanden sei. Tom versucht vergeblich, ihre Zweifel unter Hinweis auf ihre gegenseitige Liebe auszuräumen. Jane besteigt kurz darauf eine Kutsche in die Gegenrichtung zurück zu ihrer Familie.

9. Wilde (1997) – Oscar Wilde (Stephen Fry)

Der Film behandelt Oscar Wildes Leben von seiner Vortragsreise in den USA 1882 bis kurz vor seinen Tod im Jahr 1900. Nach seiner Rückkehr aus Amerika heiratet er Constance Lloyd und hat mit ihr zwei Söhne. Der Film zeigt Oscar Wilde ebenso in seiner Rolle als Familienvater wie als berühmte Persönlichkeit und erfolgreichen Theaterautor bei den Premieren seiner Theaterstücke Lady Windermere’s Fan und The Importance of Being Earnest. Eine wesentliche Rolle spielt die Entdeckung seiner Homosexualität durch seine Beziehung zu Robert Ross und die Entwicklung seiner Beziehung zu Lord Alfred Douglas. Als Lord Alfreds Vater, der Marquess of Queensberry, ihnen den Umgang miteinander untersagen will und Wilde provoziert, verklagt dieser ihn wegen Beleidigung. Im dritten der daraus folgenden Gerichtsprozesse wird Wilde wegen Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthaus muss er in der Tretmühle arbeiten. Nach seiner Freilassung gilt er als entehrt und ist finanziell ruiniert und gezwungen, ins Exil zu gehen. Die Zwangsarbeit im Zuchthaus hat ihn gesundheitlich angeschlagen. Er besucht das Grab seiner Frau Constance, bevor er sich auf Betreiben von Robert Ross in Paris niederlässt. Der Film endet mit seinem Wiedersehen mit Lord Alfred Douglas.

Als eine Art Rahmen dient das Märchen Der selbstsüchtige Riese, das begleitend zur Handlung stückweise erzählt wird – teils indem Oscar Wilde es seinen Kindern erzählt, teils indem Constance es vorliest – und das im Gefängnis mit dem Tod des Riesen endet. Auch andere Texte Wildes werden im Laufe des Films von Stephen Fry gesprochen.

10. Goethe! (2010) – Johann Wolfgang von Goethe (Alexander Fehling)

Die biographische Vorlage für Die Leiden des jungen Werther!

In Straßburg fällt der Jura-Student Johann Goethe durch das Staatsexamen. In den Schnee des Campus schreibt er die Worte: Lecket mich! Goethe wird von seinem Vater in seine Heimatstadt Frankfurt am Main zitiert; dort teilt dieser ihm mit, dass er seine Ausbildung zum Juristen am Reichskammergericht in Wetzlar fortsetzen solle, auch um seinen Sohn von seinen dichterischen „Flausen“ abzuhalten.

In Wetzlar angekommen, widmet sich Goethe der Arbeit an alten Akten, die er für seinen Vorgesetzten, den Gerichtsrat Kestner (der im Film den Namen „Albert“ trägt), aufarbeitet. Dabei bildet er mit dem Juristen Jerusalem, mit dem er sich auch privat anfreundet, ein Team. Auf einer Tanzveranstaltung lernt Goethe Charlotte Buff (kurz Lotte genannt) kennen und verliebt sich in sie. Es stellt sich heraus, dass sie das älteste von acht Kindern eines in Wahlheim lebenden Witwers ist und sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern muss.

Trotz einiger Verwicklungen scheint sich Goethes Liebe zunächst zu erfüllen. Nachdem er Lotte eines seiner Gedichte vorgetragen hat, wird das Paar von einem starken Regenschauer überrascht und die beiden suchen Schutz in einer Burgruine, wo sie miteinander intim werden. Währenddessen wirbt Kestner bei Lottes Vater um die Hand seiner Tochter. Der Vater ist froh, Charlotte in einer Ehe mit einem aufstrebenden Juristen gut versorgt zu sehen, da dieser so auch Lottes Familie später finanziell unterstützen würde. Lotte zögert zunächst, übernimmt aber immer mehr die Sichtweise ihres Vaters, da sie auch das Wohl ihrer Familie will. Trotz allem fällt es ihr schwer, sich von Goethe zu trennen. Dieser hilft schließlich sogar seinem Rivalen, indem er ihm ein erfolgreiches Prozedere und die passenden Worte für dessen Heiratsantrag vorschlägt, ohne freilich zu ahnen, wer die Umworbene ist. Erst bei der Verlobungsfeier von Albert und Lotte stellt sich die Wahrheit heraus. Alle Betroffenen sind fassungslos.

11. Die geliebten Schwestern (2014) – Friedrich Schiller (Florian Stetter)

Charlotte von Lengefeld soll von ihrer Patentante Charlotte von Stein in Weimar in die feine Gesellschaft eingeführt werden. Dort lernt sie Friedrich Schiller kennen, der im Sommer 1788 zu Besuch in die Heimat der Familie nach Rudolstadt kommt. Die Mutter Louise von Lengefeld war nach dem Tode ihres Mannes in finanzielle Schwierigkeiten geraten, weshalb Tochter Caroline eine Zweckheirat mit Friedrich Fhr. von Beulwitz einging. Die beiden Schwestern verleben mit Schiller eine unbeschwerte Zeit miteinander. Sie hatten sich einst am Rheinfall bei Schaffhausen geschworen, alles miteinander zu teilen, und so soll es auch bei Schiller sein. Charlotte reist allein nach Weimar zurück, währenddessen ihre Schwester die Mutter überzeugen soll, einer Heirat mit Schiller trotz dessen Mittellosigkeit zuzustimmen, was sie mit einiger Verzögerung auch tut. Schiller trennt sich, auch mit Hilfe einer Intrige von Charlotte, von der verheirateten Charlotte von Kalb. Nachdem er Charlotte 1790 geheiratet hat, gebärt sie einen Sohn. Auch Schwägerin Caroline ist in Jena zugegen, wo Schiller nun eine Professur hat. Doch die geplante „Ehe zu dritt“ kann nicht stattfinden, da Carolines Mann zunächst nicht in die Scheidung einwilligt.

Trotz des Banns des Herzogs von Württemberg begibt sich Schiller 1793 nach Tübingen, um der Herstellung seiner Zeitschrift Die Horen bei Verleger Cotta beizuwohnen. Dort trifft er Caroline wieder, die sich ihre Dienste von einem älteren Mann bezahlen lässt. Zu dritt leben sie nun bei Schillers Mutter in Ludwigsburg. Caroline gesteht, schwanger zu sein. Um ihre Scheidung nicht zu gefährden, fährt sie in Begleitung von Wilhelm von Wolzogen nach Schaffhausen, wo Schiller einen Pflegevater für das Kind organisiert hat. Nach der Geburt meldet sich Caroline auf Schillers Briefe nicht und teilt schließlich mit, dass sie bei Wolzogen bleiben werde.

Jahre später reist die vermeintlich todkranke Mutter Louise nach Weimar, um die inzwischen zerstrittenen Schwestern zu versöhnen. Beim Familientreffen kommt es trotzdem zu einem Schlagabtausch der Schwestern, währenddessen Schiller einen heftigen Krankheitsanfall erleidet. Wolzogen stellt die Überlegung an, dass es offenbar das Schicksal der drei von-Lengefeld-Frauen sei, ihre Männer zu überleben.

Habe ich einen wichtigen Film vergessen? Hinweise sehr gerne in die Kommentare!

Quellenangaben:
Auszug der Seite „Capote (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Capote_(Film)&oldid=161065284

Auszug der Seite „Ein russischer Sommer“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ein_russischer_Sommer&oldid=145941012

Auszug der Seite „Howl (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Howl_(Film)&oldid=159138557

Auszug der Seite „Paul Verlaine“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Paul_Verlaine&oldid=160151315

Auszug der Seite „Geliebte Jane“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geliebte_Jane&oldid=160851375

Auszug der Seite „Oscar Wilde (1997)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Oscar_Wilde_(1997)&oldid=154140785

Auszug der Seite „Goethe!“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Goethe!&oldid=157580589

Auszug der Seite „Die geliebten Schwestern“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Die_geliebten_Schwestern&oldid=158801203

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10s Kommentare

Bücher des Jahres 2016

1. Blauschmuck – Katharina Winkler

Mein Debüt des Jahres. Brutal, eindrücklich und unbarmherzig. Die Geschichte einer unterdrückten Frau, von Gewalt in der Ehe und der Sprachlosigkeit, in der die Opfer versinken.

Blauschmuck von Katharina Winkler macht einen fertig und man braucht starke Nerven, um die physische und psychische Gewalt, die in rasendem Stakkato immer wieder über Filiz und ihre Kinder hereinbricht zu ertragen. Blauschmuck ist brutal und schmerzhaft. Blauschmuck ist ein starkes Debüt, das Finger in Wunden legt und tagelang nicht loslässt. Blauschmuck solltest Du lesen!

2. Zuwanderung und Moral – Konrad Ott

„Was bedeutet das alles?“ heißt die kleine Reihe mit Sachtexten bei Reclam, in der dieser Text erschienen ist. Konrad Ott vergleicht in diesem Gesinnungs- und Verantwortungsethik in Bezug auf das drängendste Problem des Jahres und gibt Orientierung in einer Diskussion, die leider vor allem durch plumpe Phrasen von Halb- oder Unwissenden geprägt wurde.

3. Blaue Nacht – Simone Buchholz

Krimi des Jahres! Schnodderig, aber unaufgesetzt. Simone Buchholz hat dazu mit Chastity Riley endlich einmal eine Hauptfigur geschaffen, die nicht einem der Standardklischees „Superheldenermittler“ oder „Superkaputterermittler“ zuzuordnen ist, sondern Abgründe und Probleme hat, nicht ins Abziehbildchen abrutscht, ihre Chas könnte ein echter Mensch sein.

4. Die Unmächtigen: Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945 – Günther Rüther

Aus keinem anderen Buch habe ich in diesem Jahr mehr gelernt. Die Entwicklung der beiden Deutschlands ist nicht denkbar ohne die jeweiligen Intellektuellenfiguren, die sie prägten. Aufarbeitung der Nazivergangenheit, Atomwaffen, 68er Unruhen und die Wiedervereinigung immer waren es auch Intellektuelle, sehr häufig Schriftsteller, die den politischen Diskurs beeinflussten. Eine mitreißende, unterhaltsame Geschichtsstunde aus einem neuen Blickwinkel, die zudem unendlich viel Inspiration für Lektüre rund um die Nachkriegsliteratur liefert. Sachbuch des Jahres!

5. Du sagst es – Connie Palmen

Die Geschichte eines Paares, die unglaubwürdig wäre, wäre sie ausgedacht. Liebe bis zur Selbstzerstörung. Sylvia Plath und Ted Hughes stehen für den modernen Prototyp der unglücklichen Ehe, aber auch der gemeinsamen poetischen Produktivität, für das Anziehen und Abstoßen. Connie Palmen gelingt ein einfühlsames literarisches Porträt ohne sich auf eine Seite zu schlagen und lotet die Abgründe beider tragischer Figuren aus. Tolle Literatur über Literatur.

6. Die Kameliendame – Alexandre Dumas

In Klassikern wird ja immer nur geweint. Es wird Herbst, es wird geweint, man geht in die Oper und weint, man trifft irgendwen von früher, Tränen. Armand Duval ist auch so ein armer Wicht, der nah am Wasser gebaut ist. Er verliebt sich unsterblich in die Edelescortdame Marguerite Gautier. Es geht hin und her und am Ende (eigentlich bereits direkt ab Beginn des Buchs) weinen wieder alle. Weil diese tragische Liebesgeschichte zwar schnulzig ist, aber Tiefgang hat und nachhallt, sollte sie jeder lesen, der mal in Ruhe 200 Seiten leise weinen will.

Zugabe: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig

Ohne Frage das schönste Buch des Jahres.

Zwei Novellen von Stefan Zweig in neuem Gewand illustriert von Joachim Brandenberg bzw. Florian L. Arnold – unbedingt einen Blick ins Buch und die Illustrationen werfen und den Topalian & Milani Verlag aus Ulm auf dem Schirm behalten, da werden sehr feine Bücher gemacht.

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Sozusagen Paris – Navid Kermani

Navid Kermani Sozusagen ParisDas Interview von Iris Radisch mit Navid Kermani beginnt, nach dem ersten Abtasten und der zu erwartenden Frage nach dem Amt des Bundespräsidenten, damit dass Frau Radisch Herrn Kermani sagt, dass sie solche Literatur, wie die, über die sie jetzt sprechen, die er geschrieben hat, gar nicht leiden mag. Kermani reagiert etwas patzig, aber souverän und bedauert, dass sie in ihrem Beruf Bücher lesen müsse, die ihr nicht zusagen. Im Gegenzug nennt sie seinen neuen Roman Sozusagen Paris einen bescheidenen Wohnzimmertext. Sozusagen Paris ist ein Wohnzimmertext, da der Roman fast ausschließlich in einem Wohnzimmer spielt, bescheiden ist er dort, wo es Kermanis Erzählung benötigt. Aber der Reihe nach.

Der Erzähler ist Autor auf Lesereise. In seinem letzten Roman hat er seine Jugendliebe verarbeitet, eingearbeitet und diese Jugendliebe steht nun, was zu erwarten war, am Büchertisch vor ihm. Jutta ist inzwischen Bürgermeisterin der Lesereisen-Kleinstadt und die beiden gehen nach dem obligatorischen Lesereisen-Abendessen zu ihr, ins Wohnzimmer. Eine Bettszene wird es nicht geben, nicht mal einen Kuss, stellt der Autor bereits zu Beginn seiner gegenwärtigen Nacherzählung klar. Jutta hat drei Kinder und gerade Streit mit ihrem Mann und dieser wird daher auch die ganze Nacht nicht in Person auftauchen. Über Tee, Alkohol und Marihuana spricht Jutta über ihre Ehe, die zurückliegenden Jahre, ihre Träume und die Realität als kleinstädtische Bürgermeisterin.

Selbstverständlich werden sämtlich denkbaren Probleme der gehobenen Mittelschicht abgehandelt. Der jugendliche Traum der Weltverbesserung, der doch im Reihenhaus endet, die wilde Liebe, die doch im Alltag versandet und mit Wochenendtrips und Tantra am Leben zu halten versucht wird, das Eingeständnis nicht alles liefe perfekt, aber doch schon ziemlich gut. Jutta ist unglücklich und ist es nicht, der Erzähler ein geduldiger Zuhörer und ist es nicht.

Ich knie neben einer etwa fünfzigjährigen Frau, die den Kopf auf meine Schulter gelegt hat, einer Frau die einmal meine große Liebe war, jedoch mit einem anderen Mann verheiratet ist, unglücklich verheiratet, muß ich dem Gesagten nach schließen, und trotzdem liebt sie ihn zweifellos, mag sie selbst oft das Gegenteil fühlen, sie liebt ihn, das ist für mich keine Frage, und er liebt sie erst recht, es ist eine der seltsamsten, verblüffensten, aufwühlendsten Situationen meines Lebens, und doch müssen vor mir andere Männer in exat der gleichen Körperhaltung eine Geliebte getröstet haben, die einen anderen Mann unglücklich liebt, und ihnen werden dieselben schmerzlichen und zugleich zu unsinnigen Hypothesen durch den Kopf geschossen sein, das Was-wäre-gewesen-wenn, das unsere Erinnerung verdirbt, und Ob-nicht-vielleicht-doch, das uns von der Gegenwart ernhält;

Der gesamte Roman ist durchzogen von Wiederholungen und Redundanzen, Proust-, Stendal-, Flaubert-Referenzen und Einsprüchen des fiktiven Lektors. Aber Kermani macht bereits zu Beginn klar wie seine Erzählperspektive aussieht: er schreibt als geschähe es gerade, doch es ist eine Nacherzählung, daher kann er sich der Literatur- und Musikzitate bedienen, die sonst in einem Gespräch in diesem Umfang nicht auftauchen würden. Sowieso ist Navid Kermani sehr ehrlich mit seinem Leser, Erwartungen werden gedrückt, vieles vorweggenommen und Frau Radisch hat wohl einen literarischen Trick erwartet, der Autor aber einfach ein sehr ehrliches Buch geschrieben.

Ein wirklich realistischer Roman

Ich will das gar nicht wissen. […] Ich will nicht wissen, warum er sie im Bett nicht in den Arm nimmt, wenn sie weint, sondern sich umdreht und einschläft.

Der Erzähler will es eigentlich nicht wissen, hört es sich trotzdem geduldig an. Der Leser will es nicht wissen und liest es trotzdem. Es ist der Widerwillen in die Intimität zweier anderer hingezogen zu werden und fast unangenehmer als die Erläuterungen des erfüllt-tantrischen Sexlebens des Paares, das Jutta so schrecklich Liebemachen nennt (es soll ja Leute geben, die wirklich so reden, Iris R. hat solche aber nie getroffen!).

Kermani hat eine literarische Form gefunden, in der er einen solchen Wiedersehens-Intimitäts-Zweifel-Abend abbilden kann, denn so sind solche Treffen. Wer das nicht versteht, war wohl nie unglücklich verliebt, hat nie einer Jugendliebe hinterher getrauert und sich gefragt, was wäre gewesen wenn, als er sie wiedertrifft. Die Frage ist dann nur, ob man überhaupt Literatur besprechen sollte, die sich mit dem Leben auseinandersetzt, oder man nur noch Kopfliteratur rezensiert. Warum wird heute so viel banaler über die Liebe gesprochen als bei Proust oder Stendhal, fragt Radisch und gibt damit eindeutig zu erkennen, dass sie gar nicht weiß, wie banal Liebe so häufig ist, dass Proust und Stendhal eine idealisierte oder zum Teil fast karrikierend verzerrte Version der Liebe erzählt haben, die in keinem Reihenhaus, keinem Alltag Platz hat.

Juttas Ehekrise sei die gewöhnlichste überhaupt, vielfach beschrieben in Romanen, die in heutigen Wohlstandsgesellschaften spielen, ja, für das Milieu und Alter geradezu stereotyp, soll ich Jutta erklären und ihr freiheraus sagen, daß ich sie ebendeshalb zum Gegenstand meines Romans genommen hätte: weil ihr Fall verallgemeinerbar sei.

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Fritz Landshoff: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Von Klaus Mann als brüderlicher Freund in Der Wendepunkt beschrieben, von Elisabeth Mann heimlich geliebt und von Erika Mann, ob seiner Drogen- und Todessehnsucht, besorgt beobachtet; Fritz Landshoff war keine Nebenfigur des Dramas „Familie Mann“, sondern spielte stattdessen eine Hauptrolle in einem bedeutenden Stück deutscher Literaturgeschichte. Fritz Landshoff sorgte von 1933 bis 1940 mit Phantasie, Mut und viel Geschick dafür, daß das „andere Deutschland“ weiter existieren und publizieren konnte, schrieb etwa Elisabeth Wehrmann über ihn in der Die Zeit. Mit Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur zeichnet Bettina Baltschev eine Geschichte von Lichtblicken in dunklen Zeiten nach.

fritz-landshoff-hoelle-und-paradies-amsterdam-querido-und-die-deutsche-exilliteraturDer in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Fritz Landshoff wurde 1926 Juniorpartner von Gustav Kiepenheuer in Potsdam und Berlin. Durch seine Autoren prägte er nachhaltig das Gesicht des Verlages, und prägt es bis heute: Anna Seghers, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth und Ernst Toller, mit dem er sich eine Wohnung teilte. Doch bereits zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die „WG“ des jungen Verlegers und des Revolutionärs von der SA durchsucht, Landshoff erkannte die Gefahr und floh ins Exil nach Amsterdam. Dort bot im Emanuel Querido die Leitung einer „Exil-Abteilung“ seines Verlages an und damit begann eine (nicht finanzielle, wirtschaftliche, aber kulturelle) Erfolgsgeschichte1. Landshoff holte seine Autoren nach und bei Querido wurden Werke wie Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie, Eine Jugend in Deutschland von Ernst Toller, Der Haß von Heinrich Mann oder Erziehung vor Verdun von Arnold Zweig verlegt. Die Liste der Autoren reicht von Döblin über diverse Manns, Irmgard Keun und Joseph Roth bis Albert Einstein. Erstmals erschienen Klaus Manns Mephisto bei Querido, genauso wie eine erste Version des Felix Krull des Vaters oder der Henri Quartre des Onkels, Klaus betrieb unter dem Dach von Querido zusammen mit Landshoff das hochambitionierte Projekt Die Sammlung.

Am 1.8.33 emigrierte Landshoff nach Amsterdam, wo er eine leitende Stellung bei dem Querido-Verlag übernahm. Dieser Verlag ist das Sprachrohr emigrierter und grösstenteils ausgebürgerter Schriftsteller, wie z.B. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Albert Einstein u.a. Auch hier hat Landshoff dafür gesorgt, dass der Querido-Verlag die gleiche üble Rolle spielt wie der frühere Kiepenheuer-Verlag. Dieser Verlag beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Herausgabe von Literatur, die teils ausgesprochen deutschfeindlich ist und andernteils weltanschaulich zersetzend wirkt.

Aus dem Briefwechsel der Gestapo mit dem Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren

In ihrem beim Berenberg Verlag erschienen Buch Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur begibt sich Bettina Baltschev auf die Reise durch Amsterdam und vollzieht die Stationen Landshoffs und der Exilliteratur nach. Auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, ist diese Dokumentation vor allem eine Respektsbekundung für Fritz Landshoff, die aber nicht ohne die bedeutenden Leistungen von Emanuel Querido oder die „Konkurrenz“ des Allert de Lange Verlags, die Werke und Persönlichkeiten der Autoren erzählt werden kann.

Anders als George Prochnik in seinem Stefan Zweig Buch gelingt Bettina Baltschev das Einfügen der eigenen Person in den Text, der persönliche Einschlag ist unaufdringlich, die Spaziergänge und Begegnungen dienen erkennbar dem Fortgang des Buches – mehr noch machen diese Beschreibungen Lust ihre Wege und damit die Wege eines dunklen Kapitels in der deutschen Literatur nachzugehen und den vielen Menschen zu begegnen, die gegen dieses Dunkel ankämpften.

Solange es noch einen Mensch gibt, der deutsch liest, werde ich weiterverlegen, und wenn der gestorben ist, werde ich es erst recht tun.

Fritz Landshoff in einem Brief an Vicki Baum

 

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Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

Weiterlesen Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

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Warum liest Du keine Gedichte?

„Zum einen gibt es eine lebendige Lyrik-Schreibszene, viele Töne, sehr gute deutschsprachige Lyrik aus vielen verschiedenen Quellen, von ganz unterschiedlichen Altersgruppen, die sich aneinander reiben. Auch der  Zustrom zu Festival-Lesungen ist bekanntlich immer noch gut, und natürlich trägt das Internet noch einmal ganz anderes zur Möglichkeit bei, Lyrik überhaupt wahrzunehmen und zu rezipieren. Doch im Buchwesen sieht es traurig aus: Die tatsächlichen Buchverkäufe halten in keiner Weise mit, Lyrik wird in den großen Verlagsprogrammen zunehmend marginalisiert, sie wird manchmal nur noch mitverlegt, weil ein Autor andere Genres bedient, sie wandert ab, und das Geld wandert ab aus diesem Beruf“, sagt Ulrike Draesner im Gespräch mit Volltext und hat damit natürlich recht.

Wird so wenig Lyrik gelesen, weil zu wenig Lyrik besprochen wird oder wird so wenig Lyrik besprochen, weil so wenige potentielle Leser zu erreichen sind?

Gibt es zu auch Du liest selten Gedichte – aber warum? [Mehrfachnennung möglich.]
Fehlt eine Antwort, schreibe sie gerne in die Kommentare.

Warum liest Du keine Lyrik?

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William Shakespeare – 19 verschiedene Übersetzungen von Sonnet 66/Sonett 66

Das englische Original von William Shakespeare (1564-1616)

Tir’d with all these, for restful death I cry,
As, to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimm’d in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,

And guilded honour shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,

And art made tongue-tied by authority,
And folly (doctor-like) controlling skill,
And simple truth miscall’d simplicity,
And captive good attending captain ill:

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

In Übersetzungen von Otto Leonhard Heubner (1843-1893)

Hab’s herzlich satt – o, könnt’ im Grab’ ich ruhn! –
Zu sehn: zum Bettler das Verdienst geboren,
Armsel’ge Nichtigkeiten wichtig tun,
Die reinste Treue unheilvoll verschworen,

Ehr’ übergoldet und in Schimpf verkehrt,
Durch rohe Lust die Unschuld hingerichtet,
Den rechten Weg entwürdigt und entehrt,
Die edle Kraft durch Übermacht vernichtet,

Die Musen zungenlahm durchs Recht der Macht,
Torheit doktorlich Weisheit kontrollierend,
Aufrichtigkeit als Einfalt ausgelacht,
Gefangnen Gut dem Hauptmann Bös hofierend –

Hab’s herzlich satt, möcht’ hingegangen sein,
Ließ’, enn ich geh’, ich nicht mein Lieb allein.

In Übersetzungen von Hermann Freiherr von Friesen (1831-1910)

Nach Todesruhe schrei’ ich, davon satt,
Verdienst zu sehn, am Bettelstab geboren,
Und dürft’ges Nichts in schmuckem Flitterstaat,
Und reinste Treu’ unselig falsch verschworen,

Und Gold und Ehr’ an Schand und Schmach verliehen,
Und jungfräuliche Tugend roh geschändet,
Und wahre Hoheit ungerecht verschrieen,
Und Kraft an lahmes Herrschertum verschwendet,

Und das Ansehn, das der Kunst die Zunge band,
Und Toren für der Weisen Lehre sorgend,
Und schlichte Treue blöder Sinn genannt,
Und Gut in Haft, dem Hauptmann Schlecht gehorchend.

Des müde, möcht ich längst verschieden sein.
Ließ ich nicht sterbend meine Lieb’ allein. Weiterlesen William Shakespeare – 19 verschiedene Übersetzungen von Sonnet 66/Sonett 66

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder „Muss ich den lesen?“ oder „Sollte ich wohl auch mal lesen“.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Kate Tempest, Kurt Drawert, E.E. Cummings und Ann Cotten

Das Rezensieren von Gedichtbänden fällt nicht immer leicht. Doch zu diesen vier in letzter Zeit gelesenen, Neuerscheinungen und einem Klassiker, sollen einige Worte des Lobes und der Kritik verloren werden.

Verbannt! – Ann Cotten – Versepos

ann cotten verbannt versepos suhrkampAnn Cotten ist ein sehr verschlossener Mensch, in Interviews durchaus sperrig, mit verschränkten Armen, gib sie gelangweilte Antworten. Diese rätselhafte Frau hat ein Versepos geschrieben, das als genaues Gegenteil daherkommt.

Eine in Ungnade gefallene Fernsehmoderatorin wird auf eine einsame Insel verbannt, ausgerüstet nur mit einem Messer, einem Schleifstein und Meyers Konversationslexikon von 1910. Auf dieser Insel wohnen bereits 25 Matrosen in einer merkwürdigen Gesellschaftsform, einer Schraubenreligion anhängend und ständig Druckerzeugnisse produzierend. Im Interview mit der Welt sagte Paul Jandl man könne in Verbannt „ganz trivialen Spuren folgen oder die Sache sehr hoch hängen“ und das trifft den Kern dieses wunderbaren Epos. Cotten ist zwar eine unterhaltsame, ja lustige Erzählerin, doch die zwischen Uto- und Dystopie schwankende Geschichte enthält viel Zündstoff: wie funktioniert eine Gesellschaft, welchen Stellenwert hat Religion oder das Internet und natürlich die ewige Frage nach dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Gekrönt wird dieses Epos in Pseudo-Spenserstophen durch die Illustrationen der Autorin.

Dem allen zuliebe wird der folgende Sang recht lang,
Und wie es sich für einen Stripteaser gehört,
zieh ich mir für den Anfang recht viele Klamotten an,
die meine Seele im Laufe der Handlung verlieren wird,
während sie sich auf allerlei reizende Weise drin verirrt.
Hören Sie also die entsetzliche Ballade
vom sibirischen Unglück eines ganz modernen,
delirösen, inadäquaten Herrn Maquis de Sade,
in Fraungestalt. Und man kann außerdem viel lernen.

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E.E. Cummings – Poems – Gedichte

e.e. cummings gedichteEdward Estlin Cummings war der Meinung seine Lyrik sei nicht für „mostpeople“ (EEC zieht gerne einzelne Worte zu einem zusammen) und lag damit sicher richtig. Denn viele seiner Gedichte bestehen aus typographischen Spielereien, die nicht für den Gelegenheitsleser geeignet sind, diesen möglicherweise nicht nur langweilen, sondern ärgern. Die in der C.H. Beck Reihe textura erschienene Sammlung in der Übersetzung von Eva Hesse stellt daher eine schöne Ausgabe für Starter dar, denn hier sind einige der schönsten Cummings Gedichte versammelt (humanity i love you, o sweet spontaneus oder love is more thicker than forget) und doch Raum für einige wenige seiner „Form“-Gedichte. Eva Hesse schreibt im Nachwort

Obwohl sich viele von Cummings‘ Gedichten infolge von derlei formalistischen Tricks in einer gewissen leeren Eleganz verlieren, finden wir andererseits bei ihm eine respektable Anzahl immergrüner Gedichte, die das Schaffen der mesiten seiner literarischen Zeitgenossen in Amerika und England in den Schatten stellen. Diese Gedichte gehören fraglich zu den besten lyrischen Texten des Jahrhunderts – Yeats, Eliot und Pound nicht ausgenommen.

und liegt damit richtig, mit ihrer etwas angestaubten Übersetzung, dagegen nicht immer.

Kate Tempest – Hold Your Own – Gedichte

kate tempest hold your own suhrkampOh, was ist Kate Tempest ein Star! Eine Rapperin, eine Poetry Slammerin, eine Lyrikerin, nein nun sogar eine Romanschriftstellerin. Die Übergänge sind freilich fließend, aber das merkt man im Feuilleton nicht, denn Rapper dichten sonst nur über Verbrechen und das sehr plump. Nun schlägt aber ein „literarischer Meteorit“ ein (Wiebke Porombka in der Zeit) und alle sind vezückt. Und dies natürlich nicht zu Unrecht, denn Kate Tempest ist eine kluge junge Frau, die bereits zu Beginn, und immer wieder im Verlauf des Bandes das Thema aufnehmend, die Sage des blinden Sehers Teiresias, dem Bildungsbürger von Homer, Aischylos, Sophokles, Euripdes und Bodo Wartke bekannt, in eine moderne Fassung bringt. Aber nicht nur diese Referenz, sondern auch Gedichte wie These things I know, Fine, thanks oder Ballad of a hero (unten als War Music) lassen eine bereits reife Dichterin erkennen. Auch wenn letzteres in seiner Tendenz zum ex-soldatischen Anti-Kriegs-Kitsch mehr an Rise against als an Antigone erinnern.

Leider auch für diese Ausgabe gilt, dass die Übersetzung mit der Vorlage nicht ganz Schritt halten kann – dem Leser in einer zweisprachigen Ausgabe immer wieder vor Augen gehalten.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go
unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and
ache in your guts. Let them make everything tighten and
shine.

Poetry trembles alone, only picked up to be taken apart.

 

Kurt Drawert – Der Körper meiner Zeit – Gedicht

kurt drawert der körper meiner zeit gedichtKurt Drawert schätze ich sehr aber mit Der Körper meiner Zeit habe ich große Probleme. Es ist ein Langgedicht in fünf Teilen, „eine fortlaufende lyrische Bewegung markierend, die die Jahreszeiten, bestimmte Orte und Themen miteinander verknüpft, das Begehren, die Liebe, das Nichts und den Tod“, sagen zumindest Verlag und Autor. Sicher ist es das auch, aber ich verstehe es nicht. Und zugegeben ermüdet es mich daher etwas. Ich finde die sprachlichen Perlen Drawerts durchaus, aber irgendwie zerwabert mir alles zu sehr, um es genießen zu können. Auch wenn mein Hausgott Fritzchen angesichts Der Körper meiner Zeit noch lobte Drawert sei es gelungen, „in makelloser Sprache, in brennenden Bildern zu bannen, was unser aller Existenz ausmacht: das Elend der Suche nach Glück,“ so greife ich doch lieber zu einem der drei Obengenannten. Meiner Hochachtung für Drawert tut dies keinen Abbruch, aber Der Körper meiner Zeit ist nicht meins.

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Ein Monat auf dem Land – J.L. Carr

J.L. Carr Ein Monat auf dem LandZwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kommt der junge Restaurator Tom Birkin in das nordenglische Dorf Oxgodby. Eine kürzlich verstorbene Einwohnerin hat der Kirche eine beträchtliche Summe hinterlassen, wenn diese veranlasst, dass ein Deckengemälde freigelegt und wiederhergestellt wird, sowie das Grab eines ihres Vorfahren gefunden wird. Für erstere Aufgabe hat man Tom Birkin engagiert, für letztere einen Herrn Moon, ebenfalls Veteran des ersten Weltkriegs.

Von der Moderne ist in Oxgodby noch wenig zu spüren. Die bäuerliche Gesellschaft ist religiös, einfach und verschlossen. Der Reverend, als Auftraggeber Birkins, macht ihm klar, dass er und seine Arbeit nur geduldet werden, weil man in den Genuss des Nachlasses kommen möchte. Der junge Kriegsversehrte, stotternd und von nervösen Zuckungen geplagt, freundet sich zu erst mit Moon an, doch nach und nach wird er auch durch die Dorfgemeinschaft akzeptiert und zusehends integriert. Das zu restauriernde Fresko stellt sich, entgegen der Erwartung aller, als meisterhafte Arbeit heraus und Birkin überlegt, ob er nicht in Oxgodby bleiben möchte, denn der Sommer, seine neuen Freunde und die Frau des Reverends lindert seine Verwundungen.

Ich dachte an mein Wandgemälde. Aber die Hölle dieser Menschen war eine andere als unsere.

Kritisch was der Markt einem als neuentdeckte Klassiker unterjubeln möchte, las ich Ein Monat auf dem Land. Doch der schmale Roman von knapp 150 Seiten ist ein bemerkenswertes Stück Literatur. Die Kriegsgeschichte Birkins wird nur durch einige wenige Details geschildert, die doch ausreichen, um die erlittenen Schrecken nachvollziehen zu können. Carr benötigt keine minutiösen Schilderungen aus dem Schützengraben, um aufzuzeigen was der junge Mann litt und leidet. Er schildert das Zweifeln des Versehrten an Glauben und Religion ohne „Tom Birkin zweifelt an Gott“ schreiben zu müssen. Carr entwürft eine sanfte Liebesgeschichte ohne geschwätzig zu sein und schafft so einen feinen Roman, eine anrührende Geschichte, die nie rührselig ist und eine Romanze, in der Rosen vorkommen, ohne dass sie verkitscht. Meisterhaft.

Ein Monat auf dem Land – J.L. Carr
ISBN 3832198350
EAN 9783832198350
144 Seiten, Juli 2016
DuMont Buchverlag
Übersetzt von Monika Köpfer

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