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Sozusagen Paris – Navid Kermani

Navid Kermani Sozusagen ParisDas Interview von Iris Radisch mit Navid Kermani beginnt, nach dem ersten Abtasten und der zu erwartenden Frage nach dem Amt des Bundespräsidenten, damit dass Frau Radisch Herrn Kermani sagt, dass sie solche Literatur, wie die, über die sie jetzt sprechen, die er geschrieben hat, gar nicht leiden mag. Kermani reagiert etwas patzig, aber souverän und bedauert, dass sie in ihrem Beruf Bücher lesen müsse, die ihr nicht zusagen. Im Gegenzug nennt sie seinen neuen Roman Sozusagen Paris einen bescheidenen Wohnzimmertext. Sozusagen Paris ist ein Wohnzimmertext, da der Roman fast ausschließlich in einem Wohnzimmer spielt, bescheiden ist er dort, wo es Kermanis Erzählung benötigt. Aber der Reihe nach.

Der Erzähler ist Autor auf Lesereise. In seinem letzten Roman hat er seine Jugendliebe verarbeitet, eingearbeitet und diese Jugendliebe steht nun, was zu erwarten war, am Büchertisch vor ihm. Jutta ist inzwischen Bürgermeisterin der Lesereisen-Kleinstadt und die beiden gehen nach dem obligatorischen Lesereisen-Abendessen zu ihr, ins Wohnzimmer. Eine Bettszene wird es nicht geben, nicht mal einen Kuss, stellt der Autor bereits zu Beginn seiner gegenwärtigen Nacherzählung klar. Jutta hat drei Kinder und gerade Streit mit ihrem Mann und dieser wird daher auch die ganze Nacht nicht in Person auftauchen. Über Tee, Alkohol und Marihuana spricht Jutta über ihre Ehe, die zurückliegenden Jahre, ihre Träume und die Realität als kleinstädtische Bürgermeisterin.

Selbstverständlich werden sämtlich denkbaren Probleme der gehobenen Mittelschicht abgehandelt. Der jugendliche Traum der Weltverbesserung, der doch im Reihenhaus endet, die wilde Liebe, die doch im Alltag versandet und mit Wochenendtrips und Tantra am Leben zu halten versucht wird, das Eingeständnis nicht alles liefe perfekt, aber doch schon ziemlich gut. Jutta ist unglücklich und ist es nicht, der Erzähler ein geduldiger Zuhörer und ist es nicht.

Ich knie neben einer etwa fünfzigjährigen Frau, die den Kopf auf meine Schulter gelegt hat, einer Frau die einmal meine große Liebe war, jedoch mit einem anderen Mann verheiratet ist, unglücklich verheiratet, muß ich dem Gesagten nach schließen, und trotzdem liebt sie ihn zweifellos, mag sie selbst oft das Gegenteil fühlen, sie liebt ihn, das ist für mich keine Frage, und er liebt sie erst recht, es ist eine der seltsamsten, verblüffensten, aufwühlendsten Situationen meines Lebens, und doch müssen vor mir andere Männer in exat der gleichen Körperhaltung eine Geliebte getröstet haben, die einen anderen Mann unglücklich liebt, und ihnen werden dieselben schmerzlichen und zugleich zu unsinnigen Hypothesen durch den Kopf geschossen sein, das Was-wäre-gewesen-wenn, das unsere Erinnerung verdirbt, und Ob-nicht-vielleicht-doch, das uns von der Gegenwart ernhält;

Der gesamte Roman ist durchzogen von Wiederholungen und Redundanzen, Proust-, Stendal-, Flaubert-Referenzen und Einsprüchen des fiktiven Lektors. Aber Kermani macht bereits zu Beginn klar wie seine Erzählperspektive aussieht: er schreibt als geschähe es gerade, doch es ist eine Nacherzählung, daher kann er sich der Literatur- und Musikzitate bedienen, die sonst in einem Gespräch in diesem Umfang nicht auftauchen würden. Sowieso ist Navid Kermani sehr ehrlich mit seinem Leser, Erwartungen werden gedrückt, vieles vorweggenommen und Frau Radisch hat wohl einen literarischen Trick erwartet, der Autor aber einfach ein sehr ehrliches Buch geschrieben.

Ein wirklich realistischer Roman

Ich will das gar nicht wissen. […] Ich will nicht wissen, warum er sie im Bett nicht in den Arm nimmt, wenn sie weint, sondern sich umdreht und einschläft.

Der Erzähler will es eigentlich nicht wissen, hört es sich trotzdem geduldig an. Der Leser will es nicht wissen und liest es trotzdem. Es ist der Widerwillen in die Intimität zweier anderer hingezogen zu werden und fast unangenehmer als die Erläuterungen des erfüllt-tantrischen Sexlebens des Paares, das Jutta so schrecklich Liebemachen nennt (es soll ja Leute geben, die wirklich so reden, Iris R. hat solche aber nie getroffen!).

Kermani hat eine literarische Form gefunden, in der er einen solchen Wiedersehens-Intimitäts-Zweifel-Abend abbilden kann, denn so sind solche Treffen. Wer das nicht versteht, war wohl nie unglücklich verliebt, hat nie einer Jugendliebe hinterher getrauert und sich gefragt, was wäre gewesen wenn, als er sie wiedertrifft. Die Frage ist dann nur, ob man überhaupt Literatur besprechen sollte, die sich mit dem Leben auseinandersetzt, oder man nur noch Kopfliteratur rezensiert. Warum wird heute so viel banaler über die Liebe gesprochen als bei Proust oder Stendhal, fragt Radisch und gibt damit eindeutig zu erkennen, dass sie gar nicht weiß, wie banal Liebe so häufig ist, dass Proust und Stendhal eine idealisierte oder zum Teil fast karrikierend verzerrte Version der Liebe erzählt haben, die in keinem Reihenhaus, keinem Alltag Platz hat.

Juttas Ehekrise sei die gewöhnlichste überhaupt, vielfach beschrieben in Romanen, die in heutigen Wohlstandsgesellschaften spielen, ja, für das Milieu und Alter geradezu stereotyp, soll ich Jutta erklären und ihr freiheraus sagen, daß ich sie ebendeshalb zum Gegenstand meines Romans genommen hätte: weil ihr Fall verallgemeinerbar sei.

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Fritz Landshoff: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Von Klaus Mann als brüderlicher Freund in Der Wendepunkt beschrieben, von Elisabeth Mann heimlich geliebt und von Erika Mann, ob seiner Drogen- und Todessehnsucht, besorgt beobachtet; Fritz Landshoff war keine Nebenfigur des Dramas „Familie Mann“, sondern spielte stattdessen eine Hauptrolle in einem bedeutenden Stück deutscher Literaturgeschichte. Fritz Landshoff sorgte von 1933 bis 1940 mit Phantasie, Mut und viel Geschick dafür, daß das „andere Deutschland“ weiter existieren und publizieren konnte, schrieb etwa Elisabeth Wehrmann über ihn in der Die Zeit. Mit Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur zeichnet Bettina Baltschev eine Geschichte von Lichtblicken in dunklen Zeiten nach.

fritz-landshoff-hoelle-und-paradies-amsterdam-querido-und-die-deutsche-exilliteraturDer in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene Fritz Landshoff wurde 1926 Juniorpartner von Gustav Kiepenheuer in Potsdam und Berlin. Durch seine Autoren prägte er nachhaltig das Gesicht des Verlages, und prägt es bis heute: Anna Seghers, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Joseph Roth und Ernst Toller, mit dem er sich eine Wohnung teilte. Doch bereits zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die „WG“ des jungen Verlegers und des Revolutionärs von der SA durchsucht, Landshoff erkannte die Gefahr und floh ins Exil nach Amsterdam. Dort bot im Emanuel Querido die Leitung einer „Exil-Abteilung“ seines Verlages an und damit begann eine (nicht finanzielle, wirtschaftliche, aber kulturelle) Erfolgsgeschichte1. Landshoff holte seine Autoren nach und bei Querido wurden Werke wie Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie, Eine Jugend in Deutschland von Ernst Toller, Der Haß von Heinrich Mann oder Erziehung vor Verdun von Arnold Zweig verlegt. Die Liste der Autoren reicht von Döblin über diverse Manns, Irmgard Keun und Joseph Roth bis Albert Einstein. Erstmals erschienen Klaus Manns Mephisto bei Querido, genauso wie eine erste Version des Felix Krull des Vaters oder der Henri Quartre des Onkels, Klaus betrieb unter dem Dach von Querido zusammen mit Landshoff das hochambitionierte Projekt Die Sammlung.

Am 1.8.33 emigrierte Landshoff nach Amsterdam, wo er eine leitende Stellung bei dem Querido-Verlag übernahm. Dieser Verlag ist das Sprachrohr emigrierter und grösstenteils ausgebürgerter Schriftsteller, wie z.B. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Klaus Mann, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Albert Einstein u.a. Auch hier hat Landshoff dafür gesorgt, dass der Querido-Verlag die gleiche üble Rolle spielt wie der frühere Kiepenheuer-Verlag. Dieser Verlag beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Herausgabe von Literatur, die teils ausgesprochen deutschfeindlich ist und andernteils weltanschaulich zersetzend wirkt.

Aus dem Briefwechsel der Gestapo mit dem Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren

In ihrem beim Berenberg Verlag erschienen Buch Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur begibt sich Bettina Baltschev auf die Reise durch Amsterdam und vollzieht die Stationen Landshoffs und der Exilliteratur nach. Auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, ist diese Dokumentation vor allem eine Respektsbekundung für Fritz Landshoff, die aber nicht ohne die bedeutenden Leistungen von Emanuel Querido oder die „Konkurrenz“ des Allert de Lange Verlags, die Werke und Persönlichkeiten der Autoren erzählt werden kann.

Anders als George Prochnik in seinem Stefan Zweig Buch gelingt Bettina Baltschev das Einfügen der eigenen Person in den Text, der persönliche Einschlag ist unaufdringlich, die Spaziergänge und Begegnungen dienen erkennbar dem Fortgang des Buches – mehr noch machen diese Beschreibungen Lust ihre Wege und damit die Wege eines dunklen Kapitels in der deutschen Literatur nachzugehen und den vielen Menschen zu begegnen, die gegen dieses Dunkel ankämpften.

Solange es noch einen Mensch gibt, der deutsch liest, werde ich weiterverlegen, und wenn der gestorben ist, werde ich es erst recht tun.

Fritz Landshoff in einem Brief an Vicki Baum

 

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Stefan Zweig am Ende der Welt – Das unmögliche Exil

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken über die Arbeit eines Biographen gemacht? Wie schreibt man ein Buch über jemanden, über den anscheinend schon alles gesagt ist? Überlegungen und Mutmaßungen anlässlich von Das unmögliche Exil – Stefan Zweig am Ende der Welt von George Prochnik.

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Warum liest Du keine Gedichte?

„Zum einen gibt es eine lebendige Lyrik-Schreibszene, viele Töne, sehr gute deutschsprachige Lyrik aus vielen verschiedenen Quellen, von ganz unterschiedlichen Altersgruppen, die sich aneinander reiben. Auch der  Zustrom zu Festival-Lesungen ist bekanntlich immer noch gut, und natürlich trägt das Internet noch einmal ganz anderes zur Möglichkeit bei, Lyrik überhaupt wahrzunehmen und zu rezipieren. Doch im Buchwesen sieht es traurig aus: Die tatsächlichen Buchverkäufe halten in keiner Weise mit, Lyrik wird in den großen Verlagsprogrammen zunehmend marginalisiert, sie wird manchmal nur noch mitverlegt, weil ein Autor andere Genres bedient, sie wandert ab, und das Geld wandert ab aus diesem Beruf“, sagt Ulrike Draesner im Gespräch mit Volltext und hat damit natürlich recht.

Wird so wenig Lyrik gelesen, weil zu wenig Lyrik besprochen wird oder wird so wenig Lyrik besprochen, weil so wenige potentielle Leser zu erreichen sind?

Gibt es zu auch Du liest selten Gedichte – aber warum? [Mehrfachnennung möglich.]
Fehlt eine Antwort, schreibe sie gerne in die Kommentare.

Warum liest Du keine Lyrik?

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William Shakespeare – 19 verschiedene Übersetzungen von Sonnet 66/Sonett 66

Das englische Original von William Shakespeare (1564-1616)

Tir’d with all these, for restful death I cry,
As, to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimm’d in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,

And guilded honour shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,

And art made tongue-tied by authority,
And folly (doctor-like) controlling skill,
And simple truth miscall’d simplicity,
And captive good attending captain ill:

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

In Übersetzungen von Otto Leonhard Heubner (1843-1893)

Hab’s herzlich satt – o, könnt’ im Grab’ ich ruhn! –
Zu sehn: zum Bettler das Verdienst geboren,
Armsel’ge Nichtigkeiten wichtig tun,
Die reinste Treue unheilvoll verschworen,

Ehr’ übergoldet und in Schimpf verkehrt,
Durch rohe Lust die Unschuld hingerichtet,
Den rechten Weg entwürdigt und entehrt,
Die edle Kraft durch Übermacht vernichtet,

Die Musen zungenlahm durchs Recht der Macht,
Torheit doktorlich Weisheit kontrollierend,
Aufrichtigkeit als Einfalt ausgelacht,
Gefangnen Gut dem Hauptmann Bös hofierend –

Hab’s herzlich satt, möcht’ hingegangen sein,
Ließ’, enn ich geh’, ich nicht mein Lieb allein.

In Übersetzungen von Hermann Freiherr von Friesen (1831-1910)

Nach Todesruhe schrei’ ich, davon satt,
Verdienst zu sehn, am Bettelstab geboren,
Und dürft’ges Nichts in schmuckem Flitterstaat,
Und reinste Treu’ unselig falsch verschworen,

Und Gold und Ehr’ an Schand und Schmach verliehen,
Und jungfräuliche Tugend roh geschändet,
Und wahre Hoheit ungerecht verschrieen,
Und Kraft an lahmes Herrschertum verschwendet,

Und das Ansehn, das der Kunst die Zunge band,
Und Toren für der Weisen Lehre sorgend,
Und schlichte Treue blöder Sinn genannt,
Und Gut in Haft, dem Hauptmann Schlecht gehorchend.

Des müde, möcht ich längst verschieden sein.
Ließ ich nicht sterbend meine Lieb’ allein. Weiterlesen William Shakespeare – 19 verschiedene Übersetzungen von Sonnet 66/Sonett 66

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Kontinent Doderer – Ein Durchquerung von Klaus Nüchtern

kontient-doderer-eine-durchquerung-klaus-nuechternHeimito von Doderer wird anlässlich seines 50. Todestages (wieder einmal) versucht aus der Geheimtipp-Ecke zu holen. Die kluge Eva Menasse legt sein Leben in Bildern dar, C.H. Beck baut die Jubiläumsausgabe auf vier Bände (u.a. Die Strudlhofstiege und Die Merowinger) aus und eine Kassette zum erzählerischen Werk in 9 Leinen-Bänden. Lust machen auf Heimito von Doderer möchte auch der Literaturkritiker Klaus Nüchtern. In seinem Doderer-Anregungsbuch Kontinent Doderer – Eine Durchquerung rauscht er nur so durch Leben und Werk des großen Österreichers.

Warum und wozu Doderer?, fragt er im Vorwort und liefert auf dreihundert Seiten plus Anhang viele Antworten. Diese sollen vor allem auch dazu führen, dass Berührungsängste mit Klassikern abgebaut werden.

Doderer ist ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij. […] Kommt man als österreichischer Doderer-Gutfinder mit deutschen Kollegen ins Gespräch, lautet die Standardreaktion entweder „Muss ich den lesen?“ oder „Sollte ich wohl auch mal lesen“.

Dabei verfolgt Klaus Nüchtern akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, Doderers verschlungenen Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit, wie der Verlag richtig bewirbt. Doch geht die Begeisterung mit Nüchtern zuweilen etwas durch, die Sprünge sind manchmal nicht ganz nachvollziehbar, aber so ist das mit der Leidenschaft, Nüchtern ist nie nüchtern. Auf seine Eingangsfrage weiß er natürlich eine Antwort, die er konsequent im Verlauf von Kontinent Doderer mit Argumenten belegt.

Was soll man da schon antworten? Niemand soll müssen. Man kann ein reiches und keineswegs ignorantes Leserinnen- und Leserleben natürlich auch ohne Doderer-Lektüre bestreiten. So wie man auch Dante, Dickens und Dostojewskij auslassen kann. Alles immer auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen.

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Kate Tempest, Kurt Drawert, E.E. Cummings und Ann Cotten

Das Rezensieren von Gedichtbänden fällt nicht immer leicht. Doch zu diesen vier in letzter Zeit gelesenen, Neuerscheinungen und einem Klassiker, sollen einige Worte des Lobes und der Kritik verloren werden.

Verbannt! – Ann Cotten – Versepos

ann cotten verbannt versepos suhrkampAnn Cotten ist ein sehr verschlossener Mensch, in Interviews durchaus sperrig, mit verschränkten Armen, gib sie gelangweilte Antworten. Diese rätselhafte Frau hat ein Versepos geschrieben, das als genaues Gegenteil daherkommt.

Eine in Ungnade gefallene Fernsehmoderatorin wird auf eine einsame Insel verbannt, ausgerüstet nur mit einem Messer, einem Schleifstein und Meyers Konversationslexikon von 1910. Auf dieser Insel wohnen bereits 25 Matrosen in einer merkwürdigen Gesellschaftsform, einer Schraubenreligion anhängend und ständig Druckerzeugnisse produzierend. Im Interview mit der Welt sagte Paul Jandl man könne in Verbannt „ganz trivialen Spuren folgen oder die Sache sehr hoch hängen“ und das trifft den Kern dieses wunderbaren Epos. Cotten ist zwar eine unterhaltsame, ja lustige Erzählerin, doch die zwischen Uto- und Dystopie schwankende Geschichte enthält viel Zündstoff: wie funktioniert eine Gesellschaft, welchen Stellenwert hat Religion oder das Internet und natürlich die ewige Frage nach dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Gekrönt wird dieses Epos in Pseudo-Spenserstophen durch die Illustrationen der Autorin.

Dem allen zuliebe wird der folgende Sang recht lang,
Und wie es sich für einen Stripteaser gehört,
zieh ich mir für den Anfang recht viele Klamotten an,
die meine Seele im Laufe der Handlung verlieren wird,
während sie sich auf allerlei reizende Weise drin verirrt.
Hören Sie also die entsetzliche Ballade
vom sibirischen Unglück eines ganz modernen,
delirösen, inadäquaten Herrn Maquis de Sade,
in Fraungestalt. Und man kann außerdem viel lernen.

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E.E. Cummings – Poems – Gedichte

e.e. cummings gedichteEdward Estlin Cummings war der Meinung seine Lyrik sei nicht für „mostpeople“ (EEC zieht gerne einzelne Worte zu einem zusammen) und lag damit sicher richtig. Denn viele seiner Gedichte bestehen aus typographischen Spielereien, die nicht für den Gelegenheitsleser geeignet sind, diesen möglicherweise nicht nur langweilen, sondern ärgern. Die in der C.H. Beck Reihe textura erschienene Sammlung in der Übersetzung von Eva Hesse stellt daher eine schöne Ausgabe für Starter dar, denn hier sind einige der schönsten Cummings Gedichte versammelt (humanity i love you, o sweet spontaneus oder love is more thicker than forget) und doch Raum für einige wenige seiner „Form“-Gedichte. Eva Hesse schreibt im Nachwort

Obwohl sich viele von Cummings‘ Gedichten infolge von derlei formalistischen Tricks in einer gewissen leeren Eleganz verlieren, finden wir andererseits bei ihm eine respektable Anzahl immergrüner Gedichte, die das Schaffen der mesiten seiner literarischen Zeitgenossen in Amerika und England in den Schatten stellen. Diese Gedichte gehören fraglich zu den besten lyrischen Texten des Jahrhunderts – Yeats, Eliot und Pound nicht ausgenommen.

und liegt damit richtig, mit ihrer etwas angestaubten Übersetzung, dagegen nicht immer.

Kate Tempest – Hold Your Own – Gedichte

kate tempest hold your own suhrkampOh, was ist Kate Tempest ein Star! Eine Rapperin, eine Poetry Slammerin, eine Lyrikerin, nein nun sogar eine Romanschriftstellerin. Die Übergänge sind freilich fließend, aber das merkt man im Feuilleton nicht, denn Rapper dichten sonst nur über Verbrechen und das sehr plump. Nun schlägt aber ein „literarischer Meteorit“ ein (Wiebke Porombka in der Zeit) und alle sind vezückt. Und dies natürlich nicht zu Unrecht, denn Kate Tempest ist eine kluge junge Frau, die bereits zu Beginn, und immer wieder im Verlauf des Bandes das Thema aufnehmend, die Sage des blinden Sehers Teiresias, dem Bildungsbürger von Homer, Aischylos, Sophokles, Euripdes und Bodo Wartke bekannt, in eine moderne Fassung bringt. Aber nicht nur diese Referenz, sondern auch Gedichte wie These things I know, Fine, thanks oder Ballad of a hero (unten als War Music) lassen eine bereits reife Dichterin erkennen. Auch wenn letzteres in seiner Tendenz zum ex-soldatischen Anti-Kriegs-Kitsch mehr an Rise against als an Antigone erinnern.

Leider auch für diese Ausgabe gilt, dass die Übersetzung mit der Vorlage nicht ganz Schritt halten kann – dem Leser in einer zweisprachigen Ausgabe immer wieder vor Augen gehalten.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go
unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and
ache in your guts. Let them make everything tighten and
shine.

Poetry trembles alone, only picked up to be taken apart.

 

Kurt Drawert – Der Körper meiner Zeit – Gedicht

kurt drawert der körper meiner zeit gedichtKurt Drawert schätze ich sehr aber mit Der Körper meiner Zeit habe ich große Probleme. Es ist ein Langgedicht in fünf Teilen, „eine fortlaufende lyrische Bewegung markierend, die die Jahreszeiten, bestimmte Orte und Themen miteinander verknüpft, das Begehren, die Liebe, das Nichts und den Tod“, sagen zumindest Verlag und Autor. Sicher ist es das auch, aber ich verstehe es nicht. Und zugegeben ermüdet es mich daher etwas. Ich finde die sprachlichen Perlen Drawerts durchaus, aber irgendwie zerwabert mir alles zu sehr, um es genießen zu können. Auch wenn mein Hausgott Fritzchen angesichts Der Körper meiner Zeit noch lobte Drawert sei es gelungen, „in makelloser Sprache, in brennenden Bildern zu bannen, was unser aller Existenz ausmacht: das Elend der Suche nach Glück,“ so greife ich doch lieber zu einem der drei Obengenannten. Meiner Hochachtung für Drawert tut dies keinen Abbruch, aber Der Körper meiner Zeit ist nicht meins.

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Ein Monat auf dem Land – J.L. Carr

J.L. Carr Ein Monat auf dem LandZwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kommt der junge Restaurator Tom Birkin in das nordenglische Dorf Oxgodby. Eine kürzlich verstorbene Einwohnerin hat der Kirche eine beträchtliche Summe hinterlassen, wenn diese veranlasst, dass ein Deckengemälde freigelegt und wiederhergestellt wird, sowie das Grab eines ihres Vorfahren gefunden wird. Für erstere Aufgabe hat man Tom Birkin engagiert, für letztere einen Herrn Moon, ebenfalls Veteran des ersten Weltkriegs.

Von der Moderne ist in Oxgodby noch wenig zu spüren. Die bäuerliche Gesellschaft ist religiös, einfach und verschlossen. Der Reverend, als Auftraggeber Birkins, macht ihm klar, dass er und seine Arbeit nur geduldet werden, weil man in den Genuss des Nachlasses kommen möchte. Der junge Kriegsversehrte, stotternd und von nervösen Zuckungen geplagt, freundet sich zu erst mit Moon an, doch nach und nach wird er auch durch die Dorfgemeinschaft akzeptiert und zusehends integriert. Das zu restauriernde Fresko stellt sich, entgegen der Erwartung aller, als meisterhafte Arbeit heraus und Birkin überlegt, ob er nicht in Oxgodby bleiben möchte, denn der Sommer, seine neuen Freunde und die Frau des Reverends lindert seine Verwundungen.

Ich dachte an mein Wandgemälde. Aber die Hölle dieser Menschen war eine andere als unsere.

Kritisch was der Markt einem als neuentdeckte Klassiker unterjubeln möchte, las ich Ein Monat auf dem Land. Doch der schmale Roman von knapp 150 Seiten ist ein bemerkenswertes Stück Literatur. Die Kriegsgeschichte Birkins wird nur durch einige wenige Details geschildert, die doch ausreichen, um die erlittenen Schrecken nachvollziehen zu können. Carr benötigt keine minutiösen Schilderungen aus dem Schützengraben, um aufzuzeigen was der junge Mann litt und leidet. Er schildert das Zweifeln des Versehrten an Glauben und Religion ohne „Tom Birkin zweifelt an Gott“ schreiben zu müssen. Carr entwürft eine sanfte Liebesgeschichte ohne geschwätzig zu sein und schafft so einen feinen Roman, eine anrührende Geschichte, die nie rührselig ist und eine Romanze, in der Rosen vorkommen, ohne dass sie verkitscht. Meisterhaft.

Ein Monat auf dem Land – J.L. Carr
ISBN 3832198350
EAN 9783832198350
144 Seiten, Juli 2016
DuMont Buchverlag
Übersetzt von Monika Köpfer

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Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes – Sarah Bakewell

Mit freundlicher Unterstützung des C.H. Beck Verlages verlost 54books je eins von fünf Exemplaren von Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten von Sarah Bakewell. Zum Gewinnspiel muss man diesen Beitrag lediglich kommentieren. Die Teilnahmebedingungen findet ihr am Ende des Artikels.

Von meiner Bibliothek aus überschaue ich mein ganzes Hauswesen mit einem Blick. Sie liegt über dem Eingangstor, und ich sehe unter mir meinen Garten, meine Stallungen, meinen Innenhof und die meisten Teile meines Anwesens. […] Die Bibliothek liegt im zweiten Stockwerk eines Turms. Das Erdgeschoß wird von meiner Kapelle eingenommen, das erste Stockwerk besteht aus einem Schlafgemach mit Nebenraum, wo ich mich oft hinlege, um allein zu sein; und darüber befindet sich die Bibliothek, die früher als große Kleider- und Wäschekammer diente und der unnützeste Raum meines Hauses war. Hier verbringe ich die meisten Tage meines Lebens und die meisten Stunde der Tage.

Unweit von Bordeaux – 65 km mit dem Auto – befindet sich in einem winzigen Dorf im Perigord (–> siehe auch Bruno Krimis) ein Hogwarts-artiges Schloss. Umgeben von Weinbergen und einem Park liegt das Château de Montaigne. Wer hierher fährt muss sich für Kulissen erwärmen können, denn das eigentlich Schloss aus dem 14. Jahrhundert ist schon lange nicht mehr. Es wurde stetig umgebaut und nach einem Brand 1885 nur teilweise wieder aufgebaut. Einzig historisch sind zwei Wehrtürme. In einem lebte Michel Eyquem de Montaigne. Seine Nachfahren bewohnten das Schloss bis 1811 und nutzten den Turm als Kartoffellager, Hundezwinger und Hühnerstall. Inzwischen ist er so gut als möglich wieder in den Zustand gebracht worden, in dem er sich befand als Montaigne hier seine berühmten Essais verfasste.

Mit auf meine Reise dorthin nahm ich neben der Neuübersetzung der Essais von Hans Stilett, die es in zwei Ausgaben bei Die Andere Bibliothek erschienen ist (als Prachtband Essais: Erste moderne Gesamtübersetzung und handliche Reiseausgabe: Von der Kunst, das Leben zu lieben) das Buch Sarah Bakewells über Montaigne. Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten ist eine völlig andere Art sich Leben und Werk eines Philosophen zu nähern. Die zwanzig Fragen sind der Aufhänger auf 350 Seiten, zum Teil völlig unchronologisch, durch Montaignes Leben zu reisen. Die Antworten wie Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff! oder Habe ein Hinterzimmer in deinem Geschäft! zeichnen das Bild eines 500 Jahre alten Philosophen, dessen Fragen, Antworten und Lösungen sich auch in unsere Zeit bestens transformieren lassen. Nebenbei gelingt es Bakewell die Zeit Montaignes, Frankreich zerrissen von Religionskriegen, plastisch zu schildern und trotzdem äußerst unterhaltsam zu erzählen. Hilfreich ist dafür natürlich, dass Montaigne selbst ein äußerst unterhaltsamer, geistreicher Schriftsteller war, ein Philosoph, wie es selten ähnliche gab und geben wird.

Teilnahmebedingungen

Das Gewinnspiel endet am 21. August 2016 um 18:00 Uhr. Zu gewinnen gibt es jeweils einmal Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten von Sarah Bakewell. Unter allen bis zum Ende des Gewinnspiels abgegebenen Kommentaren wird das Los entscheiden. Die Gewinner werden per Email benachrichtigt und ihnen der Gewinn kostenfrei zugesandt. Die Namen der Gewinner werden nicht veröffentlicht. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von 54books. Eure Daten werden nur für den Versand an den C.H. Beck Verlag, München übermittelt, sie werden nicht gewerblich oder zu Werbezwecken genutzt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Die Buchpreisbindung bei Online-Verkäufen und -Auktionen

Es gibt nicht wenige Journalisten und inzwischen auch Blogger, die derart viele Bücher, ob bestellt oder unverlangt, zugeschickt bekommen, dass die Verlockung groß wird, diese zu Geld zu machen. Ähnlich dachte auch ein Journalist, der neue Bücher, die er als Rezensionsexemplare erhalten hatte, bei Ebay versteigerte. Er wurde abgemahnt und der Fall ging bis zum OLG Frankfurt, welches dem Abmahnenden Recht gab, denn die Versteigerung neuer Bücher zu einem unter dem Neupreis liegenden Preis verstößt gegen die Buchpreisbindung. Das Urteil vom 15. Juni 2004 – 11 U 18/2004 (Kart) im Schnelldurchlauf:

Der Beklagte versteigerte im Jahr 2003 in einem Online-Auktionshaus u.a. 48 Bücher, die erst 2003 erschienen waren. Dabei bewarb er die Mehrzahl der zur Versteigerung angebotenen Bücher in den dazugehörigen Artikelbeschreibungen mit Attributen wie „völlig neu“ oder „neu“ oder „originalverpackt“ oder „ungelesen“.

Bei Beginn der jeweiligen Auktion legte er regelmäßig den Betrag von 1 € als Startpreis fest. Die angebotenen Bücher erzielten in den allermeisten Fällen einen Preis unterhalb des angegebenen und festgesetzten Ladenpreises. Der Beklagte gab an, dass er lediglich Bücher aus seinem Privatbesitz, d.h. „gelesene, gebrauchte, neuwertige und seit Jahren ungelesen im Regal stehende Bücher, aber auch tatsächlich einige sehr neue Publikationen“ verkauft habe. Die entsprechenden Bücher seien nämlich „ungelesen und so wie ich sie erworben oder geschenkt bekommen habe, weitergegeben worden“.

§ 3 Buchpreisbindungsgesetz

Wer gewerbs- oder geschäftsmäßig Bücher an Letztabnehmer verkauft, muss den nach § 5 festgesetzten Preis einhalten. Dies gilt nicht für den Verkauf gebrauchter Bücher.

Das LG Frankfurt sowie das OLG Frankfurt stützt seine Entscheidung dabei im Wesentlichen auf folgende Punkte:

I. … Verkauf gebrauchter Bücher.

Es handelte sich bei den versteigerten Büchern nicht um „gebrauchte Bücher“ im Sinne von § 3 Satz 2 BuchprG, die einer Preisbindung nicht unterliegen. Sämtliche Bücher waren nach der Produktbeschreibung des Verfügungsbeklagten zu Beginn der jeweiligen Auktion „ungelesen“, „neu“ oder „völlig neu“ und befanden sich in einem „Topzustand“. Zum großen Teil war ausdrücklich die Bemerkung „originalverpackt“, in einigen Fällen auch „gerade erschienen“ hinzugefügt. Bücher, die durch diese Attribute gekennzeichnet sind, können schon begrifflich, aber auch nach dem allgemeinen Sprachgebrauch keine „gebrauchten“ Bücher sein.

II. … gewerbs- oder geschäftsmäßig …

Der Preisbindung unterliegen nicht nur gewerbsmäßig handelnde Buchverkäufer. Ausreichend ist nach dem Normtext schon ein „geschäftsmäßiges“ Handeln. Geschäftsmäßig handelt derjenige, der – auch ohne Gewinnerzielungsabsicht – die Wiederholung gleichartiger Tätigkeiten zum wiederkehrenden Bestandteil seiner Beschäftigung macht.

Für die Annahme eines geschäftsmäßigen Handelns kommt es danach nicht auf die erzielten Gewinne und auch nicht darauf an, ob der Beklagte nur „nebenbei“ Bücher versteigert. Rechtlich ohne Bedeutung ist ebenso, ob sich die Anzahl der Versteigerungen im Hinblick auf den Umfang der Arbeitsbibliothek des Verfügungsbeklagten von „gegenwärtig immer noch ca. 9.000 Büchern relativiert“. Schon die Versteigerung von mehr als 40 Bücher in einem Zeitraum von nur 6 Wochen ist im privaten Verkehr zumindest unüblich. Allein dieser Umstand rechtfertigt die Feststellung eines geschäftsmäßigen Handelns, weil der Beklagte das Angebot verlagsneuer Bücher im Internet unterhalb des gebundenen Preises gleichförmig und fortgesetzt zum wiederkehrenden Bestandteil seiner Beschäftigung gemacht hat.

III. … Letztabnehmer …

Der Beklagte hat in den streitgegenständlichen Fällen die preisgebundenen Bücher an „Letztabnehmer“ verkauft; er ist nicht selbst „Letztabnehmer“.

Letztabnehmer kann schon nach dem Wortsinn, aber auch nach dem Zweck der Preisbindung nur der Nutzer bzw. Endkunde sein, der das Buch zu eigenen Gebrauchszwecken oder zur unentgeltlichen Weitergabe erwirbt, dagegen nie der Händler, es sei denn dieser erwirbt zu privaten, nicht geschäftlichen Zwecken. Letztabnehmer ist also derjenige in der Vertriebskette, der als Letzter für das verlagsneue Buch Geld bezahlt hat.

IV. Bonus: Gerichtsprosa und -begründung für Profis

Allerdings legt der Wortlaut der Legaldefinition eine Rechtsverteidigung mit dem Einwand nahe, im Zeitpunkt des Erwerbs der Verlagserzeugnisse bzw. des Eigentumsübergangs habe der Wiederverkäufer noch nicht die Absicht gehabt, das Buch an Dritte weiter zu veräußern. Da eine solche Behauptung nicht ohne weiteres widerleglich ist, hätte dies in der Regel zur Folge, dass der Wiederverkäufer als „Letztabnehmer“ anzusehen und damit die Preisbindung erloschen wäre. Damit wäre indes der Verlust einer lückenlosen Preisbindung verbunden, weil bei einem Abstellen auf die subjektive Nutzungsabsicht des Erwerbers im Zeitpunkt seines Bucherwerbs, also auf eine „innere Tatsache“, eine praktikable Kontrolle nicht mehr möglich wäre, ob das preisgebundene Buch zum Eigenbedarf oder zum Weiterverkauf erworben wurde. Das wiederum stünde im Widerspruch zu dem Normzweck, der auch und vor allem darin besteht, einen leistungsfähigen Markt für Verlagserzeugnisse zu gewährleisten. Von daher liegt eine „verobjektivierende“ Bestimmung des Letztabnehmers nahe, die den Begriff negativ abgrenzt. Danach kann derjenige, der selbst gewerblich oder geschäftsmäßig Bücher veräußert, der Preisbindung nur dann nicht unterfallen, wenn einer der – vorliegend nicht einschlägigen – Ausnahmetatbestände des § 7 BuchpreisbindungsG eingreift oder die Preisbindung aufgehoben ist („modernes Antiquariat“) oder es sich um gebrauchte Bücher handelt. Ein Verkauf nicht gebrauchter Bücher durch Letztabnehmer würde danach begrifflich ausscheiden.

Gegen diese Auffassung spricht allerdings, dass der Gesetzgeber ausweislich der amtlichen Begründung zu § 2 Abs. 3 BuchpreisbindungsG keine mehrstufige Preisbindung im Büchermarkt angestrebt hat. Auch in dem letzten Absatz der amtlichen Begründung zu § 3 BuchpreisbindungsG wird klargestellt, dass sich die Pflicht zur Einhaltung des gebundenen Endpreises „wie nach bisher geltendem Recht nur auf den ersten Verkauf von Büchern an Letztabnehmer“ bezieht. Daran lässt sich in gedanklicher Anlehnung an den auch auf nationaler Ebene im Urheberrecht geltenden Erschöpfungsgrundsatz auch für den Bereich der Buchpreisbindung die Auffassung vertreten, dass dem Zweck der gesetzlichen Regelung, nämlich einen leistungsfähigen Markt für Verlagserzeugnisse in Deutschland zu erhalten, jedenfalls dann ausreichend Genüge getan ist, wenn der Buchhandel einmal am preisgebundenen Entgelt der ersten Veräußerung partizipiert hat.

Auch unter Zugrundelegung dieser Auffassung, die den Schutz der Preisbindung enger gestaltet, ergibt sich bei der rechtlichen Bewertung der vorliegend zur Entscheidung stehenden Fallgestaltung kein anderes Ergebnis. Der Beklagte hat nämlich sämtliche Bücher von Verlagen zu Rezensionszwecken erhalten; das bedeutet aber, dass keines der streitgegenständlichen Bücher im Rahmen eines ersten Verkaufs an ihn oder zuvor an einen Dritten gelangt ist. Der Beklagte wäre mithin auch nach dieser Auffassung nicht „Letztabnehmer“ im Sinne von § 2 Abs. 3 BuchpreisbindungsG, weil die von ihm versteigerten Bücher nicht zuvor wenigstens einmal entgeltlich erworben wurden. Da dem Verfügungskläger danach der erstinstanzlich zugebilligte Unterlassungsanspruch nach § 9 BuchpreisbindungsG in jedem Fall zusteht, muss der Senat im Rahmen dieses auf vorläufigen Rechtsschutz ausgerichteten einstweiligen Verfügungsverfahrens nicht endgültig entscheiden, welche Rechtsauffassung er sich zu Eigen machen will.

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