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54books Posts

William Shakespeare – 19 verschiedene Übersetzungen von Sonnet 66/Sonett 66

Das englische Original von William Shakespeare (1564-1616)

Tir’d with all these, for restful death I cry,
As, to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimm’d in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,

And guilded honour shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,

And art made tongue-tied by authority,
And folly (doctor-like) controlling skill,
And simple truth miscall’d simplicity,
And captive good attending captain ill:

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

In Übersetzungen von Otto Leonhard Heubner (1843-1893)

Hab’s herzlich satt – o, könnt’ im Grab’ ich ruhn! –
Zu sehn: zum Bettler das Verdienst geboren,
Armsel’ge Nichtigkeiten wichtig tun,
Die reinste Treue unheilvoll verschworen,

Ehr’ übergoldet und in Schimpf verkehrt,
Durch rohe Lust die Unschuld hingerichtet,
Den rechten Weg entwürdigt und entehrt,
Die edle Kraft durch Übermacht vernichtet,

Die Musen zungenlahm durchs Recht der Macht,
Torheit doktorlich Weisheit kontrollierend,
Aufrichtigkeit als Einfalt ausgelacht,
Gefangnen Gut dem Hauptmann Bös hofierend –

Hab’s herzlich satt, möcht’ hingegangen sein,
Ließ’, enn ich geh’, ich nicht mein Lieb allein.

In Übersetzungen von Hermann Freiherr von Friesen (1831-1910)

Nach Todesruhe schrei’ ich, davon satt,
Verdienst zu sehn, am Bettelstab geboren,
Und dürft’ges Nichts in schmuckem Flitterstaat,
Und reinste Treu’ unselig falsch verschworen,

Und Gold und Ehr’ an Schand und Schmach verliehen,
Und jungfräuliche Tugend roh geschändet,
Und wahre Hoheit ungerecht verschrieen,
Und Kraft an lahmes Herrschertum verschwendet,

Und das Ansehn, das der Kunst die Zunge band,
Und Toren für der Weisen Lehre sorgend,
Und schlichte Treue blöder Sinn genannt,
Und Gut in Haft, dem Hauptmann Schlecht gehorchend.

Des müde, möcht ich längst verschieden sein.
Ließ ich nicht sterbend meine Lieb’ allein. Continue reading William Shakespeare – 19 verschiedene Übersetzungen von Sonnet 66/Sonett 66

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder „Muss ich den lesen?“ oder „Sollte ich wohl auch mal lesen“.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Kate Tempest, Kurt Drawert, E.E. Cummings und Ann Cotten

Das Rezensieren von Gedichtbänden fällt nicht immer leicht. Doch zu diesen vier in letzter Zeit gelesenen, Neuerscheinungen und einem Klassiker, sollen einige Worte des Lobes und der Kritik verloren werden.

Verbannt! – Ann Cotten – Versepos

ann cotten verbannt versepos suhrkampAnn Cotten ist ein sehr verschlossener Mensch, in Interviews durchaus sperrig, mit verschränkten Armen, gib sie gelangweilte Antworten. Diese rätselhafte Frau hat ein Versepos geschrieben, das als genaues Gegenteil daherkommt.

Eine in Ungnade gefallene Fernsehmoderatorin wird auf eine einsame Insel verbannt, ausgerüstet nur mit einem Messer, einem Schleifstein und Meyers Konversationslexikon von 1910. Auf dieser Insel wohnen bereits 25 Matrosen in einer merkwürdigen Gesellschaftsform, einer Schraubenreligion anhängend und ständig Druckerzeugnisse produzierend. Im Interview mit der Welt sagte Paul Jandl man könne in Verbannt „ganz trivialen Spuren folgen oder die Sache sehr hoch hängen“ und das trifft den Kern dieses wunderbaren Epos. Cotten ist zwar eine unterhaltsame, ja lustige Erzählerin, doch die zwischen Uto- und Dystopie schwankende Geschichte enthält viel Zündstoff: wie funktioniert eine Gesellschaft, welchen Stellenwert hat Religion oder das Internet und natürlich die ewige Frage nach dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Gekrönt wird dieses Epos in Pseudo-Spenserstophen durch die Illustrationen der Autorin.

Dem allen zuliebe wird der folgende Sang recht lang,
Und wie es sich für einen Stripteaser gehört,
zieh ich mir für den Anfang recht viele Klamotten an,
die meine Seele im Laufe der Handlung verlieren wird,
während sie sich auf allerlei reizende Weise drin verirrt.
Hören Sie also die entsetzliche Ballade
vom sibirischen Unglück eines ganz modernen,
delirösen, inadäquaten Herrn Maquis de Sade,
in Fraungestalt. Und man kann außerdem viel lernen.

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E.E. Cummings – Poems – Gedichte

e.e. cummings gedichteEdward Estlin Cummings war der Meinung seine Lyrik sei nicht für „mostpeople“ (EEC zieht gerne einzelne Worte zu einem zusammen) und lag damit sicher richtig. Denn viele seiner Gedichte bestehen aus typographischen Spielereien, die nicht für den Gelegenheitsleser geeignet sind, diesen möglicherweise nicht nur langweilen, sondern ärgern. Die in der C.H. Beck Reihe textura erschienene Sammlung in der Übersetzung von Eva Hesse stellt daher eine schöne Ausgabe für Starter dar, denn hier sind einige der schönsten Cummings Gedichte versammelt (humanity i love you, o sweet spontaneus oder love is more thicker than forget) und doch Raum für einige wenige seiner „Form“-Gedichte. Eva Hesse schreibt im Nachwort

Obwohl sich viele von Cummings‘ Gedichten infolge von derlei formalistischen Tricks in einer gewissen leeren Eleganz verlieren, finden wir andererseits bei ihm eine respektable Anzahl immergrüner Gedichte, die das Schaffen der mesiten seiner literarischen Zeitgenossen in Amerika und England in den Schatten stellen. Diese Gedichte gehören fraglich zu den besten lyrischen Texten des Jahrhunderts – Yeats, Eliot und Pound nicht ausgenommen.

und liegt damit richtig, mit ihrer etwas angestaubten Übersetzung, dagegen nicht immer.

Kate Tempest – Hold Your Own – Gedichte

kate tempest hold your own suhrkampOh, was ist Kate Tempest ein Star! Eine Rapperin, eine Poetry Slammerin, eine Lyrikerin, nein nun sogar eine Romanschriftstellerin. Die Übergänge sind freilich fließend, aber das merkt man im Feuilleton nicht, denn Rapper dichten sonst nur über Verbrechen und das sehr plump. Nun schlägt aber ein „literarischer Meteorit“ ein (Wiebke Porombka in der Zeit) und alle sind vezückt. Und dies natürlich nicht zu Unrecht, denn Kate Tempest ist eine kluge junge Frau, die bereits zu Beginn, und immer wieder im Verlauf des Bandes das Thema aufnehmend, die Sage des blinden Sehers Teiresias, dem Bildungsbürger von Homer, Aischylos, Sophokles, Euripdes und Bodo Wartke bekannt, in eine moderne Fassung bringt. Aber nicht nur diese Referenz, sondern auch Gedichte wie These things I know, Fine, thanks oder Ballad of a hero (unten als War Music) lassen eine bereits reife Dichterin erkennen. Auch wenn letzteres in seiner Tendenz zum ex-soldatischen Anti-Kriegs-Kitsch mehr an Rise against als an Antigone erinnern.

Leider auch für diese Ausgabe gilt, dass die Übersetzung mit der Vorlage nicht ganz Schritt halten kann – dem Leser in einer zweisprachigen Ausgabe immer wieder vor Augen gehalten.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go
unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and
ache in your guts. Let them make everything tighten and
shine.

Poetry trembles alone, only picked up to be taken apart.

 

Kurt Drawert – Der Körper meiner Zeit – Gedicht

kurt drawert der körper meiner zeit gedichtKurt Drawert schätze ich sehr aber mit Der Körper meiner Zeit habe ich große Probleme. Es ist ein Langgedicht in fünf Teilen, „eine fortlaufende lyrische Bewegung markierend, die die Jahreszeiten, bestimmte Orte und Themen miteinander verknüpft, das Begehren, die Liebe, das Nichts und den Tod“, sagen zumindest Verlag und Autor. Sicher ist es das auch, aber ich verstehe es nicht. Und zugegeben ermüdet es mich daher etwas. Ich finde die sprachlichen Perlen Drawerts durchaus, aber irgendwie zerwabert mir alles zu sehr, um es genießen zu können. Auch wenn mein Hausgott Fritzchen angesichts Der Körper meiner Zeit noch lobte Drawert sei es gelungen, „in makelloser Sprache, in brennenden Bildern zu bannen, was unser aller Existenz ausmacht: das Elend der Suche nach Glück,“ so greife ich doch lieber zu einem der drei Obengenannten. Meiner Hochachtung für Drawert tut dies keinen Abbruch, aber Der Körper meiner Zeit ist nicht meins.

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Ein Monat auf dem Land – J.L. Carr

J.L. Carr Ein Monat auf dem LandZwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kommt der junge Restaurator Tom Birkin in das nordenglische Dorf Oxgodby. Eine kürzlich verstorbene Einwohnerin hat der Kirche eine beträchtliche Summe hinterlassen, wenn diese veranlasst, dass ein Deckengemälde freigelegt und wiederhergestellt wird, sowie das Grab eines ihres Vorfahren gefunden wird. Für erstere Aufgabe hat man Tom Birkin engagiert, für letztere einen Herrn Moon, ebenfalls Veteran des ersten Weltkriegs.

Von der Moderne ist in Oxgodby noch wenig zu spüren. Die bäuerliche Gesellschaft ist religiös, einfach und verschlossen. Der Reverend, als Auftraggeber Birkins, macht ihm klar, dass er und seine Arbeit nur geduldet werden, weil man in den Genuss des Nachlasses kommen möchte. Der junge Kriegsversehrte, stotternd und von nervösen Zuckungen geplagt, freundet sich zu erst mit Moon an, doch nach und nach wird er auch durch die Dorfgemeinschaft akzeptiert und zusehends integriert. Das zu restauriernde Fresko stellt sich, entgegen der Erwartung aller, als meisterhafte Arbeit heraus und Birkin überlegt, ob er nicht in Oxgodby bleiben möchte, denn der Sommer, seine neuen Freunde und die Frau des Reverends lindert seine Verwundungen.

Ich dachte an mein Wandgemälde. Aber die Hölle dieser Menschen war eine andere als unsere.

Kritisch was der Markt einem als neuentdeckte Klassiker unterjubeln möchte, las ich Ein Monat auf dem Land. Doch der schmale Roman von knapp 150 Seiten ist ein bemerkenswertes Stück Literatur. Die Kriegsgeschichte Birkins wird nur durch einige wenige Details geschildert, die doch ausreichen, um die erlittenen Schrecken nachvollziehen zu können. Carr benötigt keine minutiösen Schilderungen aus dem Schützengraben, um aufzuzeigen was der junge Mann litt und leidet. Er schildert das Zweifeln des Versehrten an Glauben und Religion ohne „Tom Birkin zweifelt an Gott“ schreiben zu müssen. Carr entwürft eine sanfte Liebesgeschichte ohne geschwätzig zu sein und schafft so einen feinen Roman, eine anrührende Geschichte, die nie rührselig ist und eine Romanze, in der Rosen vorkommen, ohne dass sie verkitscht. Meisterhaft.

Ein Monat auf dem Land – J.L. Carr
ISBN 3832198350
EAN 9783832198350
144 Seiten, Juli 2016
DuMont Buchverlag
Übersetzt von Monika Köpfer

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Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes – Sarah Bakewell

Mit freundlicher Unterstützung des C.H. Beck Verlages verlost 54books je eins von fünf Exemplaren von Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten von Sarah Bakewell. Zum Gewinnspiel muss man diesen Beitrag lediglich kommentieren. Die Teilnahmebedingungen findet ihr am Ende des Artikels.

Von meiner Bibliothek aus überschaue ich mein ganzes Hauswesen mit einem Blick. Sie liegt über dem Eingangstor, und ich sehe unter mir meinen Garten, meine Stallungen, meinen Innenhof und die meisten Teile meines Anwesens. […] Die Bibliothek liegt im zweiten Stockwerk eines Turms. Das Erdgeschoß wird von meiner Kapelle eingenommen, das erste Stockwerk besteht aus einem Schlafgemach mit Nebenraum, wo ich mich oft hinlege, um allein zu sein; und darüber befindet sich die Bibliothek, die früher als große Kleider- und Wäschekammer diente und der unnützeste Raum meines Hauses war. Hier verbringe ich die meisten Tage meines Lebens und die meisten Stunde der Tage.

Unweit von Bordeaux – 65 km mit dem Auto – befindet sich in einem winzigen Dorf im Perigord (–> siehe auch Bruno Krimis) ein Hogwarts-artiges Schloss. Umgeben von Weinbergen und einem Park liegt das Château de Montaigne. Wer hierher fährt muss sich für Kulissen erwärmen können, denn das eigentlich Schloss aus dem 14. Jahrhundert ist schon lange nicht mehr. Es wurde stetig umgebaut und nach einem Brand 1885 nur teilweise wieder aufgebaut. Einzig historisch sind zwei Wehrtürme. In einem lebte Michel Eyquem de Montaigne. Seine Nachfahren bewohnten das Schloss bis 1811 und nutzten den Turm als Kartoffellager, Hundezwinger und Hühnerstall. Inzwischen ist er so gut als möglich wieder in den Zustand gebracht worden, in dem er sich befand als Montaigne hier seine berühmten Essais verfasste.

Mit auf meine Reise dorthin nahm ich neben der Neuübersetzung der Essais von Hans Stilett, die es in zwei Ausgaben bei Die Andere Bibliothek erschienen ist (als Prachtband Essais: Erste moderne Gesamtübersetzung und handliche Reiseausgabe: Von der Kunst, das Leben zu lieben) das Buch Sarah Bakewells über Montaigne. Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten ist eine völlig andere Art sich Leben und Werk eines Philosophen zu nähern. Die zwanzig Fragen sind der Aufhänger auf 350 Seiten, zum Teil völlig unchronologisch, durch Montaignes Leben zu reisen. Die Antworten wie Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff! oder Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft! zeichnen das Bild eines 500 Jahre alten Philosophen, dessen Fragen, Antworten und Lösungen sich auch in unsere Zeit bestens transformieren lassen. Nebenbei gelingt es Bakewell die Zeit Montaignes, Frankreich zerrissen von Religionskriegen, plastisch zu schildern und trotzdem äußerst unterhaltsam zu erzählen. Hilfreich ist dafür natürlich, dass Montaigne selbst ein äußerst unterhaltsamer, geistreicher Schriftsteller war, ein Philosoph, wie es selten ähnliche gab und geben wird.

Teilnahmebedingungen

Das Gewinnspiel endet am 21. August 2016 um 18:00 Uhr. Zu gewinnen gibt es jeweils einmal Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten von Sarah Bakewell. Unter allen bis zum Ende des Gewinnspiels abgegebenen Kommentaren wird das Los entscheiden. Die Gewinner werden per Email benachrichtigt und ihnen der Gewinn kostenfrei zugesandt. Die Namen der Gewinner werden nicht veröffentlicht. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von 54books. Eure Daten werden nur für den Versand an den C.H. Beck Verlag, München übermittelt, sie werden nicht gewerblich oder zu Werbezwecken genutzt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Die Buchpreisbindung bei Online-Verkäufen und -Auktionen

Es gibt nicht wenige Journalisten und inzwischen auch Blogger, die derart viele Bücher, ob bestellt oder unverlangt, zugeschickt bekommen, dass die Verlockung groß wird, diese zu Geld zu machen. Ähnlich dachte auch ein Journalist, der neue Bücher, die er als Rezensionsexemplare erhalten hatte, bei Ebay versteigerte. Er wurde abgemahnt und der Fall ging bis zum OLG Frankfurt, welches dem Abmahnenden Recht gab, denn die Versteigerung neuer Bücher zu einem unter dem Neupreis liegenden Preis verstößt gegen die Buchpreisbindung. Das Urteil vom 15. Juni 2004 – 11 U 18/2004 (Kart) im Schnelldurchlauf:

Der Beklagte versteigerte im Jahr 2003 in einem Online-Auktionshaus u.a. 48 Bücher, die erst 2003 erschienen waren. Dabei bewarb er die Mehrzahl der zur Versteigerung angebotenen Bücher in den dazugehörigen Artikelbeschreibungen mit Attributen wie „völlig neu“ oder „neu“ oder „originalverpackt“ oder „ungelesen“.

Bei Beginn der jeweiligen Auktion legte er regelmäßig den Betrag von 1 € als Startpreis fest. Die angebotenen Bücher erzielten in den allermeisten Fällen einen Preis unterhalb des angegebenen und festgesetzten Ladenpreises. Der Beklagte gab an, dass er lediglich Bücher aus seinem Privatbesitz, d.h. „gelesene, gebrauchte, neuwertige und seit Jahren ungelesen im Regal stehende Bücher, aber auch tatsächlich einige sehr neue Publikationen“ verkauft habe. Die entsprechenden Bücher seien nämlich „ungelesen und so wie ich sie erworben oder geschenkt bekommen habe, weitergegeben worden“.

§ 3 Buchpreisbindungsgesetz

Wer gewerbs- oder geschäftsmäßig Bücher an Letztabnehmer verkauft, muss den nach § 5 festgesetzten Preis einhalten. Dies gilt nicht für den Verkauf gebrauchter Bücher.

Das LG Frankfurt sowie das OLG Frankfurt stützt seine Entscheidung dabei im Wesentlichen auf folgende Punkte:

I. … Verkauf gebrauchter Bücher.

Es handelte sich bei den versteigerten Büchern nicht um „gebrauchte Bücher“ im Sinne von § 3 Satz 2 BuchprG, die einer Preisbindung nicht unterliegen. Sämtliche Bücher waren nach der Produktbeschreibung des Verfügungsbeklagten zu Beginn der jeweiligen Auktion „ungelesen“, „neu“ oder „völlig neu“ und befanden sich in einem „Topzustand“. Zum großen Teil war ausdrücklich die Bemerkung „originalverpackt“, in einigen Fällen auch „gerade erschienen“ hinzugefügt. Bücher, die durch diese Attribute gekennzeichnet sind, können schon begrifflich, aber auch nach dem allgemeinen Sprachgebrauch keine „gebrauchten“ Bücher sein.

II. … gewerbs- oder geschäftsmäßig …

Der Preisbindung unterliegen nicht nur gewerbsmäßig handelnde Buchverkäufer. Ausreichend ist nach dem Normtext schon ein „geschäftsmäßiges“ Handeln. Geschäftsmäßig handelt derjenige, der – auch ohne Gewinnerzielungsabsicht – die Wiederholung gleichartiger Tätigkeiten zum wiederkehrenden Bestandteil seiner Beschäftigung macht.

Für die Annahme eines geschäftsmäßigen Handelns kommt es danach nicht auf die erzielten Gewinne und auch nicht darauf an, ob der Beklagte nur „nebenbei“ Bücher versteigert. Rechtlich ohne Bedeutung ist ebenso, ob sich die Anzahl der Versteigerungen im Hinblick auf den Umfang der Arbeitsbibliothek des Verfügungsbeklagten von „gegenwärtig immer noch ca. 9.000 Büchern relativiert“. Schon die Versteigerung von mehr als 40 Bücher in einem Zeitraum von nur 6 Wochen ist im privaten Verkehr zumindest unüblich. Allein dieser Umstand rechtfertigt die Feststellung eines geschäftsmäßigen Handelns, weil der Beklagte das Angebot verlagsneuer Bücher im Internet unterhalb des gebundenen Preises gleichförmig und fortgesetzt zum wiederkehrenden Bestandteil seiner Beschäftigung gemacht hat.

III. … Letztabnehmer …

Der Beklagte hat in den streitgegenständlichen Fällen die preisgebundenen Bücher an „Letztabnehmer“ verkauft; er ist nicht selbst „Letztabnehmer“.

Letztabnehmer kann schon nach dem Wortsinn, aber auch nach dem Zweck der Preisbindung nur der Nutzer bzw. Endkunde sein, der das Buch zu eigenen Gebrauchszwecken oder zur unentgeltlichen Weitergabe erwirbt, dagegen nie der Händler, es sei denn dieser erwirbt zu privaten, nicht geschäftlichen Zwecken. Letztabnehmer ist also derjenige in der Vertriebskette, der als Letzter für das verlagsneue Buch Geld bezahlt hat.

IV. Bonus: Gerichtsprosa und -begründung für Profis

Allerdings legt der Wortlaut der Legaldefinition eine Rechtsverteidigung mit dem Einwand nahe, im Zeitpunkt des Erwerbs der Verlagserzeugnisse bzw. des Eigentumsübergangs habe der Wiederverkäufer noch nicht die Absicht gehabt, das Buch an Dritte weiter zu veräußern. Da eine solche Behauptung nicht ohne weiteres widerleglich ist, hätte dies in der Regel zur Folge, dass der Wiederverkäufer als „Letztabnehmer“ anzusehen und damit die Preisbindung erloschen wäre. Damit wäre indes der Verlust einer lückenlosen Preisbindung verbunden, weil bei einem Abstellen auf die subjektive Nutzungsabsicht des Erwerbers im Zeitpunkt seines Bucherwerbs, also auf eine „innere Tatsache“, eine praktikable Kontrolle nicht mehr möglich wäre, ob das preisgebundene Buch zum Eigenbedarf oder zum Weiterverkauf erworben wurde. Das wiederum stünde im Widerspruch zu dem Normzweck, der auch und vor allem darin besteht, einen leistungsfähigen Markt für Verlagserzeugnisse zu gewährleisten. Von daher liegt eine „verobjektivierende“ Bestimmung des Letztabnehmers nahe, die den Begriff negativ abgrenzt. Danach kann derjenige, der selbst gewerblich oder geschäftsmäßig Bücher veräußert, der Preisbindung nur dann nicht unterfallen, wenn einer der – vorliegend nicht einschlägigen – Ausnahmetatbestände des § 7 BuchpreisbindungsG eingreift oder die Preisbindung aufgehoben ist („modernes Antiquariat“) oder es sich um gebrauchte Bücher handelt. Ein Verkauf nicht gebrauchter Bücher durch Letztabnehmer würde danach begrifflich ausscheiden.

Gegen diese Auffassung spricht allerdings, dass der Gesetzgeber ausweislich der amtlichen Begründung zu § 2 Abs. 3 BuchpreisbindungsG keine mehrstufige Preisbindung im Büchermarkt angestrebt hat. Auch in dem letzten Absatz der amtlichen Begründung zu § 3 BuchpreisbindungsG wird klargestellt, dass sich die Pflicht zur Einhaltung des gebundenen Endpreises „wie nach bisher geltendem Recht nur auf den ersten Verkauf von Büchern an Letztabnehmer“ bezieht. Daran lässt sich in gedanklicher Anlehnung an den auch auf nationaler Ebene im Urheberrecht geltenden Erschöpfungsgrundsatz auch für den Bereich der Buchpreisbindung die Auffassung vertreten, dass dem Zweck der gesetzlichen Regelung, nämlich einen leistungsfähigen Markt für Verlagserzeugnisse in Deutschland zu erhalten, jedenfalls dann ausreichend Genüge getan ist, wenn der Buchhandel einmal am preisgebundenen Entgelt der ersten Veräußerung partizipiert hat.

Auch unter Zugrundelegung dieser Auffassung, die den Schutz der Preisbindung enger gestaltet, ergibt sich bei der rechtlichen Bewertung der vorliegend zur Entscheidung stehenden Fallgestaltung kein anderes Ergebnis. Der Beklagte hat nämlich sämtliche Bücher von Verlagen zu Rezensionszwecken erhalten; das bedeutet aber, dass keines der streitgegenständlichen Bücher im Rahmen eines ersten Verkaufs an ihn oder zuvor an einen Dritten gelangt ist. Der Beklagte wäre mithin auch nach dieser Auffassung nicht „Letztabnehmer“ im Sinne von § 2 Abs. 3 BuchpreisbindungsG, weil die von ihm versteigerten Bücher nicht zuvor wenigstens einmal entgeltlich erworben wurden. Da dem Verfügungskläger danach der erstinstanzlich zugebilligte Unterlassungsanspruch nach § 9 BuchpreisbindungsG in jedem Fall zusteht, muss der Senat im Rahmen dieses auf vorläufigen Rechtsschutz ausgerichteten einstweiligen Verfügungsverfahrens nicht endgültig entscheiden, welche Rechtsauffassung er sich zu Eigen machen will.

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Walter Benjamin: Der gute Schriftsteller

Der gute Schriftsteller sagt nicht mehr, als er denkt. Und darauf kommt viel an. Das Sagen ist nämlich nicht nur der Ausdruck, sondern die Realisierung des Denkens. So ist das Gehen nicht nur der Ausdruck des Wunsches, ein Ziel zu erreichen, sondern seine Realisierung. Von welcher Art aber die Realisierung ist: ob sie dem Ziel präzis gerecht wird oder sich geil und unscharf an den Wunsch verliert – das hängt vom Training dessen ab, der unterwegs ist. Je mehr er sich in Zucht hat und die überflüssigen, ausfahrenden und schlenkernden Bewegungen vermeidet, desto mehr tut jede Körperhaltung sich selbst genug, und desto sachgemäßer ist ihr Einsatz. Dem schlechten Schriftsteller fällt vieles ein, worin er sich so auslebt wie der schlechte und ungeschulte Läufer in den schlaffen und schwungvollen Bewegungen der Glieder. Doch eben darum kann er niemals nüchtern das sagen, was er denkt. Es ist die Gabe des guten Schriftstellers, das Schauspiel, das ein geistvoll durchtrainierter Körper bietet, mit seinem Stil dem Denken zu gewähren. Er sagt nie mehr, als er gedacht hat. So kommt sein Schreiben nicht ihm selber, sondern allein dem, was er sagen will, zugute.

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Ein Schwein schlachten mit Krimiautorin Simone Buchholz

Das deutsche Feuilleton ist träge geworden, geht nicht mehr dorthin wo es weh tut. Um das Vakuum an extraordinären Reportagen zu füllen, treffe ich mich mit Simone Buchholz in unserer hessischen Heimat. Die Autorin und Kolumnistin lebt zwar eigentlich in Hamburg, doch für unser Vorhaben brauchen wir den Schutz hügeliger Rhönausläufer. Wir wollen ein Schwein schlachten.

Nur wenige Betriebe in Deutschland verarbeiten ihre Wurst noch warm1. Die Hygienestandards sind hoch. Die beste Möglichkeit, solche Vorschriften zu umgehen, bietet immer noch eine Hausschlachtung. Daher haben wir im Frühjahr in Wippershain bei Bad Hersfeld für 25 Euro das Dorfgemeinschaftshaus angemietet. Hier bietet man neben einem Partykeller und einem „Festsaal“ auch einen Schlachtraum; ebenfalls integriert ist das Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr. Etwas unsicher in Bezug auf Beschaffung und Tötung eines Schweins haben wir uns Hilfe aus dem ebenfalls im Kreis Hersfeld-Rotenburg gelegenen Dorf Heenes geholt. Peter Sorga ist gelernter Metzger, war für Kali und Salz unter Tage und hat im Laufe seines Lebens an die tausend Hausschlachtungen betreut. Wir treffen uns auf seinem Hof in Heenes. Hier hält er noch zwei Schweine, eines für sich und seine Familie, ein weiteres, das er uns verkauft hat. Beide Sauen kamen als Ferkel zu ihm und wurden über ein Jahr, also fast dreimal so lange wie in der Massentierhaltung, persönlich umsorgt. Auch an Platz mangelt es den beiden hier nicht, den Stall, früher für eine niedrige zweistellige Zahl von Paarhufern vorgesehen, bewohnen nun die beiden Wutzen allein.

Pit, so nennen Freunde und Familie Peter, empfängt uns in Gummistiefeln und langer Schürze, an seinem Gürtel baumelt so etwas wie ein Holster mit einem Messer. „Holen wir die Sau?“, fragt er die beiden verschüchterten Großstädter nach kurzer Begrüßung und wir nicken stumm. Der Schweinstall riecht naturgemäß, aber irgendwie milder als erwartet, auch sieht es dort nicht so aus. Ein riesiges Tier liegt in einer Ecke der großen Box. Simone schaut mich an und wir sind beide überrascht ob der Fülle an Tier, der Respekt vor diesem und dem vorgesehenen Prozedere steigt. „Da honners“, sagt Sorga in nordhessischem Platt. Um Zeit zu gewinnen, frage ich nach dem Namen der Sau. „Meine Kinder haben den Schweinen früher Namen gegeben, aber das macht es schwerer“, gibt er zu, während er dem Tier den mitgebrachten Strick wie eine Leine umlegt, und es mit leisen Worten zum Aufstehen animiert. Plump durchbreche ich mit neuen Fragen seine andächtige Stille und merke erst später, dass ich wichtige Momente für Bauer und Schwein dadurch zerstöre. „Was hat das so gefressen?“ – „Die Küchenabfälle und Essensreste, den Rest haben wir zugefüttert. Dafür lasse ich mir immer eine Mischung machen, mir ist das wichtig, hauptsächlich Mais und Soja, aber aus konventioneller Landwirtschaft. Nicht so moderne Sachen.“ – „Ein richtiges Bioschwein?!“ Sorga winkt ab. „Bio? Das ist doch auch so eine Mode, da tricksen sicher irgendwelche Chinesen und jubeln uns Sachen unter, die wir früher selbst besser gemacht haben.“

Unter beruhigenden Worten lotsen wir die Sau in die Mitte des Hofes. Pit drückt Simone einen Eimer und ein übergroßen Kochlöffel in die Hand, verschwindet nochmal kurz und kehrt mit seinem Schwiegersohn und einem Bolzenschussgerät zurück. Dieses muss man sich wie eine große Thermoskanne vorstellen aus deren einer Seite mittels Drucks einer Platzpatrone ein Bolzen hervorschießt. Wird das Gerät etwas oberhalb der Augenpartie mittig auf der Stirn des Schweins ausgelöst, stößt der Bolzen ins Hirn des Tieres und betäubt es. Pit und sein Schwiegersohn binden der Sau nun noch zwei weitere Stricke an die Hinterläufe und Pit weist uns ein: Sobald das Schwein betäubt ist, eröffnet er ihm die Halsschlagader, Simone soll das Blut im Eimer für die Blutwurst auffangen und rühren, sonst gerinnt es. Es ist zu erwarten, dass das Nervensystem des Schweins trotz der Betäubung verrückt spielt, daher hält sein Schwiegersohn die Hinterbeine an den Stricken. Ich soll mich auf das Schwein setzen, aber sehr weit vorne, dort wo man die Schultern vermuten würde, und versuchen es zu halten, 100 Kilogramm gegen fast 220.

Auf einmal geht alles so schnell, dass wir uns gar nicht mehr sortieren können. Peter, der gerade noch leise der Sau gut zuredet, zieht sofort nach dem Knall des Bolzenschusses sein Messer aus dem Holster und sticht dem Schwein in den Hals. Der erste Schwall dampfendes Blut ergießt sich auf Simones Stiefel bevor sie den Eimer hochreißen und in die richtige Richtung manövrieren kann. Als der Bolzen im Schädel der Sau einschlägt, grunzt diese dumpf und beginn kurz danach zu schreien. Ein hohes Kreischen hallt von den Wänden der umliegenden Gebäude wider, und unter mir versucht das Schwein im Todeskampf sich aufzubäumen. Der Schwiegersohn zerrt an den Stricken und kommt fast zu Fall, sämtliche Läufe schlagen unkontrolliert aus. Nicht stark, aber schwer, versuche ich die Kontrolle über Gewichtsverlagerung zurückzugewinnen, doch was kann Masse gegen Todeskampf ausrichten. Der Eimer in Simones Armen füllt sich erschreckend schnell, obwohl sich wegen der heftigen Zuckungen auch einzelne Blutpfützen auf den unebenen Betonsteinen sammeln. Das Ausschlagen unter mir wird weniger, die Sau langsamer, bis sie zusammenbricht.

Alle Anwesenden schweigen. An der Hauptstraße waren ein paar Passanten vorbeigelaufen, aber niemand stehen geblieben, in Heenes scheint man noch ans Schlachten gewöhnt zu sein. Ich bin es nicht. In meinen leuchtend neuen Gummistiefeln stehe ich breitbeinig über einem toten Schwein, dessen Blut sich unter meiner Schuhsohle sammelt. Es will sich kein Gefühl archaischer Männlichkeit einstellen, kein Triumph. Vielmehr schwanke ich unsicher zwischen Übelkeit und Sprachlosigkeit, während die anderen Herren bereits den Hänger aus dem Schuppen rollen. Das Schwein muss ausbluten, damit wir es verarbeiten können, und das soll möglichst bald sein. Wieder bleibt keine Zeit zur Vorbereitung oder Besinnung, wir wuchten und ziehen, ich weiß nicht wie, das Vieh auf den Hänger. Pit, in emsiger Geschäftigkeit, verschließt den Eimer mit dem Schweineblut mit einem Deckel, stellt ihn neben das Tier auf den Hänger, besteigt sein Auto und zuckelt los. Seine Tochter verabschiedet uns, und beginnt mit Wasser aus einem Gartenschlauch das Blut von den Betonplatten in den Gulli zu spülen.

Autorin und Blogger sind sprachlos. Wir schauen uns an und steigen ins Auto, starren zwei Minuten schweigend aus dem Fenster. Als ich den Motor anlasse, holt Simone Luft um etwas zu sagen, verschluckt es aber wieder. Wir sprechen erst wieder, als wir in Wippershain das Dorfgemeinschaftshaus nicht finden.

schwein schlachten simone buchholz 54books
Peter Sorga (links) sticht die Wutz, Simone Buchholz (rechts) fängt das Blut auf. Aus Gründen der Pietät, und weil wir Angst hatten, wurden keine Bilder vom Tötungsvorgang angefertigt.

Als wir durch die Toreinfahrt auf den Hof rollen, koppelt Pit bereits den Hänger ab und schiebt ihn in eine Parklücke. Der kleine, drahtige Mann ist für sein Rentenalter äußerst fit. Ein paar Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr haben ihm geholfen das Schwein vom Hänger in den Schlachtraum zu hieven. Mit heißem Wasser hat er die Haut des Tieres überbrüht und mit Glocken gegen den Strich die Borsten abgeschabt. An den Hinterläufen neben den Achillessehnen hat er eingeschnitten und zwei Haken eingehängt. Wir betreten gemeinsam den hohen, feuchten Raum, der bis unter die Decke gefliest ist. Peter betätigt die Winde an der Wand. Die Stahlseile an den Läufen der Sau straffen sich und schleifen den Körper ein Stück über den Boden bis er sich langsam anhebt. Ich frage, ob ich helfen kann, doch Pit winkt ab. Nach kurzer Zeit hängt kopfüber ein knapp zweieinhalb Meter langer Kadaver von der Decke. Nur der Kopf fehlt bereits. Dank des Verfahrens auf dem Weg zum Schlachthaus mussten wir nicht mit ansehen wie das erledigt wurde. Peter, sonst offenbar nicht sehr zimperlich, hat wohl aus Rücksicht auf uns nicht gewartet. Andererseits ist jeder Ablauf bei ihm automatisiert, wahrscheinlich kam er gar nicht auf die Idee, für dieses „Highlight“ auf uns zu warten, er ist einfach bei der Arbeit. Der Kopf ist nirgends zu sehen, was macht man wohl damit? Aus dem Hals der Sau tropft noch etwas Blut in den Ausguss in der Mitte des Raumes, über dem sie hängt.

„Wir brauchen einen von den Tischen“, weist Pit uns an. Was er Tische nennt sind eigentlich aufgebockte übergroße Schneidbretter. Simone und ich heben die Platte an, während Peter die Böcke vor die Bauchseite der Sau stellt und wir das sicher drei Meter lange Plastikbrett darauf legen. Die Routine, mit der Pit die meisten seiner Handgriffe ausführt, gepaart mit unserer Rolle als Handlanger und Zuschauer führt zur nächsten Überraschung. Ohne Ankündigung stellt er sich auf die Zehenspitzen, greift wieder in sein Holster und öffnet dem Tier mit einem großen Schnitt den Bauchraum. Das Innere dampft in den ungeheizten Raum und mit einem schmatzenden Klatschen ergießen sich die Innereien auf den Tisch. Hatten wir uns inzwischen an das Odeur des Schweineäußeren gewöhnt, werden unsere Nasen nun völlig neuen olfaktorischen Reizen ausgesetzt. Der Gestank nach Blut und Scheiße erfüllt in Sekunden den Raum.

Ein Jeep rollt auf den Hof und eine riesige Frau steigt aus, die Tierärztin. Die Fleischbeschau verläuft positiv, zumindest aus Sicht des späteren Konsumenten. „Die Leber müsst ihr aber wegmachen“, sagt die Veterinärin mit Blick auf einen riesigen dunkelbraunen Lappen auf dem Tisch. Positiv also auch der Befund in Bezug auf Würmer in der Leber. „Nicht schlimm“, sagt Peter und zeigt auf Löcher im Gewebe, „nicht schlimm.“ Er zückt ein prähistorisches Mobiltelefon und ruft „die Tochter“ an. Sie solle bitte mal in den Hersfelder Schlachthof fahren und eine neue Leber kaufen. Während des Gesprächs tritt er nah an das Schwein heran, öffnet mit einer Hand wieder den Schnitt und betrachtet ihn. „Und Fett brauchen wir auch, schau mal, zehn Kilo, besser fünfzehn.“ Simone und ich schauen uns an. „Wenn man zu wenig Fett an der Wurst hat, wird die schlecht, Fett ist gut für die Haltbarkeit“, erklärt uns Pit beiläufig und drückt der Tierärztin zwanzig Euro in die Hand. Nutzlose Helfer, die wir sind, stehen wir weiter in der Gegend rum, während Pit wieder nach draußen wuselt. Er kommt mit einem Bottich wieder, der eigentlich eine Wanne zum Anrühren von Zement zu sein scheint. Er zieht und zerrt Teile der Eingeweide hinein. Der prallgefüllte Darm, die Lunge und viel undefinierbare Matsche rutschen vom Tisch in den Kübel. Der kleine Mann zerrt den Pott nach draußen und der Gestank lichtet sich etwas. Peter hat eine Säge in der Hand. Er weist Simone an mittels eines überdimensionalen Wasserhahns den Kessel an der einen Längsseite des Raums zu befüllen. Knapp eine Badewanne voll fasst dieser als er nur zu zwei Dritteln gefüllt ist und Simone auf Pits Anweisung beginnt die restlichen Innereien hineinzulegen. Das Herz, die Nieren, irgendwelche Fleischlappen und einen zwei Kilo schweren Rinderbraten, den Peter aus einer Kühlbox holt. Da ist auf einmal der Kopf der Sau. Aus dem Nebenraum trägt Pit ihn rein. Die Augen fehlen. „Eigentlich schneide ich die Augen immer schon auf dem Hof raus. Schwerer, wenn man ständig angeguckt wird. Aber unser junger Kollege hier scheint nicht so belastbar, da dachte ich, das mach ich, wenn ihr nicht dabei seid.“ Diese Rücksicht überrascht mich etwas. Ich bin fast gerührt. Für viel mehr Einfühlung ist jetzt aber auch kein Raum mehr, denn Pit setzt die armlange Säge mittig auf den Kopf und beginnt ihn zu zersägen. Das geht überraschend schnell. Jeder Hälfte schneidet er die innen sehr dreckigen Ohren ab, trägt sie zum Kessel und lässt sie hineingleiten. Die Säge über dem Arm besteigt er auf der Rückenseite des Schweins eine kleine Leiter und beginnt den Körper mittig zu zersägen. Das klingt wie das Zersägen eines Schweins.

„So“, sagt der Mann in der Plastikschürze als er von der Leiter steigt und die Säge an einen der vielen Haken an der Wand hängt, „jetzt kurz verschnaufen.“ Er gießt Schlitzer Burgenkümmel in Gläser und erhebt das Pinnchen „Auf die Sau.“ Wir repetieren und trinken. Es ist das erste Mal seit wir den Stall betreten haben, dass etwas Ruhe in den Metzger kehrt. Das Schlimmste haben wir jetzt aber hinter uns, hoffe ich. Das vorhin noch lebende Tier hängt in Hälften entpersonalisiert von der Decke. Der Anblick von Schweinehälften ist deutlich erträglicher als der von augenlosen Köpfen und Tischen voller Eingeweide. Auch unser Zeremonienmeister ist das erste Mal entspannt und erzählt, wie seine Eltern ihn zur Metzgerlehre drängten, wie sehr ihn der Beruf abgestoßen hat und die Übelkeit, die ihn bereits morgens überkam, wenn er um sechs Uhr früh mit dem Geruch von Tod und ausgekochtem Fleisch konfrontiert wurde. Als er bei Kali und Salz im Werratal arbeitete und genügend Abstand vom täglichen Schlachten hatte, begann er auf Bitten vieler Bekannter wieder mit Hausschlachtungen. „Oh ich zeig euch was Lustiges!“ Pit wuselt von dannen, kramt, spült einen Hautlappen im Waschbecken aus, setzt ihn an den Mund und bläst Luft hinein. „Die Blase“, lacht er und bindet sie mit grobem Garn zu. Den Bioluftballon hängt er an den Haken neben die Säge.

Simone und ich bekommen jeder einen Tisch zugewiesen und ein Messer in die Hand. Die von mir mitgebrachte Klinge, die beste des Hauses dachte ich, legt er lächelnd wieder in meine lila Klappbox zurück. Auch meine kleine Schleifmaschine von Tchibo wird ignoriert, blitzschnell dagegen schärft Pit mit einem Wetzstahl mehrere Messer verschiedener Größen, die er in sein Cowboyholster steckt. Behände trennt er den Vorderlauf der einen Hälfte vom Rest. Ich muss halten, so schwer ist das Teil. Es wird immer mal wieder gesägt, viele Knochen löst er durch gekonnte Schnitte sauber und ohne Fleischverlust vom Rest und legt Simone und mir je ein circa vier Kilo schweres Stück auf den Tisch. „Schaut euch den Fleischwolf an“, Peter zeigt auf das Loch in der großen Schale, das in eine Röhre in den Fleischwolf führt, „da müssen die Stücke durchpassen.“ Erst jetzt scheint unsere Hilfe wirklich gebraucht, schweigend arbeiten wir nebeneinander. In unserem Rücken zerteilt Pit das Schwein immer weiter, sobald er den hängenden Rest nicht mehr leicht erreichen kann, kurbelt er ihn an der Winde etwas herab. Immer mal wieder muss ich schleppen helfen.

Das vorherige Tier ist jetzt nur noch Fleisch, es ist ein bisschen wie Kochen mit großen Mengen. Nur das Dampfen der riesigen Brocken, die wir auf den Tisch gelegt bekommen, erinnert an das vorhin noch pulsende Leben darin. „Wir könnten tolle Schnitzel machen“, freue ich mich und patsche auf einen Teil des riesigen Schinkens. Mit Produktwerdung des Schweins in Fleisch löst sich auch bei mir langsam die Stimmung. „Nee, wäre zu zäh, die Sau ist zu alt, das macht keinen Spaß. Diese Schnitzelviecher sind drei Monate alt, das hier wird alles Wurst“ Pit legt mir den ausgelösten Kotelettstrang auf den Tisch, Bemerkungen zum Grillen von Selbstgeschlachtetem, das keine Wurst ist, verkneife ich mir. Er wiederum blickt auf die von mir geschnittenen Stücke, befindet die Größe für angemessen. „Wasn das?“ fragt er dagegen bei Ansicht eines Haufens, den ich still „Schlabber“ getauft habe. „Dachte das macht man weg, das war so … Schlabber?“ „Simone machst Du das etwa auch so?“ Nein, Simone hat brav nur Fleisch zerschnitten. „Das kommt alles in die Wurst. Das ist doch einfach nur Fett und ein bisschen Bindegewebe.“ Ich mische betreten den Schlabber unter die schönen Stücke schieren Fleischs. Ein letzter Versuch. „Wir könnten tolle Fleischwurst machen, so Lyoner, Kinderwurst, Du weißt schon Pit.“ „Ja, aber dafür bräuchten wir nur den Schlabber, einen Kutter, Eis, sehr viele Gewürze und Stabilisatoren.“ Ich sehe ein, wir werden heute keine Fleischwurst zubereiten.

Was der Bürger sonntags auf den Tisch zaubert, die „feinen Stücke“ des Schweins, alles kommt bei uns in die Wurst, Filets, Schinken, Braten, Koteletts, einfach alles. Dem Nichthessen sollte spätestens jetzt klar sein, warum der Hesse unwirsch wird, bezeichnet man seine „Stracke“ als Mettwurst oder gar Salami. Für solche Stücke, die Peter für minderwertig erachtet, gibt es einen eigenen Haufen, daraus wird Blut- und Leberwurst und Schwartemagen gemacht. „Das was da liegt“, Pit weist auf das Fleisch, „ist immer noch besser als alles was die Industrie in ihre Salami macht.“ Und ich dachte kurz es wären die Abfälle. Für besagten Schwartemagen hat Peter von den Rückenstücken die Haut des Schweins abgezogen, bevor er sie uns zugeteilt hat. Diese kommt ebenfalls in den Kessel. Der dadrin simmernde Sud verströmt inzwischen einen leichten Geruch nach sehr fettiger Brühe, die Scheiben des Schlachtraums beschlagen und von der Decke tropft Kondenswasser. Zwischenzeitlich bringt „die Tochter“ eine neue Leber und einen Müllsack voller fettem Speck. Peter wuchtet eine Wanne, „Marke Eigenbau“, auf eine riesige Waage. Sämtliches Fleisch der guten Seite wandert in die Wanne. Die Waage verrät uns, dass wir bereits über hundert Kilo Fleisch zerlegt haben. „Hmm“, überlegt der Metzger und legt uns fast den gesamten Inhalt des Fettsacks zum Zerkleinern auf den Tisch, während er Gewürze abwiegt, sehr viel Salz, frischen Knoblauch, Kümmel, Muskatnuss, Pfeffer. Er verteilt die Mischung, sicher mehr als zwei Kilo, über dem Fleisch in der Wanne. „Pulli aus oder Ärmel hochkrempeln“, sagt er zu mir und verschwindet bis zu den Schultern mit den Armen in der Wanne, „jetzt wird erstmal vorgemengt.“ Das Salz entzieht dem Fleisch schon merklich Feuchtigkeit, die sich am Boden sammelt, mit dem Umwälzen geben die Berge schmatzende Geräusche von sich. Die großen Stücke sind bald alle mit einer Schicht Salz und Gewürze umgeben und Pit kramt schon wieder in einer Kiste. „Wisst ihr, die Messer von dem Fleischwolf hier sind nicht so gut, da bringe ich immer extra meine eigenen mit, das ist wenn so viele Amateure dadran rumfuhrwerken.“ Während ich mir meine Arme noch mit sehr heißem Wasser und Spülmittel wasche, beginnt Simone mit dem Befüllen des Wolfs. Weil wir nur eine Wanne haben, hat Peter das Fleisch in die eine Ecke geschoben und in den freien Raum plumpsen bereits die ersten Portionen Gehacktes. Nach vielleicht zehn Kilo unterbricht Peter Simone und krempelt die Ärmel wieder nach oben. Er klemmt die eine Seite der Wanne unter das Fensterbrett und beginnt das Hackfleisch mit den Händen zu bearbeiten. „So kippelt nichts und man rutscht nicht weg.“ Er knetet. „Ihr müsst den Wurstteig richtig gut mengen. Einmal damit die Gewürze gleichmäßig verteilt sind, andererseits aber auch, dass das ganze Bindung kriegt, sonst kommt Luft in die Wurst, es bilden sich Hohlräume und darin schimmelt sie. Ihr müsst das Fleisch mit den Handballen aufeinander reiben, so hin und herrutschen, das wird richtig klebrig dann.“ Ich darf beginnen, nach fünf Minuten werden Simones Künste überprüft. Geschwindigkeit und Ergebnis sind zumindest derart zufriedenstellend, dass Pit das Geschaffene zur Weiterverarbeitung freigibt. Simone und ich wechseln uns im Wolfen und Mengen ab. Die Arme werden bei letzterem schneller lahm als man glaubt. Pit holt immer wieder den fertigen Wurstteig, außerhalb Hessens sagt man eher Brät, und schmeißt diesen in einen Kolben. Das klatscht kräftig. „Auch damit keine Luft in die Wurst kommt“, erklärt er. Vorne an dem Kolben befindet sich eine Tülle, über die er nun gewässerten (Fremd-)Darm zieht, der eigene liegt ja draußen im Eimer und ist noch reichlich mit Unappetitlichem gefüllt. Auf den Kolben montiert Peter einen Stempel, der die Wurstmasse durch die Tülle in den Darm presst, wenn man an einer Kurbel dreht. Durch nicht nachvollziehbare Knoten wurde das grobe Garn am Tisch befestigt und immer wenn ausreichend Darm gefüllt ist, wird vorne und hinten abgebunden. Einen Teil der so entstehenden Würste werden in der Geraden gelassen, Stracke, andere zu einem Kringel gebunden. Es dauert sicher zwei Stunden bis Simone und ich den gesamten Haufen Fleisch zerkleinert und gemengt haben und Pit die Würste gefüllt hat.

Zwischendurch machen Simone und ich immer wieder Pausen, trinken Kaffee aus einer großen Kanne mit 70er-Jahre-Blumen-Motiv von Pit. Mit kleinen Späßen versuchen wir weiter zu kaschieren, dass wir immensen Respekt davor haben, was gerade um uns passiert ist. Meine Mutter hatte Brötchen gekauft, die wir mit dem frischen Wurstteig belegen, Mettbrötchen deluxe. Dafür unterbricht auch Pit kurz seine Arbeit. Als wir die gesamte erste Fuhre Fleisch zerkleinert und Pit sie in Därme gefüllt hat, wird wieder gewogen. Aus der heißen Brühe hatten wir nach Anweisung alle schwimmenden Teile gefischt, Herz, Nieren, die Kopfhälften, aber auch Teile der Rippen, an denen noch kleine Fleischfetzen hängen. Die sollen wir jetzt abklauben, den Rinderbraten schneide ich in Würfel, ebenso ein großes gekochtes Stück fetten Speck. Die langen Streifen der Schwarte sind inzwischen grau und sehr glitschig, diese wandern erstmal zum Auskühlen in eine Blechwanne. Die Mengen an „schlechtem“ Fleisch und den angehäuften Resten sind deutlich kleiner. Simone schält ein Netz Zwiebeln und lässt sie zum Fleisch durch. Pit wiegt wieder Gewürze. Diesmal ist noch sehr viel Majoran dabei. Die gesamte Masse sind nur etwas über vierzig Kilo. Die gekochte Schwarte kommt nun auch in den Fleischwolf, den sehr klebrigen Brei geben wir zu einer Hälfte der Masse. Die andere Hälfte wird wieder halbiert, ein mit der frischen Leber, die sich im Wolf in einen widerlichen braunen Matsch verwandelt, und der Hälfte von Rind- und Fettwürfeln vermischt. Der andere Teil wird Blutwurst und erst nochmal zurückgestellt. Pit füllt den Schwartemagenteig in Schweineblasen, auch der Luftballon von vorhin ist dabei, und in Weckgläser. Die Leberwurst wird in Gläser und Därme gefüllt. Die Blasen und Därme mit Leberwurst und Schwartemagen werden im Kessel gekocht. Simone soll derweil das von ihr gerührte Blut holen.

Auf der Oberfläche hat sich irgendeine Eiweißschlacke abgesetzt. „Müsster abschöpfen“, sagt Pit, doch weder Simone noch ich haben große Lust darauf mit bloßen Händen in fünf Litern Blut zu fischen. Der Metzger übernimmt wenig zimperlich und gießt einen großen Schwall in die Wanne mit Blutwurstteig. Simone greift in den Eimer, feuchtet ihren Finger im Blut an und wischt mir unter der Nase lang. „Mengen“, weist Pit an, doch wir möchten nur ungern. Pit mengt vor, durch die Flüssigkeit ist der Wurstteig nun viel breiiger. Zwischendurch probiert Peter. Es schüttelt uns. Rohes Gehacktes zu essen, das noch warm ist, aber sonst wie gewohnt, mag angehen, mit Leberbrei Versetztes war schon eklig, aber einen Brei aus warmen Fleisch und Blut zum Munde zu führen, von den Fingern zu lecken, ist sehr abstoßen. Unsere Blicke sagen ihm das. „Ja, und wenn die Wurst nicht schmeckt? Wenn nicht genug Salz dran ist? Muss man halt probieren“, die Erklärung leuchtet ein, nur tauschen wollen wir mit Pit nicht. Wieder werden Gläser und Därme gefüllt, Därme in den Kessel gelegt. Draußen wird es langsam dunkel. Unter Pits Anleitung räumen wir auf und putzen, nutzen sehr viel Putzsand und sehr heißes Wasser. Zuletzt fischen wir die Würste aus dem Kessel und lassen die Brühe in den Ausguss plätschern. „Stop! Da honner gute Worschtsubb“, Pit holt einen Topf und füllt fünf Liter ab.

blut abschöpfen

Pit wässert und schrubbt die Ladefläche des Hängers, wir heben gemeinsam den Bottich mit den Innereien hinauf, die er auf seinem Hof auf den Mist schmeißen wird. Fast alle Würste laden wir in sein Auto, sie sollen geräuchert werden. Von Blut- und Leberwurst gibt er uns jeweils ein paar frische mit. Ohne große Sentimentalitäten gehen wir auseinander, die Rechnung für das Schwein und seine Arbeit schickt er uns mit der Post. Außerdem gibt er Bescheid, wenn wir die geräucherte Wurst abholen können. „Denkt dran“, verabschiedet uns Pit, „nur schlechte Wurst braucht Senf.“

Vor lauter Schlachten haben wir gar nicht über Simone Buchholz‘ Schreiben, ihren neuen Krimi „Blaue Nacht“, der bei Suhrkamp erschienen ist, gesprochen, nicht über ihre Zeit bei einem Frauenmagazin in Hamburg, über die brennende Außenbestuhlung der Pizzaria gegenüber, das Schwarzangeln, das Schuppen von Fischen in Ferienwohnungen. Simone ist ein lustiger Mensch, mit dem man sehr gut Zeit verbringen und/oder Schweine schlachten kann, ihre Krimis sind schnodderig ohne aufgesetzt, unterhaltsam ohne doof zu sein. Kauft alles von Simone Buchholz.

 

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Aberland – Gertraud Klemm

940Mehrfach habe ich die selten, aber wenn gut besprochene, Gertraud Klemm und ihr Aberland begonnen, mehrfach abgebrochen. Die Geschichte zweier Frauen zweier Generationen, Mutter und Tochter, Franziska und Elisabeth, begann mit einer Suada Franziskas in einem Satz über vier Seiten, ach hat sie es schwer mit dem Kind und ihre Promotion kriegt sie auch nicht fertig, weil ihr Mann so wenig hilft; der Lebensplan, die Wäsche, die Windeln, Abstillen, Altersabstand, zweites Kind, Kinderärzte, Schreibaby. Nichts für mich denke ich kurz angebunden.

Doch ich lasse mich Wochen später erneut darauf ein, sehr zögerlich, und bin überwältigt. Ja, manche der geschilderten Szenen und Figuren sind fast zu abziehbildchenhaft die Klischees der gelangweilten, nicht verwirklichten westeuropäischen Frau, aber diese gibt es eben auch genau so. Die Sorgen um den Kindergeburtstag nehmen groteske Züge an, der längst verlorene Kampf um den Ehemann mit dessen jüngeren Geliebten und natürlich weiterhin der Wunsch der modernen Frau nach Erfüllung irgendwo zwischen Kind und Karriere, nicht aber gleichzeitig den Eindruck erwecken eine schlechte Mutter zu sein, dies sind wohl (ich mag das kaum abschließend zu beurteilen) die tatsächlichen Probleme zweier (oder mehr) Generationen Frauen heute.

Ein bisschen versteht sie das Publikum, das unterhalten werden will, diese jungen Künstler sind anstrengend, Literatur ist es, und die von Schriftstellerinnen noch mehr, immer diese Autorinnen mit ihren persönlichen Befindlichkeiten, kaum geben sie etwas von ihrem Privatleben preis, frisst ihnen das Publikum aus der Hand, Selbstmitleid auf Honorarbasis, ob sich das nicht rächt, ich hätte auch Autorin werden sollen, dann könnt ich meine pummelige, komplexbelandene Mutter unter Aspik auf einem Silbertablett servieren, denkt sie, meinen notorischpolygamen Vater häppchenweise als Beilage und meinen Bruder, den Steuerfachtrottel, als Nachtisch.

Aberland ist in diesem Zitat fast komplett enthalten: Klemm sollte sich trauen mehr Punkte zu setzen, aber sie beobachtet genau und beschreibt in ihrem zynischen Ton auf den Punkt. Im Verlauf der Lektüre lässt es einen Schaudern wie sie auf die Welt sieht, man möchte verzweifelen wie ihre Protagonistinnen in deren Leben aufgerieben werden und doch immer weiterstrampeln. Die Gertraud Klemm schreibt in einer ganz offenen Sprache über Sexualität, Sex und Erotik, kommt dabei aber ganz ohne das zuweil Plakativ-Aufdringliche eines Houellebecq aus, dessen Pessimismus sie dagegen übernimmt. Dem Leser wird vorgeführt, dass der Rest des Lebens eines Westeuropäers nur noch darin besteht zuzusehen wie man mit dem Alter verlischt, Persönliches und Erreichtes bedeutungslos wird, bis man dement wird, nur noch da sitzt und sich einpinkelt. Tragischerweise hat Gertraud Klemm damit wahrscheinlich recht.

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Ludwig Börne: Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden

Es gibt Menschen und Schriften, welche Anweisung geben, die lateinische, griechische, französische Sprache in drei Tagen, die Buchhalterei sogar in drei Stunden zu erlernen. Wie man aber in drei Tagen ein guter Originalschriftsteller werden könne, wurde noch nicht gezeigt. Und doch ist es so leicht! Man hat nichts dabei zu lernen, sondern nur vieles zu verlernen; nichts zu erfahren, sondern manches zu vergessen. Wie die Welt jetzt beschaffen, gleichen die Köpfe der Gelehrten und also auch ihre Werke den alten Handschriften, von welchen man die langweiligen Zänkereien eines Kirchenstiefvaters oder die Faseleien eines Mönchs erst abkratzen muß, um zu einem römischen Klassiker zu kommen. Jedem menschlichen Geiste sind schöne Gedanken und, weil mit jedem Menschen die Welt neu geschaffen wird, auch neue angeboren; aber das Leben und der Unterricht schreiben ihre unnützen Sachen darauf und bedecken sie. Man bekommt eine ziemlich richtige Ansicht von dieser Lage der Dinge, wenn man etwa folgendes bedenkt. Ein Tier, eine Frucht, eine Blume erkennen wir in ihrer wahren Gestalt; was sie sind, erscheinen sie uns. Würde aber der von der Natur eines Rebhuhns, eines Himbeerstrauchs, einer Rose eine wahre Anschauung haben, der nur eine Rebhuhnpastete, Himbeersaft und Rosenöl kennen gelernt? So ist es aber mit den Wissenschaften, mit allen Dingen, die wir mit dem Geiste und nicht durch die Sinne auffassen: zubereitet und verwandelt werden sie uns vorgesetzt, und in ihrer rohen und nackten Gestalt lernen wir sie nicht kennen. Die Meinung ist die Küche, worin alle Wahrheiten abgeschlachtet, gerupft, zerhackt, geschmort und gewürzt werden. An nichts ist größerer Mangel als an Büchern ohne Verstand, an solchen nämlich, die Sachen enthalten und keine Meinungen. Es gibt nur eine kleine Zahl origineller Schriftsteller, und die besten unterscheiden sich von den minder guten viel weniger, als man nach einer oberflächlichen Vergleichung denken mag. Einer schleicht, einer läuft, einer hinkt, einer tanzt, einer fährt, einer reitet zu seinem Ziele; aber Ziel und Weg ist allen gemein. Große und neue Gedanken gewinnt man nur in der Einsamkeit; wie gewinnt man aber die Einsamkeit? Man kann die Menschen fliehen, dann steht man auf dem geräuschvollen Markte der Bücher; man kann die Bücher wegwerfen, wie entfernt man aber aus seinem Kopfe alle die herkömmlichen Kenntnisse, die der Unterricht hineingebracht? In der Kunst, sich unwissend zu machen, ist die wahre Kunst der Selbsterziehung die nötigste, die schönste, aber die am seltensten und am stümperhaftesten geübt wird. Wie es unter einer Million Menschen nur tausend Denker gibt, so gibt es unter tausend Denkern nur einen Selbstdenker. Ein Volk ist jetzt wie ein Brei, dem nur der Topf Einheit gibt; etwas Kerniges und Festes findet sich nur an der Scharre, in der untersten Lage des Volks, und Brei bleibt Brei, und der goldene Löffel, der einen Mundvoll herausschöpft, hat, weil er die Verwandten getrennt, nicht darum auch die Verwandtschaft aufgehoben.

Das wahre wissenschaftliche Streben ist keine Columbische Entdeckungsreise, sondern eine Ulyssesfahrt. Der Mensch wird in der Fremde geboren, leben heißt die Heimat suchen, und denken heißt leben. Aber das Vaterland der Gedanken ist das Herz; an dieser Quelle muß schöpfen, wer frisch trinken will; der Geist ist nur Strom, Tausende sind daran gelagert und trüben das Wasser mit Waschen, mit Baden, mit Flachsrösten und andern schmutzigen Hantierungen. Der Geist ist der Arm, das Herz ist der Wille; Kraft kann man sich anbilden, man kann sie steigern, ausbilden; was nützt aber alle Kraft ohne den Mut, sie zu gebrauchen? Eine schimpfliche Feigheit, zu denken, hält uns alle zurück. Drückender als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die öffentliche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt. Nicht an Geist, an Charakter mangelt es den meisten Schriftstellern, um besser zu sein, als sie sind. Aus Eitelkeit entspringt diese Schwäche. Der Künstler, der Schriftsteller will seine Genossen überragen, überholen; aber um einen zu überragen, muß man sich ihm zur Seite stellen; um einen zu überholen, muß man auf gleichem Wege wandern als er. Daher haben die guten Schriftsteller so vieles mit den schlechten gemein: im guten steckt ganz der schlechte; nur ist er etwas mehr; der gute geht ganz den Weg des schlechten, nur geht er etwas weiter. Wer auf die Stimme seines Herzens hört statt auf das Marktgeschrei, und wer den Mut hat, lehrend zu verbreiten, was ihn das Herz gelehrt, der ist immer originell. Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität, und die Menschen wären geistreicher, wenn sie sittlicher wären. Und hier folgt die versprochene Nutzanwendung. Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weiber, von dem Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalprozeß, vom Jüngsten Gerichte, von euern Vorgesetzten – und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue, unerhörte Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden!

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